Russischer Dokumentarfilm

Ein Christ ist stets bereit zu sterben

Von Kerstin Holm
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 16:10
Russlands Regimeschützer sollen nicht nachdenken: ein Zögling der Moskauer Scholochow-Kadettenschule bei einem Einsatzzur Bildergalerie
Verteidiger einer Ersatzfamilie: Der Dokumentarfilm „Goldene Knöpfe“ des Regisseurs Alexej Jewstignejew führt in die Brutstätte der russischen Schlägermilizen.

Die Frage, die gerade viele Belarussen beschäftigt, wie es kommt, dass ihre Sonderpolizisten so bereitwillig friedliche Demonstranten verprügeln, treibt auch viele Menschen in Russland um, wo Präsident Putin vor vier Jahren die für ihre Härte berüchtigte Russländische Garde gründete, damit sie sein Regime verteidigt. Für den jungen russischen Filmregisseur Alexej Jewstignejew, der sich selbst als regimekritisch versteht – wie auch den größten Teil seiner Generation – war diese Frage der Grund, warum er noch als Student des Moskauer Filminstituts in der Scholochow-Kadettenschule drehte, wo Gardekämpfer ausgebildet werden. Die Arbeit an der Dokumentation habe ihm geholfen, die Psyche der Ordnungshüter besser zu verstehen, sagt der 22 Jahre alte Jewstignejew am Telefon. Seine Hochschule tat das Material als Ausschuss ab. Doch der zwanzig Minuten lange Film, der daraus entstand und dem Jewstignejew den Titel „Goldene Knöpfe“ gab, war in diesem Jahr schon auf mehreren internationalen Festivals zu sehen und wurde in Krakau und in Nyon in der Schweiz ausgezeichnet.

Jewstignejew und seine Kamerafrau Lisa Popowa konnten vorigen Herbst mehrere Monate in der Schule arbeiten, möglicherweise weil die Leitung die Berufsanfänger nicht für voll nahm, vermutet der Regisseur. Die zwischen zehn und sechzehn Jahre alten Jungen, die aus problematischen Verhältnissen oder aus Familien von Militärs stammen, leben, während sie zu Systemwächtern erzogen werden, in einer Art Kaserneninternat. Die Älteren identifizierten sich mit der Mission und versuchten, Karriere zu machen, hat Jewstignejew beobachtet. Zu Filmhelden machte er daher Kadetten der unteren Jahrgänge, deren Kindergesichtern man ansieht, dass sie den Drill und die Indoktrinierung noch als Drama erleben.

In Reih und Glied zum Gottesdienst

Die uniformierten Jungen müssen strammstehen, bevor sie in Formation zum Unterricht, zum Essen oder in die Kirche gehen. Den Instruktionen ihres Offiziers lauschen sie in Habachtstellung, die Hände an der Hosennaht. Jeden Abend schaut man gemeinsam die Nachrichtensendung „Wremja“ (Die Zeit) im Ersten Kanal des Staatsfernsehens. Ihr Mobiltelefon dürfen die Kadetten täglich für einige Minuten vor dem Schlafengehen benutzen, um ein wenig zu spielen oder Angehörige anzurufen.

Um die Privatsphäre der Figuren zu wahren, filmt die Kamera immer wieder Standporträts einzelner Kadetten, deren unbewegte, aber höchst lebendige Kindermienen gewissermaßen die weiche Materie darstellen, die der im Hintergrund ablaufende Unterricht formen will. Das Ideal der Staatsgewalt scheint eine Art militarisiertes Ballett zu sein, immer wieder wird das Marschieren in Reih und Glied und der das Bein prachtvoll in der Schwebe haltende Paradeschritt exerziert, eigens auch die Ausrichtung der Gesichter. In der Religionsstunde schärft ein orthodoxer Priester den Kindern ein, ein Christ müsse jederzeit bereit sein zu sterben. Der Gottesmann, von dem man nur die Stimme hört, erklärt, wie sich die Apokalypse ankündige: durch Kriege, Bruderzwist, nachlassende Nächstenliebe. Dann sei das Weltgericht nahe. Die dünne Stimme eines Jungen fragt, ob auch Kinder gerichtet würden, was der Geistliche bejaht.

Ein zentraler Teil des Lehrplans ist die Heldenkunde. Aus dem Off sagt der Priester, der 2001 heiliggesprochene Flottenadmiral Fjodor Uschakow (1745 bis 1817), der in Seekriegen gegen die Türken und Franzosen erfolgreich war, habe vor jeder Schlacht die Beichte abgelegt, und die Türken hätten gemeint, Kugeln würden von Uschakow abprallen. Doch auch der Sonderpolizist Juri Lobow (1972 bis 1993), der während des Oktoberputsches 1993, also bei einem inneren Konflikt, das Weiße Haus gegen Angreifer verteidigte und dabei in die Luft gesprengt wurde, wurde, so lernen sie an anderer Stelle, postum zum Helden Russlands kanonisiert. Bei einem Appell redet der Offizier Klartext: Nachdenken sollten die Kadetten nicht beziehungsweise nur darüber, wie sie am besten die Befehle erfüllten.

Zugleich wird die Kadettenschule für viele Zöglinge auch zu einer Art Familie, bezeugt Jewstignejew. Ein Junge, dessen Gespräch mit einem Kameraden aufgezeichnet wurde, erzählt diesem, wie sein leiblicher Vater, ein Omon-Sonderpolizist, seine Mutter betrogen und ihn mit kochendem Wasser begossen habe. Aber auch sein Stiefvater sei Polizist. Einige Aufnahmen, bei denen sich die durchweg düstere Beleuchtung des Films goldig aufhellt, zeigen die Jungen bei ihren abendlichen Mobiltelefonanrufen, wobei vielen Tränen aus den Augen strömen und sie wieder zu Kindern werden. Dass die Offiziere auch Ersatzväter sind, verdeutlicht die Szene, bei der ein Kommandeur die von ihm getriezten Kadetten wie zum Trost als seine Kinder und Protegés anspricht. Einer von ihnen wagt daraufhin, den „Genossen Leutnant“ zu bitten, er möge ihm helfen, goldene Knöpfe an seine Uniform zu nähen.

Am Ende sieht man einen jungen Gardisten, der in einer belebten Moskauer Straße die Absperrung vor einer Kundgebung sichert. Während die Stimme eines Oppositionellen verkündet, er verachte Russlands unehrliche, ungerechte Machthaber, die das Land ruinierten und sich selbst in den von ihnen geschmähten Westen absetzten, scheinen sich in dem gespannten Gesicht des Ordnungshüters Zweifel abzuzeichnen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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