DFG löscht Dieter Nuhr

Kapitulation

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
Aktualisiert am 02.08.2020
 - 17:21
Alarmiert: Dieter Nuhr
Zuerst bittet die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Kabarettisten Dieter Nuhr um ein Audiostatement. Dann legt eine Netzmeute dagegen los und die DFG knickt ein. Sie löscht den Beitrag. Ein Offenbarungseid.

„Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“ Das sagt wer? Der Kabarettist Dieter Nuhr sagt das, in einer Audiobotschaft, um die ihn die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Kampagne „DFG 2020 Für das Wissen entscheiden“ zu ihrem hundertjährigen Bestehen gebeten hatte.

Wissenschaft sei der Weg zur Erkenntnis, sagt Nuhr. Wissen bedeute nicht, „dass man sich zu hundert Prozent sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben“. Wissenschaft bedeute auch, „dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert“ – „keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet“. Wer „ständig ruft ,Folgt der Wissenschaft!‘“, habe das offensichtlich nicht begriffen.

Die Einlassung dürfte jedem Vernunftbegabten einleuchten. Gerade in der Corona-Krise wird uns vorgeführt, was Wissenschaft ist, wie schwierig und widerspruchsreich die Suche nach der Wahrheit ist und dass diese ein vorläufiger Stand der Erkenntnis ist, die in diesem Fall Virologen und Epidemiologen täglich fortschreiben.

So könnte die Sentenz von Dieter Nuhr also bestens zur Deutschen Forschungsgemeinschaft passen, deren Aufgabe darin besteht, der Wissenschaft „in allen ihren Zweigen“ zu dienen und „Projekte der erkenntnisgeleiteten Forschung“ zu fördern – mit Mitteln, die ihr hauptsächlich Bund und Länder zur Verfügung stellen. Zu den Leitlinien der DFG zählen „strikte Ehrlichkeit“, „alle Ergebnisse konsequent selbst anzuzweifeln sowie einen kritischen Diskurs in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zuzulassen und zu fördern“.

Sagt Dieter Nuhr etwas anderes? Sagt er nicht. Doch was der DFG passend erschien, war einige Tage nach dem Erscheinen des Audios plötzlich untragbar. Die DFG, die den Kabarettisten zunächst verteidigt hatte, löschte das kurze Statement auf ihrer Seite. „Liebe Community“, schrieb sie auf Twitter, „wir nehmen die Kritik, die vielen Kommentare und Hinweise ernst und haben den Beitrag von Dieter Nuhr von der Kampagnenwebsite http://dfg2020.de entfernt“.

Die „liebe Community“ freilich ist die Netzmeute, die seit langem gegen Dieter Nuhr trommelt und ihn mit Hass verfolgt, weil er, anders als viele in seinem Metier, nach links und rechts austeilt, sich gegen jederlei ideologisches Denken wendet und auch die Klimabewegung kritisiert. Für „freies und erkenntnisgeleitetes“ Denken ist er ein guter Zeuge, diejenigen, die ihn den „Covidioten“ zurechnen oder als „AfD-Kabarettisten“ schmähen, sind es nicht.

Doch vor ihnen – diesem Twittermob von ein paar hundert Leuten – ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der die Hochschulen, Forschungseinrichtungen, wissenschaftliche Verbände und Akademien der Wissenschaften in diesem Lande angehören, eingeknickt – ohne Begründung. Damit gibt die DFG auf erbärmliche Weise ihre Prinzipien preis. Sie leistet als Wissenschaftsorganisation einen Offenbarungseid.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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