„Nord Nord Mord“ im ZDF

Ein Österreicher auf Sylt

Von Heike Hupertz
17.01.2022
, 17:42
Sievers (Peter Heinrich Brix, l.) und Behrendsen (Julia Brendler, M.) bekommen Unterstützung durch den feschen Kollegen Lechner aus Wien (Felix Everding).
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Ein toter Kunstexperte in den Sylter Dünen, allerlei Ambitionen und ein „Culture Clash“: Auch die neuste Folge der Krimi-Reihe beweist, dass „Nord Nord Mord“ durch die Typen lebt, nicht durch die Fälle.
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Baselitz, Richter, Bitomsky – bald, so träumen der Maler (Andreas Lust) und seine geschäftstüchtige Schwester Veronika Bitomsky (Helene Grass), werden seine Bilder im MoMa in New York in der Ausstellung bedeutender Gegenwartskünstler hängen, wird sein Marktwert durch die Decke schießen. Sein Platz bei den solventen Sammlern und Investoren wäre ihm sicher. Freilich nur, wenn der Experte Dr. Piontek die entsprechende Bewertung vornimmt. Wenig hilfreich ist allerdings, dass Piontek tot in den Sylter Dünen liegt. Ausgerechnet nachdem es in der Galerie von Ferdinand Frayn (Gustav Peter Wöhler) mit dem jetzt toten Gutachter und seiner Assistentin Dr. Anemone Andersson (Patrycia Ziolkowska) zum Eklat kam. Dummerweise liegt Kollege Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk), der Profiler im Team von Carl Sievers (Peter Heinrich Brix), selbst ernanntes Kombinationsgenie, mit Beinbruch in der Klinik. Wie er das geschafft hat, entzieht sich dem Vorstellungsvermögen von Kollegin und WG-Partnerin Ina Behrendsen (Julia Brendler).

Während Sievers sich bedächtig in die Ermittlung einarbeitet, Behrendsen die Spuren studiert und Feldmann im Krankenhaus, bewacht von einem Krankenschwesterndrachen, einen stummen Seemann zum Bettnachbarn bekommt, der noch eine Rolle spielen wird, rauscht aus Wien der neue „T 800-101“ an. Im Rahmen des länderübergreifenden Austauschprogramms soll der nassforsche Ottfried Lechner (Felix Everding) für Unterstützung sorgen, bewirkt aber erst einmal einen syltisch-österreichischen „Culture Clash“. Er verbreitet „Schmäh“, spielt Caféhaus-Personal (Sievers ungnädig: „Ich trinke Tee“), nimmt Feldmanns Platz ein und schläft neben dem verdächtigen Maler Bitomsky in der Zelle („Hochsaison – alle Zimmer ausgebucht“).

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Sievers wiederum enthält sich aller Mätzchen und lernt etwas über die Arbeit von „Art Consultants“, sonstigen Sachverständigen, Prüfungen von Original und Fälschung, Möglichkeiten der Leinwandbestimmung, Farbzusammensetzung und so weiter. Die Lektion von Dr. Andersson bleibt nicht ohne Folgen. Hat Sievers’ Freundin Tabea Krawinkel (Victoria Trauttmansdorff) etwa einen echten Bellini, einen millionenteuren venezianischen Künstler, im Wohnzimmer hängen? Und was haben die Giessweins (Ole Schloßhauer, Martin Wißner), Kunstsammler ohne Ahnung, aber mit Allüren, mit dem Fall zu tun, in dem auch das Bild „Studie in Türkis“, russische Avantgarde um 1900, eine Rolle zu spielen scheint?

Dieses und viele andere zusammenzupuzzelnde Rätsel werden in „Nord Nord Mord – Sievers und das mörderische Türkis“ in anderthalb recht kurzweiligen, knobeltechnisch eher anspruchsfreien und spannungsarmen Stunden gelöst. Man wundert sich zwar, dass das ZDF die Folge der inzwischen langlebigen Reihe, die mit dem knochentrockenen Peter Heinrich Brix den passenden Nachfolger für Robert Atzorn gefunden hat, als „Fernsehfilm der Woche“ präsentiert, andererseits auch wieder nicht. „Nord Nord Mord“ lebt durch die Typen, nicht durch die Fälle.

Vorab
„Nord Nord Mord: Sievers und das mörderische Türkis“
Video: ZDF, Bild: dpa

Wnuk spielt den nervenden Besserwisser, Brendler die patente Ermittlerin, für Brix liegt in der Ruhe die Kraft. Daneben gibt es in den Episoden immer wieder starke Schauspieler und Schauspielerinnen wie Gustav Peter Wöhler (dem man ja immer alles zutraut) und Victoria Trauttmansdorff oder Andreas Lust. Die Drehbücher sind von unterschiedlicher Qualität, aber nicht unterirdisch, ein leiser Humor ist in der Regel vorhanden (Autor hier: Thomas O. Walendy, Regie Berno Kürten, Kamera Friederike Heß). Unter den „Gebrauchskrimis“ gehört „Nord Nord Mord“ zu den besseren, daneben aber zeigt sich hier ein anschauliches Beispiel für die Umsetzung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags im Fach „fiktionale Unterhaltung“.

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„Sievers und das mörderische Türkis“ wirkt nicht zuletzt, als habe man den von der Rundfunkkommission aktuell neu formulierten und gerade breit diskutierten medienstaatsvertraglichen Auftrag, Unterhaltung in Zukunft im Programm nur insoweit zu berücksichtigen, als er dem Zweck von Bildung, Kultur- und Informationsvermittlung dient (grob, aber sinnwahrend gesagt), schon verinnerlicht. Der Bildungsaspekt: Hier gibt es allerhand zu lernen zum Thema Authentizitätsprüfung von Kunstwerken. Der Kulturaspekt: Vermittelt wird (ein wenig) Wissen zu verschiedenen Kunstepochen. Der Informationsaspekt: Der Immobilienmarkt auf Sylt ist eine Katastrophe für Normalverdiener, aber nicht, wenn man Kommissar ist. Humor ist das Vehikel dieses Botschaftentransports. Im Großen und Ganzen geht der Programmauftrag in „Nord Nord Mord“ – dank der Schauspieler – auf. Eine Vorbildfunktion oder Leistungsschaudimension (Stichwort: „Fernsehfilm der Woche“) möchte man „Nord Nord Mord“ aber lieber nicht zusprechen.

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Nord Nord Mord – Sievers und das mörderische Türkis, an diesem Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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