„Die schwarzen Schmetterlinge“

Das wird ein Mordsbuch

Von Matthias Hannemann
22.09.2022
, 18:17
Keine leichte Beichte: Adrien Winckler (Nicolas Duvauchelle, links) lauscht Alberts (Niels Arestrup) Lebensgeschichte.
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Dranbleiben lohnt sich: In der französischen Serie „Die schwarzen Schmetterlinge“ soll ein Schriftsteller die Lebensgeschichte eines Mörders zu Papier bringen – das hat Folgen.
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Ein leerer Bildschirm. Ein blinkender Cursor. Und diese dröhnende Stille, bei der man über den ersten Satz hinauskommen soll! „Ein großes Schweigen“ hieß der Debütroman des französischen Schriftstellers Adrien „Mody“ Winckler (Nicolas Duvauchelle). Aber so gut sich der gelbe Stapel mit den Autorenexem­plaren auch als Staubfänger im Zimmer macht: Viel Geld kam über den Erstling nicht rein. Die ersten vier Versionen eines neuen Romans, eines Raumfahrt-Abenteuers, sind im Papierkorb gelandet. Ein Laster vor dem Fenster fährt piepend rückwärts. Ein Handy vibriert. Es ist beinahe der Rhythmus des Cursors, und Adriens Bildschirm ist bis auf Satz eins immer noch leer.

Was für ein Kontrast zu den bunten Bildern, mit denen der französische Thriller „Die schwarzen Schmetterlinge“ kurz zuvor eingestiegen ist. Ein Junge war zu sehen, der vor einer Schale mit bunten Cornflakes hockt und traurig in die Kamera starrt. Eine Schallplatte, die sich wie ein Gedankenstrudel dreht und das Publikum schwindelig macht. Ein gerahmter, unheilvoll von Blau auf Schwarz wechselnder Schmetterling und ein psychedelisches Farbenleuchten im Super-8-Stil.

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Ist der Junge Adrien? Oder ist er der Mann, der nun anruft und Adriens Schreibblockade vertreibt? Dem packenden, wenn auch extrem harten Sechsteiler „Die schwarzen Schmetterlinge“ mangelt es jedenfalls weder an Rätseln noch an ästhetischer Ambition. Die Handlung spielt sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit. Auf der Gegenwartsspur erleben wir, wie der verzweifelte Schriftsteller Adrien am Telefon einen unscheinbaren Auftrag annimmt: Er soll die Biographie des alleinstehenden, in einem alten Haus auf dem Land wohnenden Seniors Albert Desiderio (Niels Arestrup) aufschreiben. Es klingt trotz bescheidener Bezahlung nach einem einfachen Job. Zweimal zweitausend Euro.

Sie entdecken die Lust am und nach dem Mord

Das ist mehr als bei manch anderem Auftrag. Und doch zu wenig. Denn Alberts Geschichte hat es in sich. Er erzählt von der Nachkriegszeit, in der französische Frauen, die ein Kind von deutschen Besatzungssoldaten bekamen, die Köpfe geschoren bekamen. Kommt auf eine gewisse Solange (Alyzée Costes) zu sprechen, die ein solches Kind war und im selben furchtbaren Waisenhaus wie er aufwuchs. Die beiden wurden nicht nur älter und Lebensgefährten – sondern Mörder. Als eine Strandbekanntschaft Solange vergewaltigen will, sticht sie mit dem Weinöffner zu. Woraufhin Albert den einzigen Zeugen im Meer ertränkt. Ohne größere Skrupel.

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Das schildert die Serie in Rückblenden, in denen der junge Albert mit bulliger Brutalität von Axel Granberger gemimt wird. Und die Beichte wird immer länger, weil sich das Morden in den Folgejahren von den ersten Taten im Affekt zu einer lustvollen, in die Urlaubsplanung einbezogenen Freizeitbeschäftigung des Paares entwickelt. Das zweite Opfer ist ein Fotograf, der das Paar bei einer Urlaubsreise in seine Villa lockt und Solange zu Nacktbildern überredet.

Das dritte ein Tanzlehrer, der leicht zu verführen ist – und auch hier mündet das Geschehen, das stets mit Vergewaltigungsversuchen von Männern beginnt und zu ihrer Ermordung durch Albert führt, wie bei vielen weiteren Morden in wüstem Sex, den Albert und Solange am Tatort haben. „Dieses Programm ist nicht geeignet für Kinder, Jugendliche oder empfindsame Zuschauer“, steht in einer Einblendung, wenn man die Serie über die Arte-Mediathek abruft. Das hat seinen Grund: Menschen sterben am laufenden Band, Blut spritzt wie Ketchup, dazu der Disco-Groove der Siebziger.

Dass der Schriftsteller Adrien das alles erst mal sacken lassen muss, versteht sich. Aber dann regt es seine Phantasie an, und er haut in die Tasten. Ganz zur Freude seiner fürsorglichen Partnerin Nora (Alice Belaïdi), einer Wissenschaftlerin, deren Fachgebiet Epigenetik unschwer auf ein noch zu enthüllendes Familiengeheimnis hindeutet. Als sie heimlich im Manuskript blättert, hält sie es für reine Fiktion statt „True Crime“. Sie erzählt Adriens Mutter Catherine (Brigitte Catillon) und dem Verlag davon.

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Auch ein Kommissar taucht in dieser packenden, die Bedeutung von Kindheitserfahrungen hervorhebenden Serie von Olivier Abbou und Bruno Merle auf: der rätselhafte Carrel (Sami Bouajila). Funken aber schlägt sie aus den Veränderungen, die Adrien im Laufe seines Buchprojektes durchmacht, vermittels kräftiger, manchmal surreal anmutender Bilder, mit der Kameramann Antoine Sanier die inneren Konflikte Adriens zum Ausdruck bringt; durch den gespenstisch guten, fast hopkinsschen Auftritt von Niels Arestrup als Albert und einen Handlungsverlauf, bei dem man als Zuschauer fürs Dranbleiben wirklich belohnt wird.

Die schwarzen Schmetterlinge, um 21.45 Uhr bei Arte.



Trailer
„Die schwarzen Schmetterlinge“
Video: Arte, Bild: © Nicolas Roucou

Quelle: F.A.Z.
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