Preise von „Jugend schreibt“ 2022

Recherche ist das A und O

Von Ursula Kals
25.01.2022
, 08:03
Das Werk junger Autorinnen und Autoren: die Seiten von „Jugend schreibt“ in der F.A.Z.
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Seit 35 Jahren gibt es die Lese- und Schreibwerkstatt „Jugend schreibt“ der F.A.Z. Sie bringt in diesem Jahr zwei Preisträger hervor: Daniel Rief und Linus Zerzer haben herausragende Texte geschrieben. Und nicht nur sie.
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Ich habe vor allem dank der Interviews gelernt, offen mit fremden Menschen zu kommunizieren, mit denen ich ansonsten gar nichts zu tun gehabt hätte. Zunehmend ist mir das leichter gefallen“, sagt Daniel Rief, einer von rund 2000 Schülern, die am „Jugend schreibt“-Projekt der F.A.Z. teilgenommen haben. Zusammen mit Linus Zerzer hat er für seine Artikel gestern bei einer Onlineveranstaltung den Preis der Fazit-Stiftung erhalten. Offen und unbefangen mit anderen zu kommunizieren – und sei es phasenweise auch nur in Skype-Interviews –, das ist für die von Schulschließungen und Homeschooling gebeutelten Schülerinnen und Schüler in Zeiten der Pandemie ein schöner Nebeneffekt des Projekts. Die Mitarbeit hat zusätzlich Schwung in den Schulalltag gebracht, wie die Projektlehrer berichten.

52.000 Schülerinnen und Schüler

An der Lese- und Schreibwerkstatt haben bisher rund 52.000 Schülerinnen und Schüler teilgenommen. Vor 35 Jahren sind die ersten Beiträge erschienen – die F.A.Z. war die erste überregionale Zeitung, die sich das in ihrem Mantelteil getraut hat. Inzwischen sind 1283 Zeitungsseiten entstanden. Nachzulesen sind die Beiträge auf FAZ.NET im Ressort Gesellschaft. Lesenswert sind die Artikel alle. Das betonte der Vorsitzende des Kuratoriums der Fazit-Stiftung, Karl Dietrich Seikel, in seiner Begrüßung: „Ich gestehe Ihnen, dass ich als Mitveranstalter die Artikel unserer Seiten ‚Jugend schreibt‘ sehr gerne und oft mit großem Vergnügen lese. Das gilt nicht nur für die Beiträge der heutigen Gewinner, sondern generell für viele Geschichten, aus denen ich lerne, wie die jungen Autoren heute die Welt sehen.“

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Die Konkurrenz war auch dieses Jahr wieder groß. Zwei jungen Autoren ist es gelungen, jeweils mindestens drei oder mehr Artikel zu schreiben, die es auf den Aufmacherplatz in der gedruckten Ausgabe geschafft haben. Beide Preisträger haben gründlich recherchiert und sich in fremde Fachgebiete eingearbeitet. Ihr Schreibstil ist sachlich, hier und da betont nüchtern. Blumige Formulierungen sind so gar nicht ihr Ding. Ihnen geht es um Fakten und genaue Schilderungen. Beobachtungen und Zitate gestalten ihre Beiträge lebendig. Es mag Zufall sein, aber beide lesen gerne, und sie machen Musik und treiben alle möglichen Sportarten.

Daniel Rief
Daniel Rief Bild: Privat

Der zuständige F.A.Z.-Herausgeber Gerald Braunberger würdigte in seiner Laudatio die beiden Preisträger. Daniel Rief besucht das Goethe-Gymnasium in Ludwigsburg. Er erhält einen Ausbildungsbeitrag von 2500 Euro. Daniels Musikalität spiegelt sich in seinen Texten, er hat über die Hugo-Wolf-Akademie berichtet und einen türkischen Tenor porträtiert. Zwei seiner Themen sind besonders relevant: ein Bericht über die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in seiner Heimatstadt und die Initiative „Meet a Jew“ über den Besuch einer jüdischen Studentin an Daniels Schule. Als sein geplantes Berufsorientierungspraktikum in einer Notfallpraxis coronabedingt ausfiel, verschaffte sich Daniel im Sommer Arbeitserfahrung, indem er bei einem Straßenbau-Unternehmen anheuerte. Was er nach dem Abitur studieren will, weiß er noch nicht. Vielleicht aber etwas in Richtung Journalismus.

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Ebenfalls einen der mit 2500 Euro dotierten Fazit-Preise hat Linus Zerzer erhalten. Er besucht das Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium im unterfränkischen Münnerstadt. Linus hat einen Hubschrauberpiloten bei der Bundeswehr befragt, erschienen ist der Beitrag unter dem Titel „Feuer, Flut, Tod“. Das Gespräch mit dem Oberstleutnant war herausfordernd, das lag auch am Fachjargon, und Linus berichtet: „Also gab es eine längere Recherchearbeit nach dem Interview, um die vielen Begrifflichkeiten im Themenzusammenhang des Fliegens und der Bundeswehr zu klären. Darunter fielen sowohl die verschiedenen Dienstgrade und Ränge des Bundes als auch die Bezeichnungen der Einsätze und die Flugtechniken, wie zum Beispiel Autorotation.“ Etwas leichtfüßiger waren eine Begegnung mit einem Marktforscher und Linus’ Abstecher zum Golfplatz seines Heimatortes und das Gespräch mit dem Klubmanager: „Dessen Handy klingelte während des Interviews, das wir in seiner Dienstzeit durchführten. Es entlarvte ihn eindeutig als ‚Star Wars‘-Fan. Dies machte mir deutlich, dass man durch ungeplante Zwischenfälle an interessante Details kommen kann.“ Linus leitet die Jugendgruppe der Ministranten und verbringt viel Zeit bei der Wasserwacht des Bayerischen Roten Kreuzes. Das hat ihn in seinem Plan bestärkt, nach dem Abitur Medizin zu studieren. Bodenhaftung beweist auch er, er hat einen Nebenjob in der Gebäudeinstandhaltung. „So gewinne ich einige handwerkliche Grundkenntnisse für die Zukunft hinzu.“

Linus Zerzer
Linus Zerzer Bild: Privat

Sich für viele Dinge zu interessieren schafft gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Mitarbeit im Projekt. Die Leistung aller Schreiber ist beachtlich, da die Produktionsbedingungen durch die Kontaktbeschränkungen erschwert sind. Die Redaktion erwartet, dass ihre jungen Mitarbeiter auf Zeit sich nichts flüchtig ergoogeln, sondern raus ins echte Leben gehen und mit Menschen sprechen, um sich ein Bild von einem interessanten Beruf, einem ungewöhnlichen Hobby oder spannenden Erlebnis zu machen. Falls eine Recherche vor Ort wegen Corona nicht möglich war, haben sich die Teilnehmer nicht ausbremsen lassen und Interviews am Telefon oder über Skype geführt.

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Kein Schreibzwang, alle Freiheiten

Was das Projekt lebendig macht, sind zwei Regeln: Es gibt erstens keinerlei Schreibzwang – nur wenn Kurse und Lehrer das möchten und es in ihre Unterrichtsplanung passt, können sie schreiben und aus freien Stücken Artikel anbieten. Wer sich aber journalistisch erproben möchte, der hat zweitens viele Freiheiten, vor allem in der Wahl der Themen. Bis auf kleine Einschränkungen – etwa Sportereignisse, die aus Aktualitätsgründen überholt wären – können die jungen Leute selbst entscheiden, worüber sie schreiben. Was wiederum zwei Vorteile bietet: Sie interessieren sich wirklich für ein Thema, und die Leser werden überrascht von der Ideenvielfalt. Damit keine Kraut-und-Rüben-Seiten entstehen, werden die drei, manchmal vier Texte für die am Montag im Sportteil erscheinende Seite thematisch zusammengestellt. So steht dann ein Beitrag einer slowenischen Projektschule neben einem Artikel aus Berlin oder Freiburg.

In den vergangenen Monaten ging es unter anderem um die Rettung von 1000 Bäumen in der Vulkaneifel, einen Profi, der den gefährlichen Sport Thaiboxen ausübt, einen Rundgang über einen vergessenen jüdischen Friedhof in Kroatien, die Erinnerung an eine dramatische Flucht aus der DDR, eine Whisky-Destillerie am Schliersee, einen Bergsteiger im Engadin, einen Virologen und seine Arbeit in der Tierhygiene oder den Besuch eines Berliner Unverpacktladens.

„Ein dickes Lob an die junge Autorin“

Vielen ist das Schreiben ganz ausgezeichnet gelungen. Das erkennen die Leser an, zum Beispiel eine Leserin aus Ravensburg, die sich vergangenen Monat zu einem Beitrag einer Schweizer Schülerin über die Baseler Brunnenheizer äußerte. Ute Fuest schreibt: „Ein dickes Lob an die junge Autorin, und wenn es bei ‚Jugend schreibt‘ auch hier und da einen Preis gibt, es gibt auf der Seite viele gute Artikel.“

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Nicht vorstellbar sei „Jugend schreibt“ ohne den engagierten Einsatz der Projektlehrer, hob Herausgeber Gerald Braunberger hervor. Viele halten uns seit Jahrzehnten die Treue und machen immer wieder einmal mit, so es die Zeit erlaubt und sie einen geeigneten Kurs haben. Manche ältere Lehrer vererben das Projekt nicht selten an jüngere Kollegen. Andere sind neu zu uns gestoßen, aktuell ein Drittel. Denn selbstverständlich ist so ein anspruchsvolles Projekt alles andere als ein Selbstläufer – schon gar nicht in einer jungen Generation, die überaus medienaffin ist, aber in der Regel keine Zeitung liest. Schon gar nicht auf Papier. Hier die Grundlage zu bereiten und junge Menschen mit einer Qualitätszeitung vertraut zu machen, damit im Unterricht zu arbeiten und darüber hinaus journalistische Versuche zu starten, das ist aller Ehren wert.

Vom 1. Februar an machen wieder 100 Kurse mit. Sie erhalten die F.A.Z. und die F.A.S. als E-Paper und einen Monat in der Printausgabe. Vertreten sind 13 Bundesländer und neun Schulen aus dem Ausland, aus Portugal, Slowenien, Bulgarien, Kroatien, der Schweiz und Japan. Neben Gymnasien, Gesamt- sowie Berufs- und Fachschulen machen eine Realschule und eine Grundschule mit. Das verspricht einen munteren 36. Jahrgang.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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