Erfinder von „alman_memes2.0“

Das Lachen über sich selbst hat etwas unglaublich Erleichterndes

Von Annina Metz
24.03.2021
, 15:08
Sina Scherzant und Marius Notter haben ihr erstes Buch „Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannenset“ veröffentlicht.
Achim hat schon angegrillt: Ihr Instagram-Account hält den Deutschen schonungslos den Spiegel vor. Jetzt haben die Initiatoren von „alman_memes2.0“ ein Buch über deutsche Marotten geschrieben.
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„Jeden Werktag um 11 Uhr 1 neues Meme“ steht in der Profilbeschreibung des Instagram-Accounts „Alman_Memes2.0“. In deutscher Pünktlichkeit werden hier Inhalte geliefert. Worauf man sich einlässt, weiß man, wenn man mit den Begriffen „Alman“ und „Meme“ etwas anfangen kann. Memes, das sind mit einem lustigen Text versehene Bilder oder Videos, die in sozialen Netzwerken schnell und weit verbreitet werden und die Meinung, Gefühlslage oder Verhaltensweisen vieler Menschen beschreiben. „Alman Memes 2.0“ macht das gut: Dem Account folgen mittlerweile mehr als 600.000 Menschen. Grob umrissen geht es hier um typisch deutsche Klischees, Verhaltensweisen, die sich häufig in Deutschland beobachten lassen, Eigenarten. Bespielt wird der Kanal von Marius Notter und Sina Scherzant. Beide wissen um die Brisanz des Begriffs „Alman“ und dessen Definition – auch wegen ihrer scharfen Kritiker. Deutungshoheit beanspruchen sie nicht.

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Herr Notter, Frau Scherzant, Sie nehmen mit Ihrem Instagram-Account fast täglich uns „Almans“ aufs Korn, jetzt haben sie ein Buch darüber veröffentlicht. In welchen Punkten sind Sie selbst „Almans“?

Sina Scherzant: Wir sind beide Vegetarier. Wenn wir mit Freunden im Restaurant sitzen und am Ende des Abends die Rechnung geteilt werden soll, denke ich schon manchmal: Ich hatte doch nur das vegetarische Nudelgericht für 7,50 Euro und die anderen Steaks für 13 Euro! Ich schäme mich dann auch. Verhindern kann ich es aber nicht.

Marius Notter: Ich hab mich gestern dabei erwischt, wie ich im Supermarkt genervt den Warentrenner aufs Kassenband geknallt habe. Ich habe richtig Angst davor, dass ich mal bei einer solchen Marotte erkannt werde. Das wäre so peinlich.

Ins Restaurant können wir ja gerade leider nicht. Wie lassen sie sich momentan zu Ihren Memes inspirieren?

Sina Scherzant: Am besten funktioniert es schon, wenn wir Menschen in Cafés oder in der Bahn beobachten können. Momentan beziehen wir uns auf aktuelle, gesellschaftliche Themen. Auch Politiker sind guter Stoff für Memes.

Was meinen Sie – liegt es an Ihrer Selbstironie, dass sich die Menschen so über Ihre Memes amüsieren können?

Sina Scherzant: Achim und Anette, zwei unserer fiktiven Figuren, sind in den Fünfzigern. Mit ihnen betreiben wir eine Art Boomer-Humor. Wenn wir wiederum Beiträge posten, bei denen es um die jüngeren Figuren Annika und Andi geht, beobachten wir, dass unsere Follower deutlich angefasster reagieren. Da erreicht uns dann auch mehr Kritik. Ich glaube, die Leute lachen am Ende doch lieber über Figuren, die ihnen nicht ganz so nah sind. Witze auf eigene Kosten tun uns doch oft am meisten weh.

Also funktioniert es am besten, wenn Sie sich über unsere Elterngeneration lustig machen?

Marius Notter: Es ist eine Mischung. Da sind Nutzer, die uns für unsere antirassistischen Memes mögen. Andere mögen Memes, in denen wir das Verhältnis von „Almans“ und Klimawandel kritisieren. Und wieder andere lachen am liebsten über ganz harmlose Dinge wie das Angrillen im Frühjahr oder Situationen an der Supermarkt-Kasse. Aber den meisten Spaß erzeugen wir, wenn wir alles bedienen und miteinander vermischen.

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Lacht unsere Generation überhaupt gern über sich selbst?

Marius Notter: Das Lachen über sich selbst ist etwas unglaublich Erleichterndes. Man kennt ja seine eigenen Fehler und wenn dann jemand auf der Bühne steht und lustig erzählt, dass es ihm genauso geht, dann macht das mein Päckchen ein bisschen leichter. Die Fähigkeit zur Selbstironie ist aber in der deutschen Mainstream-Comedy in den letzten Jahren etwas untergegangen. Bei Loriot hat das zum Beispiel noch sehr gut funktioniert.

Sina Scherzant: Selbstironie geht immer mit Selbstreflexion einher. Ich muss mich und meine Charakterzüge, aber auch Eigenarten und Fehler ja erstmal verstanden haben, um selbstironisch zu sein. Anders sieht es aus, wenn Leute dumme Witze über ihre Mitmenschen machen, zum Beispiel über Menschen mit Migrationserfahrung, Frauen oder Homosexuelle – und dann einfordern, dass die Leute jetzt gefälligst über sich selbst lachen sollen.

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Marius Notter: Ein großer Teil der Memes-Kultur beruht auf Selbstironie. Das passt auch gut in unsere Zeit.

Inwiefern?

Marius Notter: Wir haben ja nun gerade keine „happy days“. Allein die Pandemie-Bedrohung hat viele Vorlagen für Memes geschaffen und damit einen Bewältigungsmechanismus in Gang gesetzt. Man bemüht sich darum, irgendwie mit der Situation klarzukommen.

Können Memes uns Selbstironie lehren?

Sina Scherzant: Unbedingt. Memes haben dazu beigetragen, dass wir wieder mehr über uns selbst lachen. Der Sinn ist ja, dass man an sich oder an Bekannte denkt.

Marius Notter: Ich glaube, durch die ganze Meme-Kultur fällt es vielen Menschen leichter, bestimmte Unzulänglichkeiten zuzugeben. Das hat etwas losgetreten, diese ganze „Oh Gott, das bin ja ich!”-Haltung.

Gibt es Grenzen und Themen, über die Sie nicht lachen können oder wollen?

Marius Notter: Nein! Wir versuchen das ganze „Alman“-Bild abzubilden. In seinen lustigen, selbstironischen, aber auch in seinen sehr dunklen Seiten.

Sina Scherzant: Wobei Instagram uns nicht immer lässt …

Warum?

Sina Scherzant: Wenn uns jemand mit einem rechten Profil teilt, werden wir sehr oft gemeldet und unsere Inhalte teilweise gesperrt.

Marius Notter: Wir haben auch schon sehr viele Drohnachrichten bekommen. Diese Leute nennen uns dann „Vaterlandsverräter” und denken, sie beleidigen uns damit. Instagram ist manchmal sehr intransparent. Als die Pandemie losging, ist es vor lauter Fake News fast zusammengebrochen. Um der Lage Herr zu werden, wurde alle Energie auf die Löschung der Corona-Fehlinformationen gesetzt. Dann wird so etwas wie eine Meme-Seite automatisch schneller aussortiert.

Wann haben Sie sich entschieden, politisch zu werden?

Marius Notter: Das haben wir von Anfang an gemacht.

Sina Scherzant: Bei aktuellen Themen, zu denen es sich lohnt, Stellung zu beziehen, sind Memes gut geeignet, etwa gesellschafts- oder rassismuskritisch zu werden. Die Balance zwischen Witz und Ernsthaftigkeit darf aber nicht verloren gehen. Wir wollen auf keinen Fall nur „abkulten“. Wir wollen die ganze Bandbreite zeigen.

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Marius Notter: Unsere Persönlichkeit spiegelt sich da automatisch wieder. Wir lachen gerne über leichte Sachen, sehen aber auch die Probleme.

Trotz aller Kritik haben Sie sich entschieden, ein Buch zu schreiben und unter Klarnamen zu veröffentlichen. Warum?

Sina Scherzant: Vom Abdrucken der Memes bis hin zu Kurzgeschichten gab es diverse Vorschläge von Agenturen und Verlagen. Auch unsere Community hat uns dazu gedrängt, die Geschichten weiter auszubauen.

Marius Notter: Vielleicht wären wir auch irgendwann ein bisschen enttäuscht gewesen, wenn niemand auf uns zugekommen wäre. (lacht)

Auf dem Instagram-Account stehen Achim und Anette im Mittelpunkt der Geschichten. Warum ist Anette die Hauptperson des Buchs geworden?

Marius Notter: Es gibt schon so viele Bücher über Männer, da wollten wir nicht noch das nächste schreiben.

Sina Scherzant: Anette hat einfach viel mehr Energie als Achim. Eine aktive Hauptperson ist viel dankbarer als so ein Achim, der von allem irgendwie gestresst ist. Man braucht eine Figur, die etwas vorantreibt …

Marius Notter: … und die noch etwas will vom Leben. Außer am Sonntag Formel-1 zu schauen.

Wie lange hat es gedauert, die Eindrücke für die Geschichte einzufangen?

Sina Scherzant: Gar nicht so lange – und dann doch unbewusst unser ganzes Leben lang. Wir haben aus unseren Heimatregionen viele regionale Redewendungen einbezogen, die wir von Verwandten oder Lehrern aufgeschnappt hatten. Außerdem haben uns andere Instagramer täglich Anekdoten zuschickt.

Bei all dem Humor ist das Buch sehr gesellschaftskritisch geraten.

Sina Scherzant: Alle kriegen etwas ab, vor allem die Männer, aber auch Anette, die sich selbst nie Feministin nennen würde. Ich finde es nicht gut, wenn Frauen diesen Begriff ablehnen. Aber ich kenne viele Frauen in diesem Alter, die im Grunde sehr emanzipiert sind, die feststellen, dass sie von Männern ausgebremst werden, und dennoch nicht Feministin genannt werden wollen.

Marius Notter: Wir haben mit einer Szene angefangen, in der Anette Achim ihren Plan schildert, Bürgermeisterin der Kleinstadt Hildenberg zu werden. Er reagiert sehr ablehnend. Wir hätten das gar nicht anders schreiben können, denn oft ist das leider die Realität.

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Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannenset erscheint im Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Metz, Annina
Annina Metz
Redakteurin für Social Media.
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