Google und Facebook stellen die Regeln auf
Herr Chavern, Sie haben vor zwei Jahren den US-amerikanischen Wirtschaftsverband der Zeitungsbranche ziemlich umgekrempelt, angefangen mit dem Namen. Aus der „Newspaper Association of America“ wurde die „News Media Alliance“. Wieso?
Als ich meinen Job angetreten habe, hatte ich eigentlich kein Problem mit dem Wort „Newspaper“. Aber ich habe schnell gemerkt, dass bei dem Begriff bei vielen Menschen im Ohr Briefträger-Klingeln oder Zeitungsgeraschel mitlaufen und zwar nicht immer im positiven Sinne. Dieses physische Element wollte ich loswerden, denn es ist nicht mehr zeitgemäß. Wir haben dementsprechend auch Inhalte verändert, zum Beispiel akzeptieren wir jetzt Mitglieder, die rein digital veröffentlichen.
Wieso hat das so lange gedauert?
Ich glaube, es ist für viele schwierig, sich aus ihren Schubladen zu bewegen, in denen sie immer gute Arbeit geleistet haben. Die Nachrichtenwelt entwickelt sich hin zu einem digitalen Bereich, wo Text, Ton und Video in einer schlüssigen Präsentation zusammenkommen. Viele sehen aber noch immer die getrennten Bereiche, sie sind stolz „Zeitungsjournalisten“ zu sein. Und das sollten sie auch! Aber wenn so eine Definition mit dem Geschäft nicht mehr zu vereinbaren ist, muss man sie verändern.
Was sind die größten Probleme Ihrer Mitglieder?
Ich kann Ihnen erst mal sagen, was kein Problem ist, denn das ist wichtig. Die Leser! Die Zahl der Menschen, die Nachrichten lesen, ist größer als jemals zuvor. Ich muss das immer zu Beginn sagen, weil ich so oft das Gegenteil höre, als Argument dafür, dass das Problem nur bei den Journalisten und ihren Inhalten liegt, die zu wenig interessant seien. Die Leute lesen durchaus, aber eben anders. Der Print-Sektor, dessen Produkt der Verlag selbst vertreibt, schrumpft stetig. Der digitale Sektor schießt dagegen in die Höhe, aber seine Ökonomie wird quasi komplett von Google und Facebook beherrscht. In dieser Situation, in der fast die gesamten digitalen Werbeeinnahmen an zwei Player gehen, ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu finden, ist die größte Herausforderung.
Die News Media Alliance hat den US-Kongress um Erlaubnis gebeten, als Verband geschlossen mit Facebook und Google zu verhandeln. Worum soll es dabei genau gehen?
Wir möchten mehr Unterstützung für Abonnement-Modelle, eine faire Aufteilung der Werbeeinnahmen, mehr Daten und eine bessere Markenplazierung. Viele Menschen glauben, dass sie ihre Nachrichten von Facebook bekommen. Das stimmt natürlich nicht, sie werden dort nur präsentiert. Und manche dieser Nachrichten kommen aus etablierten Redaktionen, andere aber von mazedonischen Teenagern. Das sehen aber die Menschen nicht sofort und denken dann, dass der Papst tatsächlich Donald Trump unterstützt.
Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert
Mehr erfahrenDonald Trump wirbt schon lange dafür, Silicon-Valley-Konzerne zu regulieren. Haben die freie Presse und der Präsident am Ende ein gemeinsames Ziel?
Ich weiß nicht, ob er oder wir das so unterschreiben würden. Ich glaube, es gibt in Amerika generell die wachsende Erkenntnis, dass Google und Facebook, auch wenn sie tolle Leistungen erbringen, von denen wir alle profitieren können, eben trotzdem nicht nur positiv sind. Über Regulierung wird an den unterschiedlichsten Stellen gesprochen, wir haben dahingehend erst mal keine konkreten Forderungen. Wir wollen nur verhandeln. Donald Trump hat sowohl ein Problem mit der Presse als auch mit Silicon Valley. Wir sind keine Verbündeten.
Während die Produkte der Tech-Konzerne lange als revolutionäre Werkzeuge für die Demokratie galten, warnt jetzt unter anderen die News Media Alliance, dass sie in Wirklichkeit eine Gefahr darstellen könnten. Trauen Sie den Konsumenten zu wenig zu?
Die meisten von uns haben mindestens einen Verwandten, mit, sagen wir, sehr speziellen Ansichten oder Theorien. Davon erzählt er dann vielleicht beim Weihnachtsessen. Das nehmen wir natürlich anders wahr als Gedanken aus der Tageszeitung oder den Fernsehnachrichten. In Newsfeeds im Internet wird aber all das auf die gleiche Art präsentiert. Gleiche Bildgröße, gleiche Schriftart etc. Der verrückte Onkel Joe neben der F.A.Z. Viele achten einfach nicht auf die klein angezeigte Quelle, und ich finde, Facebook könnte das deutlich einfacher machen.
Das hieße zum Beispiel mehr Selektionsmechanismen bei Facebook.
Zum Beispiel. Ich verstehe, dass das nicht einfach ist, weil Facebook auf automatisierte Systeme setzt. Die Alternative wäre ein enormer Personalaufwand, und das will die Firma nicht. Systeme zu entwickeln, die diese Selektion erfolgreich vornehmen und nicht manipuliert werden können, ist aber extrem schwierig.
In Deutschland ist diesen Monat ein Gesetz in Kraft getreten, das Facebook verpflichtet, eindeutig rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden zu löschen.
Davon habe ich gehört. Ich kenne die Einzelheiten nicht, finde das aber sehr interessant. Ich bin allerdings auch kein Fan davon, Facebook zum Zensoren zu machen. Es ist gefährlich, dem Konzern zu überlassen, was gut und schlecht ist, aber er kann definitiv klarere Signale über die Herkunft des Inhalts geben.
Die Probleme mit Facebook sind leichter nachzuvollziehen als die mit Google. Hilft die Suchmaschine nicht, Leser auf die Seiten der Zeitungen zu bringen?
Google hilft dabei, Dinge zu entdecken, und das ist natürlich erst mal gut. Hier ist unser Problem nicht inhaltlicher Natur, wie bei der Fake-News-Präsentation auf Facebook, sondern vor allem wirtschaftlicher. Die Werbeeinnahmen werden nicht fair verteilt, deshalb ist auch Google kein Ökosystem, das Qualitätsjournalismus fördert.
Sie bezeichnen Google und Facebook als Ihre größten Regulatoren. Was meinen Sie damit?
Die Regeln, die Google und Facebook aufstellen, haben weitaus größere und auch direktere Auswirkungen auf unser Geschäft als alles, was die Regierung entscheidet. Wenn Google etwas an seiner Strategie ändert, beispielsweise in Bezug auf ein Bezahlmodell, muss die Presse regelrechte Lobbyarbeit leisten, um dabei nicht als Verlierer dazustehen.
Nachrichten sind nicht die einzigen Inhalte bei Google und Facebook. Wieso sollte ausgerechnet die Zeitungsbranche Geld von den Konzernen bekommen?
Mein Job ist es, mir Sorgen um die Presse zu machen. Die Entertainment-Industrie sucht sich beispielsweise ihre eigenen Modelle und hat dabei auch ganz andere Möglichkeiten, Live-Events und derlei. In der Nachrichtenwelt geht das nicht. Aber wenn die Nachrichten verschwinden, weil wir sie nicht mehr finanzieren können, haben wir alle ein riesiges Problem. Ich denke, es ist okay, wenn Leute auf Facebook Katzenvideos posten und dafür kein Geld bekommen, aber die Verlage müssen die Möglichkeit bekommen, mehr zu profitieren.
Katzenvideos gibt es mittlerweile allerdings auch auf vielen Nachrichtenseiten. Die würden also auch profitieren.
Die traditionelle Print-Zeitung war ja schon immer ein Buffet an Inhalten. Tagesaktuelle Nachrichten, investigative Recherchen neben Comics, dem Fernsehprogramm und dem neuen Kleid von Kate Middleton. Das Internet hat dieses Buffet längst zerstückelt, die Menschen sammeln sich ihre Informationen von unterschiedlichen Quellen zusammen. Ich konzentriere mich in meiner Arbeit auf die tagesaktuelle Berichterstattung. Für diese Arbeit müssen wir ein Geschäftsmodell finden.
Sie haben einen Brief an die EU-Kommission geschrieben und Ihre Unterstützung für die europäischen Bemühungen um einen neuen Presse-Leistungsschutz ausgesprochen.
Ja, es ist mir wichtig, das Problem global zu betrachten. Wir haben die gleichen Herausforderungen, auch wenn diese aufgrund von verschiedenen Gesetzen vielleicht anders gemeistert werden müssen. Aber eins ist klar: Nachrichten müssen in einer digitalen Welt finanzierbar bleiben.
Wieso ist jetzt der richtige Zeitpunkt?
Die Probleme zeigen sich deutlicher als jemals zuvor. Wir verstehen den digitalen Markt besser und wir erkennen den Preis, den wir als Gesellschaft zahlen, wenn Menschen den Zugang zu Qualitätsjournalismus verlieren. Wenn Menschen Müll konsumieren, können schlimme Dinge passieren.










