Beitrag in der „Rundschau“

Aufruhr in Italien über deutschen Dante-Essay

Von Karen Krüger, Mailand
29.03.2021
, 11:58
In Italien sorgt ein deutscher Dante-Essay für Aufruhr. Der harmlose Aufsatz wird fehlinterpretiert, um antideutsche Ressentiments zu schüren – und Auflage zu machen.

Italiens Staatspräsident Mattarella hat kürzlich daran erinnert, Dante Alighieri sei immer ein Bezugspunkt für Generationen von Italienern gewesen, bis hin zu dessen propagandistischer Verherrlichung durch die Faschisten. Auch noch heute wird der vor siebenhundert Jahren verstorbene Dichter instrumentalisiert. Das offenbaren die jüngsten Reaktionen auf einen Text der „Frankfurter Rundschau“.

Der von Arno Widmann, früher Feuilletonchef der „FR“, gezeichnete Artikel erschien zum Auftakt der italienischen Dante-Feierlichkeiten am Donnerstag. Widmann stellt darin Dante in einen größeren historischen und literarischen Zusammenhang und bestimmte Lesarten des Dichters in Frage – seine Vaterschaft für die italienische Sprache etwa oder die Originalität seiner „Göttlichen Komödie“: Dante, so der Autor, habe sich von provenzalischen Troubadouren inspirieren lassen und, wie erstmals 1919 von dem Arabisten Miguel Asín Palacios beschrieben, vermutlich von muslimischen Berichten über Mohammeds Himmelsreise. Dante sei ehrgeizig gewesen, „das Unmögliche war sein Element“. Widmanns Text ist in zurückhaltendem Ton formuliert und bemüht sich eher sporadisch durch sprachliche Zuspitzung um Unterhaltsamkeit. Er schließt mit einem Vergleich mit Shakespeare: Dessen Amoralität „kommt uns doch Lichtjahre moderner vor als Dantes Bemühen, zu allem eine Meinung zu haben, alles vor den Richterstuhl seiner Moral zu ziehen“. Die italienische „la Repubblica“ machte daraus: Für die „FR“ liege Dante „Lichtjahre hinter Shakespeare“.

„Wo soll ,der unglaubliche Angriff auf Dante‘ sein?“

Unter dem Titel „Dante, der unglaubliche Angriff einer deutschen Zeitung: ,Karrierist und Plagiator, Italien hat wenig zu feiern‘“ druckte die Zeitung eine atemberaubende Fehlinterpretation von Widmanns Artikel und versetzte damit weite Teile Italiens in Aufruhr. Von einem „Peitschenhieb“ ist die Rede, einem „Angriff“ gegen „Dante, Italien und die Dante-Feierlichkeiten“. Widmann schreibe mit „unerklärlicher Missgunst“ und treibe ein „Spiel der böswilligen Anspielungen und irreführenden Hinweise“. Und er stelle Dante als Plagiator dar.

Das Echo war gewaltig. Kulturminister Dario Franceschini retweetete den Artikel und kommentierte die Vorwürfe eher beiläufig mit einem Vers aus Dantes Inferno: „Non ragioniam di lor, ma guarda e passa“. Übersetzt bedeutet das ungefähr so viel wie „Kümmert euch nicht um sie, macht einfach weiter“. Genau das Gegenteil passierte. Zahlreiche Medien übernahmen die Lesart der römischen Zeitung. Mit jedem Beitrag wuchs die Empörung.

Der Lega-Chef Matteo Salvini sprach von „unglaublichen und sinnfreien Worten“, Federico Mollicone, Mitglied im Kulturausschuss, forderte, Franceschini und Außenminister Di Maio müssten „für diesen Frevel an einem nationalen Symbol“ von ihren deutschen Amtskollegen eine Entschuldigung verlangen. Der Bürgermeister von Ravenna schrieb einen tadelnden Brief an die „FR“, und der bekannte Schriftsteller Gianrico Carofiglio spottete auf Twitter über Widmann. Die sozialen Medien standen in Flammen, bis ein Italiener aus Trier auf der Facebook-Seite von „la Repubblica“ Luft aus der Sache nahm.

Er habe den Artikel gelesen und sei verwundert: „Wo soll ,der unglaubliche Angriff auf Dante‘ sein?“ Widmanns Artikel sei vollkommen harmlos, eher „langweilig“. Andere des Deutschen kundige Italiener bestätigten die Beobachtung. Widmann analysiere und biete „Denkanstöße“, schrieb eine Nutzerin: „Ich konnte keine Spur von ,Italien hat wenig zu feiern‘ finden.“ Noch mehr Reichweite hatte ein Eintrag des Journalisten Roberto Saviano. Er lobte Widmann als erfahrenen Literaturkritiker. Er spüre nicht einmal den Hauch eines deutschen Angriffs. Was er aber sehe, sei „die Unfähigkeit, geschriebene Texte zu lesen und zu verstehen“. Das Spiel, so Saviano, sei das übliche: Einige Journalisten und Politiker schürten antideutschen Hass und spielten sich dann auf als Verteidiger der italienischen Kultur.

Dem ist eigentlich kaum etwas hinzuzufügen. Allen voran Italiens Kulturminister hätte sich eine vernünftige Übersetzung des „FR“-Artikels besorgen sollen, bevor er ihn kommentierte. Und warum eine seriöse Zeitung wie „la Repubblica“ sich auf ein derart populistisches Niveau begibt, möchte man gerne wissen. Während andere mittlerweile korrekt berichten, ist deren tendenziöse Darstellung weiterhin online und wird fleißig geteilt. Die Verunglimpfung Deutschlands ist in Italien in gewissen Kreisen noch immer ein Garant für Auflage und Reichweite. Dem Auftakt des Dante-Jahres, der eigentlich ein rundweg schöner hätte sein können, hat Italien selbst einen bitteren Nachgeschmack beigefügt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
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