Die Presse und der Präsident

Kampfansage

Von Fridtjof Küchemann
19.01.2017
, 16:44
Werden sie hier auch künftig auf den Präsidenten warten? Journalisten vor Obamas letztem Presse-Briefing im James S. Brady Press Briefing Room im Weißen Haus
Eine Warnung, ein Zugeständnis, ein Dank: Kurz vor seiner Amtseinführung bekommt Donald Trump Post von der ungeliebten Presse. Der „offene Brief“ ist auch den Journalisten selbst ins Stammbuch geschrieben.
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Am Ende ist es eine klare Rechnung: Wenn es für ihn gut laufe, rechnet Kyle Pope dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten in einem offenen Brief vor, habe Donald Trump acht Jahre im Amt. Die Presse hingegen sei seit Gründung der Republik dabei, ihre Rolle „in dieser großartigen Demokratie“ sei wieder und wieder bekräftigt worden.

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Auch die „Columbia Journalism Review“, als deren Chefredakteur Pope wenige Tage vor Amtseinführung Trumps den Journalisten Amerikas seine Stimme leiht, ist eine ehrwürdige Institution: 1962 gegründet, hat die Zeitschrift die journalistische Entwicklung in Amerika zum Thema – und eine der ältesten Journalistenschulen der Welt, von Pulitzer 1912 gegründet, zur Heimat. Trump habe, zählt Pope auf, Medien von Veranstaltungen ausgeschlossen, Journalisten über Twitter bedroht und seine Anhänger ermutigt, es ihm gleichzutun. Er habe die Presse gemieden, wann immer er konnte, und sich über die Gepflogenheiten von Pressekonferenzen hinweggesetzt.

Gegen den Vertrauensverlust

Doch nicht nur er habe das Recht, seine Regeln für den Umgang mit der Presse festzulegen. Den Journalisten stehe frei, zu entscheiden, womit sie ihren Lesern, Zuhörern und Zuschauern am besten dienen könnten. Dafür wie gewohnt Zugang zum Präsidenten zu haben, sei zwar wünschenswert, aber nicht entscheidend, schreibt Pope, schließlich seien schon im Wahlkampf einige der besten Berichte über Trump in Medien erschienen, die von seinen Auftritten ausgeschlossen waren. Außerdem werde seine Politik zwar im Weißen Haus gemacht, aber in Ämtern umgesetzt. Und das werde dort von der Presse genau verfolgt.

Es gebe eine objektive Wahrheit, und die Presse werde ihn daran erinnern, schreibt Pope. Durch den Vertrauensverlust geweckt, wie er sich auch in der Wahl Trumps gezeigt habe, werde die Presse mit ebenso sorgfältiger wie unerschrockener Berichterstattung und unter den höchsten ethischen Standards daran arbeiten, dieses Vertrauen wiederzugewinnen. So ist die Kampfansage auch ein Weckruf. Pope hat seinen „offenen Brief an den Präsidenten“ nicht nur im Namen der Presse verfasst, sondern zugleich auch an sie gerichtet. Trump zwinge die Journalisten, zu überdenken, wer sie sind und wofür sie da sind. Dafür müsse man ihm zutiefst dankbar sein.

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Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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