„The Good Lord Bird“ bei Sky

Der amerikanische Moses

Von Oliver Jungen
06.11.2020
, 18:24
Gottesfürchtig, bewaffnet, schießwütig: Ethan Hawke als John Brown.
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Gottesfürchtig und bewaffnet: Ethan Hawke hat den Kampf des schillernden Abolitionisten John Brown gegen die Sklaverei verfilmt. Das ist die Serie zur Stunde.
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Timing ist nicht alles, aber doch fast. Ethan Hawkes wuchtiges amerikanisches Epos „The Good Lord Bird“ über den so blutigen wie selbstmörderischen Kampf des Abolitionisten John Brown gegen das System der Sklaverei ist in dieser Hinsicht nahezu perfekt erzählt, weil es trotz bekannten Verlaufs jederzeit zum Nägelkauen spannend bleibt. Timing wird hier auch auf andere Weise wichtig. Mehrfach hatte der Sender Showtime die Ausstrahlung verschoben und durchblicken lassen, angesichts der Debatten über systemischen Rassismus in den Vereinigten Staaten mehr „Kontext“ zu der Miniserie liefern zu wollen. Gezeigt wurde sie dann ausgerechnet in der Endphase des nicht zuletzt durch die Black-Lives-Matter-Bewegung unter Druck stehenden Präsidentschaftswahlkampfs. Dieser Kontext dürfte eine kontroverse Wahrnehmung des Inhalts eher noch angeheizt haben.

Hierzulande kommt die Serie nun just zu den gefährlichen Nachwahl-Scharmützeln in den Vereinigten Staaten ins Programm. Und das ist gut so. Die drastisch direkte, zugleich schräg humorvolle Verfilmung des hochgelobten, aus der Perspektive eines fiktiven Charakters namens Henry Shackleford erzählten historischen Romans von James McBride ist nämlich die Serie der Stunde, und das weniger, weil sie sich um Ereignisse dreht, die dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) vorausgingen, sondern weil hier ein zutiefst ambivalenter Anti-Held im Mittelpunkt steht, der so gar nicht zur gegenwärtigen Aufsplittung der politischen Ansichten passt.

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Hawkes physische Präsenz

Ethan Hawke spielt Brown als religiösen Fanatiker, der mit einer Inbrunst Gott anruft, wie man es heute von Evangelikalen kennt. Historisch ist das ziemlich korrekt, auch wenn der hier meist nur „Old Man“ genannte Charakter (wann ist der eben noch jugendliche Ethan Hawke eigentlich so reif geworden?) deutlich räudiger, wildromantischer und irrer angelegt scheint, als es die Daguerreotypien von Brown nahelegen, die einen recht adretten Mann des Wortes zeigen. Die Konversion zur heiligen Gewalt hat der ehemalige Farmer zu Beginn der Serie schon hinter sich. Er begegnet uns als Hauptmann eines marodierenden Räuberhaufens aus echten und angenommenen Söhnen, der an die Überzeugungskraft von Waffen glaubt; auch das eher auf der politischen Rechten zu finden. Einsetzen will er all das für die eine noble Sache, zu der er sich von Gott berufen fühlt: die resolute Befreiung der „People of Colour“. Das Vorgehen der die Sklaverei ablehnenden Unionsstaaten im Norden – er selbst stammt aus Virginia – hält er für zu zaghaft.

Hawkes physische Präsenz ist überragend. Wenn Brown kurz vor dem Losschlagen seinen „Ich bin John Brown“-Erkennungsruf losheult, gefriert einem das Blut in den Adern. Mal folgt eine leicht komisch inszenierte Schießerei, mal das horrormäßige Abschlachten von vielleicht nur mutmaßlichen Sklavereibefürwortern. Militärisch gesehen, war die Mission ein Desaster, das mit dem furiosen Untergang der kleinen Untergrundarmee endete. Ob aber das hehre Anliegen mit der landesweit wahrgenommenen Hinrichtung Browns (1859) gescheitert war oder ob sein Opfer den Beginn vom Ende der Sklaverei markiert (der Bürgerkrieg war danach kaum noch zu stoppen), wird in der amerikanischen Geschichtsschreibung engagiert diskutiert. Hawke scheint Letzteres zu präferieren. Ebenfalls thematisiert wird die Frage, wie viel kulturelle Appropriation in dem Kampf eines Weißen für die Schwarzen steckt. Das zeigt sich hier im Zusammenstoß Browns mit Frederick Douglass (Daveed Diggs), dem wichtigsten Afroamerikaner unter den Abolitionisten, der den friedlich-politischen Weg vorzieht. Mit einem guten Schuss Ironie wird der „King of the Negros“ dabei als selbstverliebter New Yorker Dandy porträtiert, den seine einander duldenden Frauen – Ehefrau Anna und Geliebte Ottilie – herumkujonieren.

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© YouTube/SHOWTIME

Was Browns Kreuzzug angeht, hält sich die Darstellung an die belegten Episoden der „Bleeding Kansas“-Zeit, von Browns Pottawatomie-Massaker (1856) und der Schlacht von Black Jack (1856) bis zum halsbrecherischen, vergeblich auf Unterstützung durch Ex-Sklaven hoffenden Angriff auf das Waffenarsenal der amerikanischen Armee in Harpers Ferry (1859) mit nur achtzehn Männern. In diesem Fall sind es freilich achtzehneinhalb, besteht der narrative Clou doch darin, den eher versehentlich und zu einem tragisch hohen Preis befreiten Sklavenjungen Henry (Joshua Caleb Johnson) als eingebetteten Beobachter einzuschleusen. Henry, von Brown für ein Mädchen gehalten und zunächst Henrietta, meist aber – als willkommener Ersatz für seine Glückszwiebel – Onion genannt, reibt sich die Augen angesichts all der Widersprüche und Absonderlichkeiten dieser gottesfürchtigen Pistoleros, die ihm neben dem ebenfalls aufgelesenen Freund Bob (Hubert Point Du-Jour) allmählich zur Familie werden.

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An einer Stelle hätten Hawke und sein Hauptautor Mark Richard von der Vorlage abweichen sollen. Das mit Rasse- und Religionsfragen schon schwer genug beladene Sujet noch um das Feld der Geschlechteridentität zu erweitern, mag im Romankontext funktionieren. In der Serie tut es das nicht. Henry in Mädchenkleidern, das ist reine Scharade, kein Transgender-Plot. Mal muss der in einem Bordell abgegebene Junge um seine Entdeckung fürchten, mal leidet er unter der nicht aussprechbaren Liebe zu Browns schöner Tochter (Maya Hawke). Dieser Versuch, die bedrückende Handlung durch eine alberne Verwechslungskomödie aufzulockern, unterminiert den Wert der hinzuerfundenen Figur, deren Off-Kommentare im humorvoll scharfen „Tom Sawyer“-Ton gerade das große Plus der Serie sind.

Als Charakter ist Henry wenig interessant. Er bleibt reines Medium der Annäherung, aber als solches funktioniert er. Hawke hat mit dieser Serie einem komplizierten amerikanischen Helden, dessen Timing zugleich falsch und richtig war, ein Denkmal gesetzt, ohne ihn festzulegen. Ob John Brown nun der amerikanische Moses oder ein Terrorist war, Miles christianus oder „bullshit white saviour“, das wissen wir auch nach „The Good Lord Bird“ nicht. Doch wir bekommen eine Ahnung davon, dass Geschichte oft über ideologische Abgrenzungen hinweg geschrieben wird.

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The Good Lord Bird läuft von heute an freitags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic.

Quelle: F.A.Z.
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