Fernsehfilm „Gefangen“

Ein Mann sieht Geister

Von Heike Hupertz
07.04.2021
, 17:07
Es beginnt mit einer Verkehrskontrolle und einem tödlichen Unfall. Dann wird es immer seltsamer: Der Film „Gefangen“ ist eine Bilderballade von Leben und Tod. Und stellt uns vor viele Fragen.

Niemand kann Harry (Wolfram Koch) vorwerfen, etwas falsch gemacht zu haben, am wenigsten er sich selbst. Er war ja dabei und, direkt von einer Hochzeit kommend, mit seinem Partner auf dem Motorrad auf dem Weg zur Schicht, sieht mit eigenen Augen trotz geschlossenem Visier, wie der Familienwagen die Böschung herunterstürzt und reagiert als Verkehrspolizist wie aus dem Lehrbuch der öffentlichen Sicherheitsbewahrer.

Während sein Kollege René (Sebastian Schwarz) auf der Landstraße den Verkehr ordnet, umkreist Harry allein den Unfallwagen, sondiert mit Umsicht, bricht die verklemmten Türen auf, zieht den noch lebenden Mann aus dem Wagen, löscht, sieht die Kinderhand an der Scheibe kleben und spricht unablässig mit den Opfern: „Ruhig, ich helfe euch, gleich mache ich auf, gleich ist es vorbei, gleich, gleich, ich muss erst zu den Kindern.“ Dann stirbt der Mann (Godehard Giese) in seinen Armen, nun sind alle tot, Vater, Mutter (Susanne Wuest) und die beiden Kinder. Harry wendet den Blick, schaut in die leere Luft. Die Kamera (Patrick Orth), die dicht an ihm klebt, gibt ihn für den Moment frei.

„Gefangen“, die erste Fernseharbeit von Elke Hauck (Buch und Regie, „Karger“ und „Der Preis“ für das Kino), verzichtet auf vieles, was Fernsehfilme gewöhnlich bieten. „Gefangen“ erklärt nicht, sondern zeigt. Unwichtig, geradezu hinderlich, findet es diese Bilderballade von Leben und Tod, jede Szene durchzubuchstabieren. Es gibt große Auslassungen zwischen den Strophen dieses filmischen Gedichts, das in mancher Hinsicht auch der Novellenform nahesteht. Einige Handlungsräume muss man sich eigenständig erkunden. Mit Motiven, die plausibel erscheinen, oder mit Extraansichten, die im Kopf herumzuspuken beginnen. Mit Herkunftsgeschichten, die dunkel bleiben, aber auf erklärungsdrängende Weise relevant. Oder mit Vergangenheit, die nicht beliebig scheint, sondern mit Gründen so oder so gewesen sein könnte. Oder mit Eheproblemen, die zwischen den gesprochenen Zeilen ihre Sichtbarkeit verbergen wollen. So detail- und brennscharf „Gefangen“ an manchen Stellen auch ist, so ungeheuer großzügig geht der Film mit Auslassungen um. Warum macht der das? Warum handelt sie so? Der Eindruck ist enigmatisch, mystisch verwoben mit schlagender Evidenz.

Das Handlungsgerüst freilich trägt die Geschichte für die Fraktion der Chronisten. Harry, den sein Vater Hartmut benannte, war früher beim Staatsschutz und SEK und hat sich nun als einfacher Verkehrspolizist von Stress und Ambitionen freigemacht. Spielt am Straßenrand Luftgitarre und redet gern mit den Kontrollierten. Er interessiere sich eben für Menschen, sagt er. Mit dem toten Vater aus dem Unglückswagen hatte er am Vortag noch gesprochen – über Familie.

Mit seiner zweiten Frau Ellen (Antje Traue) wagt Harry gerade zum zweiten Mal den Anfang. Die Polizeiausbilderin ist schwanger mit Harrys drittem Kind. Der Große tourt durch Australien, Tochter Vicky (Lola Liefers) möchte gern weg von Harrys Ex und Teil des Aufbruchs sein. Drama entsteht in diesem Film daraus nicht.

Die Verunsicherung des Moments spielt sich anders aus. Mehr und mehr wird Harry, den Wolfram Koch bewundernswert durchlässig spielt, vom abgelegenen Haus der Toten angezogen. Er bricht ein und schwimmt im See hinterm Haus. Jugendliche stehlen seine Kleidung. Wie ein Krieger im unbekannten Wald tarnt Harry sich mit Schlamm und trifft auf das Freigehege von Wölfen. Er benutzt die Kleidung des Mannes, verschmilzt mit dessen Leben, verschwindet zeitweise, fällt wie aus der Zeit und seiner Alltagslogik heraus, trifft die Toten und will ihr Haus erwerben. Ellen, die Antje Traue stark und wissend verkörpert, sieht hin und folgt ihm. Auch im Blick auf die Paarbeziehung bietet „Gefangen“ anderes als die handelsübliche dramatische Klimax.

An der Musik von Tobias Wagner können sich Geister scheiden, an diesem Fernsehfilm selbstredend auch, und das spricht unbedingt für ihn. Ordnet man ihn ins Programm, dann erinnert er vielleicht an Jan Bonnys „Wir wären andere Menschen“ mit Matthias Brandt und Silke Bodenbender, einen Fernsehfilm, der eben für den Grimme-Preis nominiert wurde.

Beide Filme, so unterschiedlich ihre Regiehandschrift auch ist, überlassen dem Publikum Bilder zum Dechiffrieren und Assoziieren und Raum zum Selberdenken. Gäbe es mehr von dieser Art, dann hätte sich der wohlfeile Vorwurf der Banalität des fiktionalen Programms hierzulande wohl endgültig überlebt.

Gefangen läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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