„Deutschland 89“ auf Amazon

Wer schoss auf Helmut Kohl?

Von Andreas Kilb
Aktualisiert am 26.09.2020
 - 20:13
Ingrid (Carina Wiese), Tina (Fritzi Haberlandt) und Tischbier (Alexander Beyer) in  „Deutschland 89“.
Vom lockeren Pastiche zum hölzernen Puzzle: Mit „Deutschland 89“ klingt die erfolgreiche Agentenserie aus. Im Vergleich zu zu den beiden früheren Staffeln fällt die dritte allerdings deutlich ab.

Dass die DDR ein sozialistischer Staat war, ist ein Gerücht. Auf internationalem Parkett, wo sie ihre Qualitätswaren, Rohstoffe und Kulturgüter gegen westliche Devisen verkaufte, funktionierte sie wie ein kapitalistisches Wirtschaftsunternehmen. Aus dieser Dissonanz bezieht die „Deutschland“-Serie von Anna und Jörg Winger ihre erzählerische Energie. In ihr ist der Arbeiter-und-Bauern-Staat ein angeschlagener Konzern und die Hauptverwaltung Aufklärung, der DDR-Geheimdienst unter Markus Fuchs (Uwe Preuss) ratloser Aufsichtsrat.

In „Deutschland 83“, der ersten Staffel der Serie, bekam der sinkende Kahn durch die Dummheit westlicher Militärs noch einmal Wind in die Segel, in „Deutschland 86“ versuchte er, am Ende vergeblich, durch einen Raketen-Deal in Afrika und ein anrüchiges innerdeutsches Pharmageschäft wieder flott zu werden. In „Deutschland 89“, der dritten und letzten Staffel, ist die Zeit der militärischen Optionen vorbei. Der Fortschritt rollt jetzt auf Trabi-Rädern mitten durch den Antifaschistischen Schutzwall.

Das Konzept wird an die Wand gefahren

„O mein Gott!“, ruft Fuchs, als er die Bilder von der Nacht des 9. November im Fernsehen sieht, und tastet nach seiner Dienstpistole, um sich den sozialistischen Gnadenschuss zu setzen. Aber seine Wirtschaftsberaterin Barbara Dietrich (Anke Engelke), mit der er inzwischen das Bett teilt, bringt ihn zur Vernunft: Sie sei doch nicht Eva Braun und Fuchs nicht Adolf Hitler. „Lass uns doch mal nachdenken, wie wir das hier gewinnen können.“

Das ist der Ton, mit dem die Serie in Amerika und England Furore gemacht hat: ein flapsiges, unbedingt agentenstorytaugliches Idiom, aus dem jede ideologische Luft abgelassen ist. Die Begriffe, die einmal den Unterschied zwischen Freund und Feind gemacht haben, sind nur noch nostalgische Schlagertitel aus dem Mund von Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), der als Generalmajor die Nummer zwei der HVA hinter Fuchs ist. Mit Fuchs als Tanzmeister und Schweppenstette als Ballerino gelang der Serie in den ersten beiden Staffeln der birth of the cool aus dem Geist der Sozialistischen Einheitspartei. In „Deutschland 89“ fährt sie das Konzept an die Wand.

Dieser Totalschaden geht nicht auf das Konto der jüngeren Agentengeneration, die, angeführt von Martin Rauch (Jonas Nay), schon immer auf höherer Betriebstemperatur unterwegs war. Auch diesmal ist Rauch wieder schuldiges Opfer und unschuldiger Täter zugleich, etwa wenn er trotz erfolgreicher Einschleusung ins Kader der „Roten Armee Fraktion“ das Attentat auf Alfred Herrhausen in Bad Homburg nicht verhindern kann, dann aber in Timişoara einen rumänischen Agenten, der ihm nach dem Leben trachtet, eiskalt abknallt. Dass der Rumäne außerdem der Geliebte von Martins Tante Lenora (Maria Schrader) war, gibt der Schießerei eine schicksalhafte Würze. Geschichte ist auch in „Deutschland 89“ eine Familienangelegenheit; aber das kommt in den besten Agentenserien vor.

Corinna Harfouch trifft Sylvester Groth

Nein, was der dritten Staffel im Vergleich zu den ersten beiden fehlt, ist jener Wagemut, der die Serie einst verlässlich über die Klippen der realen Geschichte getragen hat. Der historische Anlass – in „Deutschland 83“ war es ein Nato-Manöver, in „86“ der Anschlag auf die Diskothek La Belle, hier ist es der Mauerfall – steht fest, die Durchführung ist variabel. Aber Anna und Jörg Winger, so scheint es, sind davor zurückgeschreckt, die Ideen, die ihnen zum Ende der DDR gekommen sind, wirklich durchzuführen.

In den ersten Folgen merkt man von diesem Zögern wenig, denn der Plan, den Frau Dietrich entwirft, um „das hier“ zu gewinnen, ist plausibel: Schweppenstette wird als Finanzberater in die Deutsche Bank eingeschleust, um an der Umwandlung des DDR-Vermögens in West-Werte mitzuwirken; zugleich soll er helfen, die Reichtümer des Geheimdiensts ins Ausland zu schaffen. Das Spiel scheint gewonnen, als man sieht, wer Sylvester Groth in der konspirativen Villa am Frankfurter Stadtrand als Schein-Ehefrau begrüßt: Es ist Corinna Harfouch. „Ich lass’ dir ein Bad ein“, schnurrt sie mit jener Stimme, die jeden Spion zum Doppelagenten machen könnte.

Doch dann löst sich der Faden der Geschichte auf. Weil Sonja Gerhardt offenbar nicht zur Verfügung stand, hat Martin Rauch mit der Lehrerin Nicole eine neue Partnerin bekommen; aber Svenja Jungs Part ist so dünn gestrickt, dass er wie bloße Garnierung wirkt. Ein HVA-Agent hat unterdessen das Robotron-Kombinat gekapert und versucht dessen Überwachungstechniken an westliche Investoren zu verhökern, aber auch dieser Erzählstrang verläuft im Nichts. Ein anderer Stasi-Mann, von schlechtem Gewissen getrieben, sucht die Frau eines seiner Opfer in West-Berlin auf, und so kommt Tina Fischer (Fritzi Haberlandt) wieder ins Spiel, die in „86“ einen großen Auftritt hatte. Auch die BND-Agentin Brigitte (Lavinia Wilson) und ihr amerikanisches Pendant Hector sind abermals dabei, sie jagen sowohl Martin als auch Lenora Rauch, die ein Attentat auf Helmut Kohl plant, weshalb ihre afrikanische Freundin Rose (Florence Kasumba) als Retterin reaktiviert werden muss.

So bringt „Deutschland 89“ vieles auf den Tisch und setzt wenig zusammen. Was am Ende als Showdown herhalten muss, ist Action-Fernsehen vom Unfeinsten. Das „Deutschland“-Projekt hat seinen Charme aus der Unverfrorenheit gezogen, mit der es sich seinen eigenen filmischen Reim auf die historischen Tatsachen machte. In der dritten Staffel ist dieser Charme zu zähem Fleiß und das lockere Pastiche zum hölzernen Puzzle geronnen. Erst in den Schlussbildern merkt man wieder etwas vom alten Geist der Serie. Da kündigt Donald Trump an, er werde eine schöne Mauer bauen, und man wünscht sich, Markus Fuchs könnte ihn hören. Zu spät.

Von heute an auf Amazon Prime.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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