Der „Lissabon-Krimi“ im Ersten

Wem soll man Glauben schenken?

Von Claudia Reinhard
19.11.2020
, 17:12
Abseits der gewohnten Pfade: Der Lissabon-Krimi „Zum Schweigen verurteilt“ widmet sich dem Thema Kirche und Kindesmissbrauch.

Ein Mann im Karohemd lässt an der Kirchenorgel Toccata und Fuge in d-Moll erklingen, sogleich stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit ein. Offenbar auch bei dem Heranwachsenden, der selig neben dem Musiker sitzt, zehn oder elf Jahre alt mag er sein. Dann ein Blick auf die Uhr und die beiden erklimmen den Glockenturm. Sie setzen Kopfhörer auf, machen es sich gleich neben der riesigen Glocke gemütlich, der Mann legt den Arm um den Jungen.

Die Filmemacher des neuesten Lissabon-Krimis wissen, dass diese Bilder ambivalent sind, und die düsteren Assoziationen erfüllen sich sogleich. Am nächsten Tag ist der Junge, Pelé (Vasco Frazo), tot. Er wurde erstickt und außerdem sexuell missbraucht. Die Leiche legt der tränenüberströmte Organist vor dem Altar ab, nur trägt er diesmal Kollar statt Karo, er entpuppt sich als Padre Crstovao Lima (Timur Isik), Priester dieser Gemeinde.

Kontakte in die Lissaboner Unterwelt

Statt von der Kanzel predigt er bald aus der Untersuchungshaft: „In der Beichte öffnet der Mensch sein Gewissen nur für Gott. Sie ist heilig.“ Hindert das Beichtgeheimnis den Padre daran, den Mörder zu enttarnen? Oder benutzt er es als Vorwand, um seine eigene Unschuld vorzutäuschen? Sein Anwalt Eduardo Silva (Jürgen Tarrach) jedenfalls glaubt ihm und macht sich auf, wie üblich deutlich effizienter als Polizei oder Staatsanwaltschaft, den wahren Täter zu finden. Unterstützt wird er von der Jura-Studentin Marcia Amaya (Vidina Popov) und deren Onkel Valdemar (Luís Lucas), dessen Position in der Lissaboner Unterwelt sich als besonders nützlich erweist. Auch der Padre kannte sich mit Kriminellen aus, zumindest mit den kleinen Fischen. In seiner Gemeinde bot er Straßenkindern einen Platz zum Essen und Schlafen, Pelé war eines von ihnen. Den Gläubigen imponierte das in der Theorie, praktisch ist aber das gesamte Viertel über Diebstähle und Vandalismus durch die Heimatlosen empört. Das brutale und korrupte Vorgehen der Polizei verschärft die Situation, Eduardo Silva dagegen zeigt im Umgang mit den kleinen potentiellen Zeugen ein erhebliches Feingefühl, was ihn auch zum Ziel führt.

In diesen Szenen glänzt Jürgen Tarrach, der die Professionalität seines Juristen mit feiner Melancholie anreichert, die seine Figur zugänglicher macht. Es fällt nicht immer leicht, die deutschsprachigen Schauspieler als Portugiesen wahr- und ernst zu nehmen, spätestens Katharina Pichler als Silvas Vermieterin Beatriz Oliveira reißt den Zuschauer mit ihrem österreichischen Einschlag dann doch immer wieder aus der Illusion. Freunde des Genres der öffentlich-rechtlichen Auslandskrimis sind an das Konzept gewöhnt, doch auch für die Schauspieler dürfte es eine Herausforderung sein. Vidina Popov überzeugt trotzdem als Assistentin des Anwalts, sie verkörpert zumindest im Ansatz die Empörung und emotionale Hilflosigkeit im Angesicht eines grausamen Verbrechens und der Prinzipien der Kirche, diese zu verschweigen, wenn nicht sogar aktiv zu vertuschen.

Man habe es in dieser Episode aus Lissabon (Buch Thomas Freundner und Horst Freund) „mit einem klassischen Whodunit zu tun, in dem der Zuschauer seine Freude am Mitraten ausleben kann“, sagt der Regisseur Tim Trageser im Interview mit der ARD. Eine solche Herangehensweise an eine Geschichte über Kindesmissbrauch nicht als – wenn auch unbeabsichtigt – latent zynisch wahrzunehmen fällt allerdings einigermaßen schwer. Wenn es um sexuelle Gewalt an Kindern geht, werden die meisten Zuschauer wohl kaum ihre „Freude am Mitraten“ ausleben wollen. Von der Krimifiktion in Sachen Mord und Totschlag mag man das gewohnt sein. Hier geht es aber um etwas anderes als das übliche Setting der sonst aufs Touristisch-Beschauliche angelegten Auslandskrimis der ARD.

Bei Eduardo Silvas sechstem Fall „Die Verlorene Tochter“, der in einer Woche ausgestrahlt wird, ändert sich das wieder. Hier sind Zuschauer, die es im Lockdown light nach schönen Reisebildern und einer stimmigen Mischung aus Spannung und persönlichem Drama – es geht um Silva und seine bis dato nie aufgetauchte Tochter Ines – dürstet, wieder sehr richtig aufgehoben.

Der Lissabon-Krimi: Zum Schweigen verurteilt, heute um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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