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Schlachtensimulator „TABS“

Willkür mit Walküren

Von Axel Weidemann
 - 09:59
Da muss Odin ein Auge zudrücken: Im Kampf gegen die koboldnasigen Bergmönche haben Walküren das Nachsehen.

Es gab eine Zeit, da konnte die Antwort auf die Frage, ob ein Skorpion gegen eine Vogelspinne (welcher Art, war in beiden Fällen egal) im Kampf Tier gegen Tier gewinnt, eine Freundschaft stark belasten. Löwe und Krokodil waren ebenso heißdiskutierte Sparringspartner. Nur bei Weißer Hai versus Löwe waren sich alle bald einig. Später änderten sich die Kontrahenten, je nachdem, welches „Was-ist-was“-Buch man gerade in der Grundschulbücherei studiert hatte. Ganz egal, ob Wikinger gegen Cowboy, Ritter gegen Samurai – es folgten hitzige Debatten, deren Kern-Argumentation zumeist auf „kann er gar nicht“ contra „kann er wohl“ beruhte. Fernseh-Formate wie „Galileo“, „Welt der Wunder“ oder „Myth-Busters“ haben ganze Sendungen mit solchen Szenarien bestritten; und auch die Filmindustrie („Cowboys versus Aliens“) sowie die Literatur („Robots vs. Fairies“) scheuen diese bildträchtigen Unwahrscheinlichkeiten nicht.

Die Entwickler des schwedischen „Landfall“-Studios hatten vermutlich mit ähnlichen Schwierigkeiten bei der Lösung solcher kriegsentscheidenden Fragen zu kämpfen und haben deshalb den „Totally Accurate Battlesimulator“ (TABS) erfunden, einen Schlachtensimulator also, mit bestechender Physik und dem Anspruch auf höchste Ergebnisgenauigkeit. Auf dass auch der Streit über Kämpfe zwischen Kontrahenten, die sich (bisher) nie begegnet sind, oder kontrovers diskutierte Siege in epischen Schlachten abermals am Computer und ohne jedes Blutvergießen entschieden werden können. Man wählt die gewünschten Einheiten aus, stellt sie auf, drückt Start, lehnt sich zurück und lässt den Rechner den Rest so „genau“ wie „anschaulich“, nun ja, berechnen.

Hier kann Zeus gegen die magische Vogelscheuche antreten

Es lassen sich in TABS zwar bis jetzt keine Tiere gegenüberstellen (mit Ausnahme eines bemalten Mammuts, Schlangenbogenschützen, eines Minotaurus und den Krähen einer besessenen Vogelscheuche), dafür mehr oder minder realistische Einheiten aus den nur lose zusammenhängenden Kategorien „Stammeszeitalter“, „Antike“, „Mittelalter“, „Wikinger“, „Bauern“ und „Dynasty“ (womit eine krude Mischung aus asiatischen Elementen vom „Ninja“ bis zum „Affenkönig“ gemeint ist).

Als Fraktionen stehen sich wie in den Manövern der Bundeswehr stets Rotland und Blauland gegenüber. Danach muss man sich entscheiden, ob man im Kampagnen-Modus seine Armee in vorgegebenen Szenarien aufstellt, im „Sandbox“-

Modus eigene Kämpfe entwirft oder historische Schlachten nachstellt. So erfreulich wie bereichernd: Hier kommen auch die übernatürlichen Akteure zum Zuge, kann Zeus gegen die magische Vogelscheuche antreten oder ein Knochenschamane gegen eine Walküre.

In ersten Tests – wir achten bei jedem Test auf die Balance des jeweiligen Punktwertes der Einheiten auf beiden Seiten – haben wir Götter und göttliche Wesen den Vortritt gelassen, weil diese am längsten dabei sind und diese hypothetischen Kämpfe weniger ideologisch aufgeladen sind. Ergebnis: Zeus (2000 Punkte) verliert in drei von drei Versuchen gegen vier Walküren (je 500 Punkte). Der „Affenkönig“ (2000 Punkte) gewinnt immerhin eine von drei Partien gegen die Lufthoheiten, während die tribalistischen Knochenschamanen (sieben zu je 300 Punkten) nicht den Hauch einer Chance haben.

Wir stellen die Schlacht bei den Thermopylen nach

Diese Scharmützel sind natürlich nur zum Aufwärmen. In der Expertenrunde stellen wir die Schlacht bei den Thermopylen nach. Mit leichten Modifikationen: Es ist eine offene Feldschlacht; wir teilen die geschätzte Truppenstärke (auf Leonidas’ Seite laut Herodot etwas über 6000 Mann, auf Xerxes’ Seite mindestens ein Zehnfaches mehr) durch 100, denn schon die Berechnung von mehr als 10 000 eigenständigen Einheiten überlastet sowohl den Simulator als auch unsere Hardware.

Und so treten an, für Leonidas (großzügig repräsentiert durch einen Minotaurus): zehn Tegeaten und Mantineer, 1,2 (abgerundet) Männer aus Orchomenos, zehn aus dem restlichen Arkadien (hier Schlangenbogenschützen), vier aus Korinth, zwei aus Phleius, acht aus Mykene, sieben aus Böotien und Thespiai, zehn aus Phokis, einer (aufgerundet) aus Lokris, vier Thebaner und natürlich: drei spartanische Hopliten. Xerxes (simuliert mit Hilfe der wackeligen Einheit „König“) hat, großzügig kalkuliert, eine Armee aus 200 Bogenschützen (als „Unsterbliche“), einer 400 Mann starken Fußtruppe (Meder und Kissianer, hier simuliert mit „Schild-Knappen“) und – für was auch immer sie gut sein mögen – 21 Barden (darunter ganz willkürlich der Verräter Ephialtes von Trachis).

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Trailer
„Totally Accurate Battle Simulator“

Start per Tastendruck: Tauren-Leonidas stürmt nach vorn mitten in die gegnerischen Reihen, unkoordiniertes und stockendes Gewimmel. Mit der Taste „G“ geht es in den Zeitlupen-Modus. Plötzlich scheint die Schlacht stillzustehen. Erkennen lässt sich nun: Schon nach wenigen Sekunden sind Tegeaten, Mantineer, Korinther und die sieben aus Böotien und Thespiai vollständig aufgerieben. Der gehörnte Leonidas steht noch. Ein gezielter Pfeilschuss landet zwischen den Beinen eines anscheinend vor Angst gelähmten Schlagenbogenschützen, ein anderer Pfeil streckt einen der Spartiaten nieder. Wenig später erliegen auch die anderen zwei Spartaner den Pfeilen der „Unsterblichen“. Auf griechisch-spartanischer Seite stehen nach etwa 20 Sekunden zwei, nein ein Lanzenträger, und – nein, auch der tapfere Leonidas ist nun gefallen. Sieg für Xerxes – „total akkurat“ also. Kurz fragt man sich, wie der Kampf ausgegangen wäre, hätte Leonidas einen Schwarm Walküren befehligt – und probiert es gleich aus: Es kämpfen – nicht mehr ganz so maßstabsgetreu wie zuvor – ein Mann-Stier, 40 spartanische Hopliten, 20 Walküren und ein Ninja gegen 400 Heugabelträger, drei Dutzend Heuballenkrieger, etwa 200 Bogenschützen und einen Perser-„König“. Die Wucht des Aufpralls lässt den Simulator zusammenbrechen, so dass über den Ausgang dieser Schlacht nicht berichtet werden kann.

Monatelange Unterhaltung kann und will „TABS“ nicht bieten. Es ist eine Art virtuelle, aber dafür lebendige Mischung aus Modelleisenbahn und „Risiko“-Live. Man kann zum Beispiel ausgezeichnet Modellschlachten darum führen, wer den Abwasch erledigen soll (auf Punktgleichheit und Einheiten-Balance achten!) Die Einheiten-Kategorien sollen bald noch um „Piraten“ und „Renaissance“ erweitert werden. Es bereitet viel Vergnügen, den schlaksig überzeichneten Figuren, die in ihrer Low-Polygon-Graphic an aufgemotzte Sockenpuppen erinnern, bei ihrem Kampf miteinander oder mit der Physik-Software des Simulators zuzuschauen. Vor allem in Zeitlupe. Ach übrigens, für alle „Welt der Wunder“-Zuschauer: Zwei von drei Partien gewinnt der Samurai gegen den Ritter. Nur der Nordmann schlägt sie alle.

Totally Accurate Battlesimulator läuft auf dem Windows-PC und Mac und kostet etwa 12 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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