Letzter „Polizeiruf“ mit Bukow

Abschied im Auge des Sturms

Von Heike Hupertz
09.01.2022
, 17:17
Zum Niederknien: Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau)
Video
Der letzte „Polizeiruf“ mit Sascha Bukow bereitet dem scheidenden Kommissar einen würdigen Abgang – und glänzt schauspielerisch wie auch erzählerisch.
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Polizist oder Unterweltgröße – welche Seite Sascha Bukow (Charly Hübner) im Rostocker „Polizeiruf 110“ wählen würde, war vor elf Jahren offen, danach manchmal fraglich. „Einer von uns“ hieß die erste Folge, die den rauen, oft brutalen und hintergründig moralkritischen Ton der Reihe setzte. Eoin Moore (Buch und Regie), der zusammen mit Anika Wangard (Buch) die Figuren des Polizeifilms entscheidend erfand und über die Jahre entwickelte, gab Sascha Bukow eine Straßenkötervergangenheit, die nicht nur äußerlich war, sondern die DNA des Kommissars ausmachte, er gab ihm seine Intuition für Gut und Böse und sein Gespür für Verbrecher. Mit Katrin König (Anneke Kim Sarnau) wurde ihm ein ebenbürtig schwieriger Charakter als Partnerin an die Seite gestellt: Wo man ihm nicht trauen konnte, war sie überkorrekt aus Angst vor Kontrollverlust, wo er zupackte, hielt sie ihm soziologische Vorträge. Rostock spielte mit als meist unwirtlicher Ort, die angemessene Bühne.

Moore und Wangard verschoben die Konfliktlinien Fall für Fall, erzählten beider Entwicklung über die Jahre stimmig als mit- und gegenläufige Bewegung. Gewissen und Gesetz im Konflikt, das war das Thema. Manchmal hatte das die erzählerische Wucht antiker Tragödie. Fragen der Gerechtigkeit wurden ins Extreme gewendet. Im dritten Fall, „Feindbild“, vernichtete Bukow erstmals Beweise, gegen den sadistischen Schwerverbrecher Subocek (Aleksandar Jovanovic), der Bukows Familie terrorisierte und den Sohn in seiner Gewalt hatte. Für König kam der Moment des Schwurs mit dem manipulativen Frauenmörder Guido Wachs (Peter Trabner). Vor Jahren war er fälschlicherweise freigesprochen worden, jetzt konnte sie ihm die Tat nachweisen. Zu spät für das Justizsystem. In „Für Janina“ fälschte sie die Beweise, unerhört und eigentlich undenkbar für eine öffentlich-rechtliche Fernsehbeamtin. Wachs kam ins Gefängnis für einen Mord, den er nicht begangen hatte. Ihr Sündenfall verfolgte sie, Wachs schrieb ihr Briefe aus dem Gefängnis, terrorisierte sie (in „Und erlöse uns von dem Bösen“). Mehr als einmal wurden Bukow und König „Partner in Crime“, standen zusammen sogar vor Gericht.

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Bukow und König, spröde Seelenverwandte

Das Gut-und-Böse-Grenzüberschreitungsthema tauchte nicht in jeder der nun 24 Folgen ähnlich vordergründig auf. Mal war es bestimmender, mal mehr Hintergrund, die Geschichte mit Wachs wurde erst einmal fallengelassen, dann wieder zugespitzt. Bukows Vater Veit (Klaus Manchen), der Pate von Rostock, kam bei einem Hinterhalt ums Leben, und man wusste in jedem der meist herausragenden Rostocker „Polizeirufe“ der letzten Jahre schon, dass es zu viele lose Fäden gibt, dass zu viele dienstrechtliche Verfehlungen, zu viel Einsichten in die manchmal tragische Bedingtheit des Justiziablen, selbst in die Sühne von Mord, geschehen sind und bestehen, um Bukow und König, spröde Seelenverwandte, die sich zuletzt als Liebespaar finden durften, ein glückliches Ende zu ermöglichen.

Dass Charly Hübner mit der aktuellen Folge aussteigt, hat sich herumgesprochen. „Einer von uns“ hieß die erste Folge, die letzte mit ihm, die in vieler Hinsicht den Bogen zum Anfang schlägt, heißt „Keiner von uns“. Eoin Moore und Anika Wangard machen daraus einen fulminanten Fall, der das Mafiamilieuthema nach allen Regeln der Genrekunst bespielt. Der Bandenkrieg, der sich im Untergrundmachtvakuum nach Veit Bukows Ermordung entwickelt, ist allerdings nicht einfach ein weiterer Fall, der Bukows und Königs Hadern mit den dunklen und hellen Seiten ihrer Charaktere in den Mittelpunkt stellt, sondern er treibt sie unnachgiebig aus ihren ohnehin konfliktreichen Komfortzonen heraus, stellt die Vertrauensfrage mit bitterer Konsequenz.

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Sascha ist Veits Erbe, so meint es nicht nur Clubbetreiber „Tito“ Titolew (Alexandru Cirneala). Zeit für einen Neuanfang als Nachfolger. Bukow, den die Kamera von Florian Foest immer näher als Schmerzensmann und Erlöserfigur in den Blick nimmt, ist schon im Aufbruch. In die Zukunft mit König. Er benutzt ihre Zahnbürste, was ihr definitiv zu viel Nähe ist, er kauft ihr Plastikblumen, „weil die länger halten“, am liebsten auf ewig. Er ist verliebt, aber kein Trottel. Subocek ist nach elf Jahren Haft entlassen worden, taucht auf und will Rostock beherrschen. Oder Rache nehmen. Seine Schläger bekommen Bukow zu fassen. „Du kannst dich keine Millimeter bewegen, gehörst mir, arbeitest für mich“, fordert Subocek. Das Druckmittel hat er auf Band und damit auch König in der Hand. Sie soll ebenfalls auf seine Gehaltsliste, und ihr Liebhaber soll es ihr beibringen.

Eine in trockener Entschlossenheit ergreifende Vorstellung

Während Subocek in Rostock Fakten schafft, wird Tito ermordet. Der Verdacht fällt zunächst auf den leicht abgewrackten Bandleader Jo Mennecke (Bela B. Felsenheimer von den „Ärzten“). König, Anton Pöschel (Andreas Guenther), Volker Thiesler (Josef Heynert) und Chef Henning Röder (Uwe Preuss) ermitteln, befragen Menneckes Frau Dora (Sithembile Menck) und observieren im Prostitutionsmilieu, in Bukows alter „Familie“. Ein neuer Untergrundplayer, der „Falke“, macht von sich reden. Bukow ist abwesend, macht Alleingänge, die Muster sind ihm vertraut, nun aber will er vor allem König schützen. Dass das schwierig wird, liegt in der Logik der Entwicklung der Figuren und Umständen – von der allerersten Folge an. „Keiner von uns“ rollt Charly Hübner für seinen Abgang den roten Teppich aus – vielmehr einen verdreckten Teppich mit Stolperfalten, mit fadenscheinigen Gewissheiten, schlechten Entscheidungen aus guter Absicht, mit Ohnmacht, die im Grunde nur das Selbstopfer als Wahl lässt. So erzählerisch vielschichtig die gemeinsame Geschichte an ihr Ende kommt – diese Folge ist auch großes Schauspielerkino: Charly Hübner gibt eine in trockener Entschlossenheit ergreifende Vorstellung. Und großes Schauspielerinnenkino: Anneke Kim Sarnau lässt die emotionale Vorsicht ihrer Figur fahren, reißt sich zu einem Heiratsantrag mit Kniefall hin. In der Mitte von „Keiner von uns“ gibt es die eine Szene im Auge des Sturms, auch Hübner geht aufs Knie, beide stehen danach für einen Moment auf dem Parkplatz des Reviers still und wissend aneinandergeschmiegt wie Romeo-und-Julia in erwachsen. Obwohl man nicht weiß, was kommt, ist klar, was kommen muss.

Die letzte Viertelstunde dieser Folge wurde gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Sonst bekommen Rezensenten lange vor der Ausstrahlung meist vollen Zugang zum öffentlich-rechtlichen Programm. Dieses Mal bricht der Film in einer Schießerei zwischen verschiedenen Gangs und Polizisten ab. Dass es Bukow nicht mehr geben wird, ist freilich gesetzt. Und dass König weitermacht, ohne ihn. Dafür mit seiner Halbschwester (Lina Beckmann, im wirklichen Leben Charly Hübners Frau), die „Polizeiruf“-Zuschauer schon beim Begräbnis von Veit Bukow kennengelernt haben. „Keiner von uns“ ist nicht nur ein Abgang mit Würde, sondern auch der Beweis, dass Kommissare keine irgendwie „interessanten“ Backstorys brauchen, um den Polizeifilm auf einem so existenziellen wie exzellenten Niveau siedeln zu lassen wie hier. Ein zentraler Konflikt, die Auseinandersetzung von Berufsethos, Verbrechermoral und persönlichem Gewissen reicht. Danke, Charly Hübner – und danke, alle anderen.

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Der Polizeiruf 110 – Keiner von uns läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.



Trailer
Polizeiruf 110: „Keiner von uns“
Video: ARD Mediathek, Bild: NDR

Quelle: F.A.Z.
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