Deutsche Ausgabe von „Interview“

Die Kristallkugel von Charlottenburg

Von Gregor Quack
21.01.2012
, 19:20
Andy Warhol hat das Magazin einst erfunden, über Moskau kommt es jetzt auch nach Berlin: An diesem Freitag erscheint die erste deutsche Ausgabe von „Interview“.

Wenn jemandem ein Magazin namens „Interview“ gehört, dann ist es nicht überraschend, dass dieser jemand die Journalistenmarotte kennt, in Gesprächen anhand von Körpersprache und Stimmlage etwas über die vermeintliche Gefühlswelt des Befragten erraten zu wollen. Wohl deswegen legt Bernd Runge im Gespräch (per Telefon aus Moskau) größten Wert auf die Feststellung, er sei zur Zeit „sehr, sehr entspannt“.

Dass ihm das so wichtig ist, hat wohl damit zu tun, dass er sich neben seinem Job als Chef des Kunstauktionshauses Phillips de Pury eine Aufgabe gestellt hat, die für den Außenstehenden erst mal vor allem risikofreudig wirkt: Ohne einen großen Verlag im Rücken, hat Runge, zum Teil mit eigenem Geld, vor sechs Monaten damit begonnen, eine deutsch- und eine russischsprachige Ausgabe des amerikanischen „Interview“-Magazins auf den Markt vorzubereiten, zu „lancieren“, wie das auf Mediendeutsch heißt.

„Interview“ wurde ursprünglich 1969 in New York von Andy Warhol gegründet und erarbeitete sich damals als Hauspostille des „Studio 54“ den Spitznamen „The Crystal Ball of Pop“. Warhol selbst agierte ein gutes Jahrzehnt lang nicht nur als Schutzpatron des Magazins, sondern etablierte auch dessen typisches Artikelformat, indem er verschiedenste Berühmtheiten nicht von kritischen Journalisten befragen ließ, sondern sie in betont oberflächliche, oft beim abendlichen Ausgehen geführte Gespräche von Celebrity zu Celebrity verwickelte, deren Abschriften dann unredigiert ins Heft gepackt wurden. Ein Gespräch zwischen „Interview“-Mitarbeiterin Candy Darling und Ray Davies, dem Sänger der Kinks, liest sich beispielsweise streckenweise so: „Candy: Wie groß bist du, Ray? Ray: Mit Schuhen? Nicht sehr groß. Candy: Fünf Fuß und zehn Zoll? Ray: Ich bin ehrlich gesagt fast sechs Fuß groß. Candy: Das ist ziemlich groß. Ray: Fünf Fuß und elfdreiviertel Zoll.“ Und so weiter.

Superstars

Wo sich der Boulevardjournalismus bis dahin an den gleichen Hierarchiemodellen orientiert hatte wie die Welt, über die er schrieb, da fand Warhol zwar Gefallen an Truman Capote oder dem jungen Michael Jackson, stellte sie aber auf eine Stufe mit seinen „Superstars“, Persönlichkeiten, die allein deswegen zur Berühmtheit wurden, weil er selbst sie dazu erklärt hatte. Für den als fast krankhaft scheu bekannten Warhol wurde das Magazin zum Beweis für die eigene Deutungsmacht und zur Streicheleinheit für das Selbstbewusstsein.

Als wäre der Transport einer der glitzerndsten Marken der Branche nach Berlin noch nicht Herausforderung genug, muss Runge zusätzlich auch deswegen besonders viel Selbstbewusstsein ausstrahlen, weil er eine Vergangenheit hat im Hochglanzmagazingeschäft. Als Deutschlandchef des amerikanischen Verlags Condé Nast war er es, der 2008 „Vanity Fair“ nach Deutschland brachte, aber zwei Jahre später von allen Funktionen im Verlag zurücktrat - „aus persönlichen Gründen“ zwar, doch vor dem Hintergrund stagnierender Auflagenzahlen und allgemein schlechter Aussichten. (Zwei Monate später wurde das Magazin per Order aus Amerika ganz eingestellt.) Runge glaubt bis heute, man sei damals eigentlich auf einem guten Weg gewesen und nur wegen der allzu kurzatmigen, amerikanischen Geldgeber gescheitert. Und überhaupt könne man „Vanity Fair“ als wöchentlichen Titel nicht mit „Interview“ vergleichen, für das zehn Ausgaben im Jahr geplant sind. Trotzdem, so unähnlich sind die Vorzeichen von damals und heute nicht: In beiden Fällen sollen legendäre amerikanische Magazintitel lizensiert und mit deutlich kleineren Teams in einen deutlich kleineren deutschen Markt gehoben werden, von dem keiner so genau weiß, ob er an Prestige und Glamour ausreichend Interesse hat und überhaupt genügend kompatibles Personal. In beiden Fällen wurde außerdem das Ziel etwa damit umrissen, in einem Heft „Mode und Glamour mit Kunst, Kultur und inhaltlicher Substanz“ zu vereinen, eine gutklingende Ambition, die aber in Deutschland sonst vor allem Friseursalonmöbel wie „Sleek“ oder „Qvest“ hervorgebracht hat.

Dass das Ganze diesmal nicht zur Havarie werden muss, liegt vor allem an der zusätzlichen Besatzung, die sich Runge nur Wochen vor Redaktionsschluss noch in einem kurzentschlossenen Kraftakt an Bord gewuchtet hat: Jörg Koch als Chefredakteur und Mike Meiré als Art Director.

Zwillinge

War der Plan zuvor gewesen, die russische und die deutsche Ausgabe wie „zweieiige Zwillinge“ zentral von der ehemaligen russischen „Vogue“-Chefin Aliona Doletskaya steuern zu lassen, da bescherte Kochs Neuzugang der in Charlottenburg zwischen „Merkur“-Redaktion, Esso-Tankstelle und „Klemkes Weineck“ gelegenen deutschen Redaktion echte Eigenständigkeit und den beiden stellvertretenden Chefredakteuren, den Executive Editors Adriano Sack (Ex-“Welt“-Feuilletonchef und „ilikemystyle“-Erfinder) und Jörg Harlan Rohleder (ehemals „Vanity Fair“, „Focus“, „Musikexpress“) einen Ansprechpartner, der sowohl im übertragenen, als auch im wörtlichen Sinne die Sprache verstand, in der sie da schrieben.

Koch und Meiré haben eine gemeinsame Vorgeschichte. Zusammen mit Sandra von Mayer-Myrtenhain produzieren sie seit vier Jahren das halbjährlich erscheinende Magazin „032c“, dass seit elf Jahren auf Englisch und im relativ kleinen Maßstab (Auflage etwa 45 000, davon nur rund ein Viertel in Deutschland) genau das produziert, wovon „Interview“ (die Erstauflage liegt bei 100 000 Exemplaren) jetzt in massentauglich und auf Deutsch seine eigene Version herstellen will - nämlich eine leidenschaftliche Unvernunftehe zwischen ästhetischem und intellektuellem Hochsnobismus.

In Zeiten der Lesernähe-Mantren finden bei „032c“ endlose Modestrecken und zerebrale Essays über vergessene Architektenfamilien oder abseitige Reporterlegenden ihre Entsprechung in einem Layout, dass den Leser in einem Moment mit Reizen überflutet und ihm im anderen jede visuelle Festhaltemöglichkeit nimmt. Weil nach ihrem Dazustoßen nur wenige Wochen Zeit gewesen wären, erklärt Meiré, habe Runge „keine andere Wahl gehabt“, als den beiden und dem neu motivierten Team auch bei „Interview“ weitestgehend freie Hand zu lassen. „Das hat er aber“, sagt Meiré, „auch ganz gern gemacht, glaube ich.“

Konzeptkünstler

Blättert man durch den Vorabdruck der ersten „Interview“-Ausgabe - eine Nullnummer wurde als Zeitverschwendung empfunden -, dann findet man von beidem etwas, vom Rungeschen Einerseits-andererseits ebenso wie von Kochs und Meirés Wenn-schon-denn-schon, und hat damit wahrscheinlich gerade die paradoxe Mischung vor sich, die das ebenso paradoxe Konstrukt eines Independent-Titels mit Mainstream-Markt-Träumen zum Laufen bringen könnte. Grafisch wie inhaltlich.

Im ersten Heft darf der Designer Adam Kimmel ausführen, warum er den Maler George Condo für den allercoolsten „motherfucker“ hält, der Kulturwissenschaftler Thomas Macho streitet sich in der Volksbühnenkantine mit Regisseur René Pollesch über Andrej Tarkowski, und der Künstler Maurizio Cattelan weiß nicht, ob er Adriano Celentano mit Vornamen anreden darf, wenn die beiden sich per Brief über den Niedergang ihrer italienischen Heimat austauschen. Wo die „Vanity Fair“ Debatten anstoßen wollte, sich zu diesem Zweck aber in Themen einklinkte, die vom täglichen Boulevard schon längst durchgearbeitet waren, da macht es die „Interview“-Redaktion in den besten Momenten des Heftes mit ihren Themen wie Warhol mit seinen Stars - und behauptet sie einfach, anstatt sie aufzuspüren.

Dass zum Beispiel Naomi Campbell - von deren journalistischer Begabung man denken kann, was man will, seit sie sich in einem Interview mit Wladimir Putin auf Fragen nach dessen körperlicher Fitness beschränkte - wohl auch deswegen eine Kolumne bekommt, weil sie mit dem russischen Bauunternehmer Wladislaw Doronin (neben Runge der zweite große Geldgeber) liiert ist, wäre anderswo vielleicht erklärungsbedürftig, passt hier aber ins Konzept. Und bleibt auch konsequent unerwähnt.

Geister

Die Marketingfloskel von der „gleichen DNA“ der verschiedenen „Interview“-Titel scheint die ganze Sache ausnahmsweise mal ganz gut zu treffen, weist aber auch auf das einzige Problem dieser ersten Ausgabe hin: Während der Geist der Warholschen „Interview“ durch die Redaktion schwirrt wie die Erinnerung an einen bewunderten, aber schon länger verstorbenen Großvater, ist das Verwandtschaftsverhältnis zur heutigen amerikanischen Ausgabe nicht so klar. Die gehört inzwischen dem Papier-Milliardär Peter Brant und ist unter der Leitung ihres gegenwärtigen Editorial Directors Fabién Baron zwar wieder bekannt, aber auch ziemlich uninteressant geworden.

Einige große Beiträge in dieser ersten Ausgabe sind aus aktuellen Ausgaben der amerikanischen „Interview“ übernommen. Das ist dann mal mehr (Nicki Minaj und Donatella Versace) und mal weniger (Angelina Jolie und Clint Eastwood) banal und verleiht natürlich, wie Jörg Rohleder die Wahl begründet, „Zugang zu Stars, mit denen man als deutscher Journalist sonst nur zwanzig Minuten im Hotelzimmer bekommt“. Es verwirrt aber auch das ohnehin komplizierte „Interview“-Familiengeflecht noch weiter. Wenn in Berlin zu viele Artikel wie aufgetragene Pullis vom großen, amerikanischen Bruder geerbt werden, dann mag das dem Leser zwar im Einzelnen tatsächlich egal sein, könnte aber auf lange Sicht auch als Aufweichung der gesunden Eitelkeit verstanden werden, die damals Warhols „Interview“ legendär und heute die deutsche „Interview“ erfolgreich machen könnte. Wenn schon alle „Interviews“ die gleichen Gene haben müssen, dann soll die deutsche Ausgabe, wenn man sich mal was wünschen darf, doch bitte nicht der kleine Bruder, sondern der etwas missratene Halbcousin sein, der beim Weihnachtsessen zwar pikiert, aber irgendwie auch fasziniert angestarrt wird.

Die erste Ausgabe der deutschen „Interview“ erscheint am 27. Januar und kostet sechs Euro.

Quelle: F.A.S.
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