„Die Frau des Zeitreisenden“

Nach jedem Tempuswechsel ist er nackt

Von Ursula Scheer
16.05.2022
, 10:13
Paar mit Terminproblemen: Theo James und Rose Leslie
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Aus dem Bestseller „Die Frau des Zeitreisenden“ ist eine Serienromanze mit hohem Eskapismusfaktor geworden. Henry reist in der Zeit herum, Clare bleibt in der Gegenwart. Das macht ihre Liebesbeziehung etwas strapaziös.
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Wie ist das nun mit der Vorherbestimmung und dem freien Willen? Steht unsere Lebensgeschichte geschrieben, oder haben wir wenigstens die Macht der Mitautorschaft durch jede gegenwärtige Tat? Und wenn ja, könnte dann nicht ein Besucher aus der Zukunft kommendes Unglück verhindern, Verbrechen aufklären oder uns vor Kommendem warnen?

Nichts davon ist dem temporal wider Willen vagabundierenden Henry möglich. Bis auf einen Lotto-Trick vermag er keinen Profit zu schlagen aus seiner speziellen Fähigkeit oder eher Behinderung, wie er es nennt. Henry nämlich, so hat es seine Erfinderin vor beinahe zwanzig Jahren in ihrem Bestseller-Roman „Die Frau des Zeitreisenden“ gewollt, wird gegen seinen Willen immer wieder aus seiner Gegenwart hinausgeschleudert und findet sich an anderen Orten in Vergangenheit oder Zukunft wieder. Kompliziert wird es, als er die Liebe seines Lebens trifft, was aus der Geschichte eines Chronotypen aus dem Takt eine Lovestory mit Schmachtfaktor macht: ideale Vorlage für Verfilmungen.

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2009 hat der Regisseur Robert Schwentke den Roman fürs Kino adaptiert, mit Eric Bana als Henry und Rachel McAdams als dessen Ehefrau Claire. Das war ein Jahr nachdem „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ die Latte für cineastische Umlenkungen des Zeitstrahls reichlich hoch gelegt hatte. „Die Frau des Zeitreisenden“ als Film war nett, mehr nicht. Jetzt versucht Steven Moffat sein Glück, ein Mann mit Expertise auf dem Feld: Als Produzent der britischen Science-Fiction-Serie „Doctor Who“ sind Zeitsprünge Alltäglichkeiten für ihn, und seine Serie „Sherlock“ nach Arthur Conan Doyle steht für die Kunst der filmischen Beschleunigung eines literarisch gemächlicher vorgegebenen Tempos.

„Die Frau des Zeitreisenden“ als sechsteilige Serie, entstanden für den amerikanischen Bezahlsender HBO und bei uns zu sehen bei Sky, hat sichtlich Vergnügen an Komik, Action und Schaueffekten – ohne an der mit Gegenlicht und warmen Farben weichgezeichneten Grundannahme zu zweifeln, Abwesenheit intensiviere die Liebe, weil sie Sehnsucht provoziert.

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Bibliothekar mit definierter Physis

Dass Henry, dieses Mal im Wortsinne verkörpert von Theo James, stets nackt auf anderen Zeitebenen aufschlägt, könnte jedem Fitnessprogramm zur Werbung gereichen, so hyperdefiniert und perfekt ausgeleuchtet ist die Physis des Zeitreisenden im Ankunftsmodus. Sich blitzschnell vor einem herannahenden Zug von den Schienen rollen, Kleidung und Geld stehlen, Angreifer mit der Faust niederstrecken, ihnen rennend entkommen oder in Schutzräume einbrechen, gehört zu den lebensrettenden Fähigkeiten des sonderbegabten Bibliothekars, die wir vorgeführt bekommen. Wirklich ernst nimmt die Serie das nicht, sonst wären die Action-Szenen im Adamskostüm pure Angeberei.

Wie aber ist es mit der Titelheldin, deren Geschichte eigentlich aufgerollt werden soll? Um das wirklich zu tun, hätte sie von Clare allein erzählt werden müssen. Stattdessen geben Henry und seine von Rose Leslie gespielte Frau wechselseitig Erklärungen im Stile von Heimvideos ab – was einem zwar ermöglicht, in Ruhe die Kunst der Maskenbildnerei zu bestaunen, die die Figuren altern lässt, aber doch etwas fade bleibt und der Orientierung im Zeit-Mischmasch nicht wirklich dient.

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© Sky

Dabei ist die Handlung gar nicht so verwirrend: Vor der sechsjährigen Clare, die allein auf einer Lichtung nahe des elterlichen Hauses spielt, taucht eines Tages Henry als Mann mittlerer Jahre auf und wird ihr ein väterlicher Freund, der immer wieder kurz zu Besuch kommt und verschwindet. Er weiß genau, dass er seine Zukünftige vor sich hat, doch hält er auch zum fast erwachsenen Teenager platonische Distanz. Erst als Clare zwanzig Jahre alt geworden ist, trifft sie Henry als jungen Mann ihrer Gegenwart – der aber nichts von seiner Zukunft weiß. Ihre Liebesbeziehung beginnt, obwohl sich Henry zunächst als Vollidiot erweist, der erst der reife Mann werden muss, den Claire schon kennt. Vaterkomplex, könnte man da sagen, und tatsächlich lässt sich auch Henrys Ende in diese Richtung deuten.

Die Liebenden formen einander gegenseitig retrospektiv und prospektiv. Verbunden ist das mit Warterei, die durch Zeitsalti unterbrochen wird, dem blutig ausgemalten Rückblick auf den Tod von Henrys Mutter und das Drama um pränatal zeitreisende Kinder in unserer Gegenwart. Der Serie gelingt es, sich in die Ambivalenz einer phantastischen On-off-Romanze einzufühlen; dabei profitiert sie vom gelungenen Zusammenspiel der Hauptdarsteller. So richtig zum Hals-über-Kopf-Verlieben ist das Ganze dann aber doch nicht, und sei es, weil der Tipp, in Gesichtsmasken zu investieren, noch nicht wahnwitzig reale Unvorhersehbarkeiten einholt, die im Leben des Chrono-Chaospaars keine Rolle spielen. Zeitparadoxien auflösen und die Frage der Prädestination klären, kann die Adaption auch nicht. Gerade deshalb ist „Die Frau des Zeitreisenden“ ideale Unterhaltung für Eskapisten.

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Die Frau des Zeitreisenden startet heute um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic und Sky Ticket.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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