Disney und die Warnhinweise

Sei kein Frosch und rede darüber

EIN KOMMENTAR Von Axel Weidemann
27.02.2021
, 11:06
Nachdem Disney+ bestimmte Inhalte mit Warnhinweisen versehen hat, hieß es mancherorts: „Cancel Culture“. Doch hier wird nichts zensiert. Die Hinweise schützen jene, die oft genug als erste betroffen sind: Kinder.

Dieser Text enthält negative Darstellungen und/oder falsche Behandlung von Personen oder Kulturen. Er handelt von ähnlich lautenden Warnhinweisen, wie man sie beim Streamingportal Disney+ seit kurzem vor Klassikern wie „Dumbo“ oder bestimmten Folgen der „Muppet Show“ angezeigt bekommt, weil diese stereotype Darstellungen enthalten. Der Impuls der Empörung über eine hyperempfindliche Problematisierung vermeintlich harmloser Kinderunterhaltung wird bei vielen Menschen über dreißig sofort auftauchen. Selbst oder gerade bei solchen, die sich für aufgeklärt und ausbalanciert halten. Ein gewisses Unwohlsein a là „wo soll das enden?“ spürt wohl jeder hin und wieder.

Die Reaktionen auf die Warnhinweise waren denn auch erwartungsgemäß heftig. Auch, weil damit in den Augen der Empörten oft ein Stück unschuldige Kindheit nachträglich vergiftet wird. Jedenfalls schrie man aller Orten bald Zensur, hatte Angst vor Ironieverbot und fragte sich, was als Nächstes abgeschafft werde. Beim amerikanischen Sender Fox News erregten sich Kommentatoren wie Joe Concha oder Senatoren wie Tom Cotton über die „cancel culture“ des „woke mobs“. Dabei ist im Falle von Disney nichts zensiert worden. Es ist weiterhin zu sehen. Nur eben mit Erläuterung.

Allerspätestens an dieser Stelle sollte man kurz Computer, Smartphone und Fernseher ausstellen und sich erinnern. Im Netz kursiert seit langem der nur in Teilen unernst gemeinte Spruch: „Disney hat mir unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt.“ In der Tat kam es selten vor, dass die Eltern einem nach der Betrachtung einer Disney-VHS oder anderer Cartoons erklärten: „Pass auf Junge, du weißt aber, dass es später etwas komplizierter ist?! Und damit meine ich nicht nur die Seltenheit heiratswilliger Prinzessinnen oder Prinzen.“

Gerade Kinder reproduzieren solche Stereotypen

Und ebendas lässt sich auch über die Darstellung von Kulturen sagen, an denen sich der Westen lange genug vergangen hatte, ohne dass man als Kind etwas davon ahnte. Darstellungen von Schwarzen oder Asiaten aus Trickfilmen wie „Tom & Jerry“, „Popeye“, den „Looney Tunes“ oder eben „Dumbo“ sickerten uns Kindern ins Hirn und fanden ihren Weg in lustige Zeichnungen oder Grimassen auf dem Grundschulhof, wenn es gerade mal um „Chinesen“ ging. Auch hier gab es selten Aufsehen, wenn man sie mit großen Schneidezähnen, Überbiss, Strohhut und geflochtenem Zopf auf gemalten Kinderbildern fand.

Dabei sind es Darstellungen die bereits in jenen Trickfilmen vorkommen, die Walt Disney („Commando Duck“) oder Paramount Pictures („You’re a Sap, Mr. Jap“) zwischen 1941 und 1945 als Propaganda-Filme für die amerikanische Regierung produzierten (Hier kann übrigens auch der Deutsche mal erfahren, wie sich so eine stereotype Darstellung anfühlt). Kinder jedenfalls reproduzieren solche Stereotypen schnell. Und genau dieser Umstand spricht für einen Umgang mit stereotypischen bis rassistischen Darstellungen, wie ihn Disney (nicht uneigennützig!) begonnen hat. Denn wenn die Darstellungen von Kindern reproduziert werden, sind Kinder eben auch die Ersten, die darunter leiden.

Wirklich problematisch wird es erst dann, wenn Konzerne wie Disney, die sich anschicken, bewusstseinsbildende Monopole zu bilden, entscheiden, Inhalte, die das Image und damit das Geschäft beschädigen könnten, nachträglich umzugestalten oder ganz verschwinden zu lassen. Dann wird klar, dass eine kleine Warnung ein Gewinn gegenüber einer möglichen Welt ist, in der menschliche Bosheit oder was dazu erklärt wurde einfach leise gedreht wird, anstatt darüber zu reden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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