„Der Weiße Tiger“ bei Netflix

Mit Bollywood hat das nichts zu tun

Von Oliver Jungen
22.01.2021
, 17:59
Ein Schelm, der Böses dabei tut: „Der weiße Tiger“ erzählt vom wilden Aufstieg eines indischen Dieners, der schnell lernt, dass sich auch die Reichsten keine Moral leisten können.

Warum drehen die Hühner in ihrem Käfig nicht durch? Sie riechen doch das Blut ihrer Artgenossen, die an indischen Marktständen gleich vor dem Käfig geschlachtet werden. Warum warten die Tiere ergeben auf das Messer? Balram Halwai, ein ungewöhnlich pfiffiger Dorfjunge aus niederer Kaste, so selten wie ein weißer Tiger, ahnt die Antwort: Sie haben verlernt, dass Auflehnung möglich ist. So funktioniere sein ganzes Land: Dienstboten, die sich ausbeuten lassen, weil sie nichts anderes kennen. Für Verstöße gegen diese uralte Regel werden ihre Familien bestraft. Balram weiß nicht, was Nietzsche Zwielichtiges zur „Sklavenmoral“ geschrieben hat – der ressentimentgeladene Blick der Schwachen auf die Starken, deren Stärke sie für die eigene Situation verantwortlich machen und deshalb als böse diskreditieren –, aber er weiß, dass es darauf ankommt, sie zu verwandeln: in eine Herrenmoral. Das ist ihm jeden Preis wert. Und es ist, kaum zu glauben, zum Brüllen komisch.

„Der weiße Tiger“, Aravind Adigas Schelmenroman über den Raubtierkapitalismus, der 2008 den Man Booker Prize gewann, ist ein literarisch kraftvoller Frontalangriff nicht nur auf die indische Gesellschaft, sondern auch auf alle gefühlige Mitleidsprosa, um die er – furios lustig und konsequent amoralisch – einen doppelten Bogen macht. Es geht um Selbstermächtigung, die ein listenreicher Protagonist in aller Härte vorführt. Der Witz speist sich oft aus Verachtung, die sich in alle Richtungen erstreckt. Und wo gute Intentionen am Werk scheinen, wird es oft besonders finster. Wie leicht hätte dieser Antiheld, der Moral gegen Stärke tauscht, auch wenn der „Verrat“ für seine gehassliebte Familie wohl den Untergang bedeutet, in der Verfilmung zum Bollywood-Felix-Krull mutieren können, zu einem Dandy, der die dekadente Oberklasse frech an der Nase herumführt. Ebenso zu befürchten war ein engagiertes Kitsch-Märchen im Stil von „Slumdog Millionaire“ (ebenfalls 2008).

Dem Ton des Romans so nah, wie nur möglich

Was der amerikanische Filmemacher Ramin Bahrani (Regie und Buch) nun für Netflix abgeliefert hat, ist jedoch ein Triumph. Sein Film kommt dem Geist und dem Ton des Romans so nah, wie es nur möglich war. Dabei spielt auch die Entscheidung für authentische Settings eine wichtige Rolle. Wir sehen ein ungeschöntes, zwar buntes, aber vor allem schmutziges, chaotisches, düsteres, herzloses, bis ins Mark korruptes und andererseits geschmacklos reiches Indien, mit dem die im Westen so beliebten Idealisierungen kaum etwas zu tun haben. Der Hinduismus etwa kommt nur am Rande vor, und dann in problematischer Zuspitzung: Der „Storch“ (Mahesh Manjrekar) – der reichste Mann aus Balrams Gegend und nach dessen geschickter Selbstvermarktung sein Arbeitgeber – hasst Muslime, was der Protagonist ausnutzt, um den ranghöheren Fahrer, der heimlich zu Allah betet, gnadenlos abzuservieren. Balram lernt schnell: Empathie ist Schwäche. Und doch hat Bahranis Film nichts von einer Sozialreportage, denn die im Widerspruch zum sozialdarwinistischen Kampf stehende rasante komödiantische Inszenierung – lakonisch vom Protagonisten aus dem Off erzählt zu flotter Bhangra-Tanzmusik von, klar, Panjabi MC – sorgt für das nötige Maß an Verfremdung.

Eigentlich hat es Balram gut getroffen, denn er ist als Fahrer dem progressiven Sohn der Familie zugeteilt, Ashok (Rajkummar Rao), der nicht nur in Amerika studiert und vage Pläne für eine Internet-Firma hat – Film wie Buch ironisieren charmant die Business-Obsessionen der noch als kleinste Straßenhändler ganz groß denkenden Inder –, sondern der seinen Diener respektvoll behandelt. Und doch ist selbst die Ernennung Balrams zum „Freund“ immer nur eine Laune von der kaltherzigen Demütigung entfernt. Die Schauspielerin Priyanka Chopra, ein Star des Bollywood-Kinos und seit der Hauptrolle in der amerikanischen Thriller-Serie „Quantico“ auch international bekannt, überzeugt in der Rolle der „Pinky Madam“, Ashoks in New York aufgewachsene Freundin. Sie gibt sich empört über das krass ungerechte Sozialsystem Indiens und belehrt den (natürlich in sie verliebten) Balram von oben herab über den Fehler seiner Unterwürfigkeit, übernimmt aber nicht einmal dann die Verantwortung, als ein fatales Verschulden ihrerseits dem Diener aufgebürdet wird. Der kann daraus nur lernen, sich nie auf die Loyalität derer zu verlassen, die absolute Loyalität verlangen.

Mit Karma kommt man nicht weit in einer Welt, in der es nur die Kasten Schlächter und Schlachtvieh gibt. Der Star des Films ist ganz klar Adarsh Gourav, der die pikarische Hauptfigur vielschichtig und grandios undurchschaubar spielt, zutiefst unsympathisch und zugleich liebenswert, schiefzahnig-ärmlich und dann wieder aufsteigerschmierig. Selbst als korrupter Unternehmer scheint Balram noch eine Spur verantwortungsbewusster zu sein als die traditionelle Elite. Reicht das? Hat hier jemand den Hühnerkäfig zertrümmert? Oder sehen wir nur einmal mehr, dass die größte Utopie der Unterdrückten darin besteht, selbst zu Unterdrückern zu werden? Lässt sich auf Nietzsches Moral-Basar mit dem Bösen feilschen? Solche Fragen anzudeuten, doch offenzulassen, beweist Mut.

Dass der große Sozialist, der korrupte Vorsitzende der Kongresspartei, durch eine Frau ersetzt wurde, ist zeitgemäß. Nur der im Buch wichtige Abgleich Indiens mit China, dem wahren Tiger-Staat, der sich so anders entwickelt hat als die konkurrierende Milliarden-Macht, geht etwas unter. Zwar gibt sich auch im Film das Erzählte als an den chinesischen Präsidenten gerichtet aus (in größenwahnsinnigen E-Mails), aber diese Rahmung gerät in Vergessenheit. Angesprochen fühlen dürfen sich stattdessen die Zuschauer. Die amüsieren sich köstlich in Szenen wie dem Fahrschulunterricht bei einem Sikh, der Balram beibringt, Überholende unter dem Ausruf „Schwesternficker“ zu schneiden („Die Straße ist ein Dschungel“). Bei allem Slapstick zielen die gewitzten Dialoge aber nie auf krachende Pointen ab, sondern wahren die innere Glaubwürdigkeit. So bleibt am Ende das Gefühl, einem Raubtier, das wir alle kennen (und füttern), tief ins Maul geschaut zu haben.

Der weiße Tiger, bei Netflix

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot