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„Märkische Oderzeitung“

Europa lässt sich auch im Osten entdecken

Von Kevin Hanschke
 - 20:35
Den Blick auf die Region geheftet: Im Newsroom der „Märkischen Oderzeitung“ laufen die Fäden zusammen.

AfD-Spitzenkandidat Kalbitz maßregelt Schüler und bekommt Gegenwind; Brandenburg hat die niedrigste Grundsteuer; In Finowfurt entsteht ein neuer Aldi-Markt. „Radikal regional“ sind die Themen, die an diesem Dienstagmorgen, Ende August, im Konferenzraum der „Märkischen Oderzeitung“ diskutiert werden. Rein flächenmäßig decken Chefredakteur Claus Liesegang und sein Team von der „Märkischen Oderzeitung“ (MOZ) eines der größten Verbreitungsgebiete Deutschlands ab. Von den aufstrebenden Städten und Dörfern des Berliner Speckgürtels über die weiten Ebenen der Uckermark bis zur Odergrenze zwischen Polen und Deutschland. Die MOZ ist mit ihrem Sitz in Frankfurt (Oder) die östlichste Tageszeitungsredaktion der Bundesrepublik. Man sieht sich als das Sprachrohr von Ostbrandenburg. Die täglich verkaufte Auflage liegt bei knapp 64 000 Exemplaren (IVW 2/2019), 92,3 Prozent davon sind Abonnements. Konkurrenz gibt es kaum. Die Region außerhalb des Hauptstadtumlands ist dünnbesiedelt. Wettbewerber gab es seit der Wende kaum, und auch die Anzeigenblätter der Region sind aus demselben Verlag, dem Märkischen Medienhaus. Gesellschafter des Märkischen Verlags- und Druckhauses ist die Neue Pressegesellschaft (Verlag der „Südwest-Presse“). Trotz der Stellung als führendes Regionalmedium kämpft auch die MOZ mit Auflagenschwund und abnehmenden Leserzahlen.

Claus Liesegang ist seit Anfang 2017 bei der MOZ. Er wechselte vom Ingolstädter „Donaukurier“ nach Frankfurt. Sein Einstieg verlief aus seiner Sicht gut, allerdings fand Liesegang eine Zeitung vor, die außer einer nicht App-kompatiblen Website online nur wenig präsent war: „Es war klar, dass wir mit hoher Geschwindigkeit handeln und digitalisieren mussten. Sonst hätten wir den Anschluss verpasst.“ Also baute er die Redaktion um. Er installierte ein fünfköpfiges Team von Online-Redakteuren, die sich um den Website-Auftritt, die neugeschaffene MOZ-App, Social-Media-Kanäle und Video-Journalismus kümmern. Dieses Online-Desk-Team betreut zudem die im Internet publizierten Inhalte, produziert selbst und bereitet die Zusendungen der Lokalreporter auf. Eine Struktur mit klaren Zuständigkeiten zwischen Redakteuren, die sich im Innendienst um die redaktionelle Qualität des Blattes kümmern, und Reportern, die im Land unterwegs sind und der Redaktion zuliefern, soll zusätzlich mehr Effizienz herstellen.

Die „Märkische Oderzeitung“ erscheint in sechzehn verschiedenen Lokalausgaben die von lokalen Redaktionsbüros bestückt werden. Ob Eberswalde, Strausberg oder Erkner, die MOZ hat Leute in allen Winkeln Brandenburgs. „Regionalität ist das Pfund, mit dem wir wuchern“, sagt Liesegang. Er betont auch, dass im Netz jene Beiträge am stärksten gelesen würden, die sich mit den Ereignissen beschäftigen, die vor der Haustür der Leser passieren. Das seien Entscheidungen des Gemeinderates, Stadtfeste, aktuelle Polizeiberichte aus den Städten der Region und eben Verkehrsunfälle.

Jeden Morgen findet eine große Videokonferenz statt, bei der die Redakteure aus den Lokalredaktionen ihre Themen vorstellen. Was hier verhandelt wird, beschäftigt die Region. Dabei sei Vielfalt oberstes Gebot, sagt Liesegang. Die Chefredaktion und die Redakteure zwingt das jedoch oft in einen anspruchsvollen Spagat. Der Rentner in der brandenburgischen Provinz will ebenso unterhalten und informiert werden wie junge Mittelschichtsfamilien, die aus Berlin in die Vororte ziehen. Auf diese Zielgruppe will sich die MOZ in den nächsten Jahren noch intensiver einstellen: „Hier gilt online first“. Die Online-Redaktion soll das MOZ-Portal zu einem größeren Nachrichtenportal ausbauen, das die Informationsbedürfnisse der jüngeren Zielgruppen stärker in den Blick nimmt; auch durch verstärkte Videoberichterstattung, Servicejournalismus und die Nutzung verschiedenster Social-Media-Kanäle.

Doch auch wenn die MOZ nach der Wiedervereinigung eine komfortable Monopolstellung aufbauen konnte, bereitet dem Chefredakteur ein Konkurrent Sorgen: „Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender mit ihren Nachrichtenportalen überziehen ihren Informationsauftrag zu Lasten regionaler Tageszeitungen.“ Liesegang meint insbesondere die Nachrichtenseite rbb24, ein umfangreiches Online-Portal des Fernsehsenders für Berlin und Brandenburg, der üppige Regionalberichterstattung aus Ost- und Nordbrandenburg anbietet. Auch deshalb will Liesegang die Online-Kompetenz seiner Redakteure ausbauen. Reporter sind angehalten, mit dem Smartphone direkt vor Ort zu filmen, wenn nötig live zu berichten und neue Formate auszuprobieren.

Doch der Wandel funktioniere nicht immer reibungslos. „Junge und ältere Kollegen arbeiten eng zusammen und bringen sich gegenseitig die neuen technischen Funktionen bei“, sagt Liesegang. Er gibt aber zu, dass nicht selten über die erhöhten Anforderungen, den Mehraufwand und den zunehmend stressigeren Alltag geschimpft werde. Deshalb gebe es auch Schulungen, die den digitalen Wandel begleiten und unterstützen sollen.

Ein weiteres Problem, das die Redaktionen täglich plagt, ist die Handy-Netzabdeckung und der Breitband-Ausbau in der Region. Schon auf der Zugfahrt von Berlin nach Frankfurt ist ein Handytelefonat fast unmöglich, auch der Internetzugriff auf dem Smartphone klappt selten. „Digitalisierung in so einem Umfeld durchzuführen ist mehr als schwierig“, sagt Liesegang. Auch deshalb fordert er seit seinem Amtsantritt größere politische Schritte zur weiteren Digitalisierung des Bundeslandes. Die verbesserte Online-Anbindung der ländlichen Region sieht er zudem als wichtigen Anreiz gegen populistische Politik. So sehen es auch die Online-Redakteurin Katrin Hartmann und Newsdesk-Leiterin Gitta Dietrich. „Die Wahl war jetzt richtungsentscheidend für die gesamte Region“, sagt Dietrich. Doch neben dem Internet spielen für beide auch andere Formate außerhalb des klassischen Journalismus eine Rolle. Die MOZ ist in Brandenburg auch außerhalb ihrer Seiten ein Medium der politischen Meinungsbildung. Das spiegelt sich unter anderem in den vielen Bürgerforen, die von der Redaktion zur Wahl ausgerichtet werden: Die Zeitung veranstaltete Diskussionsabende zur Landtagswahl, organisiert Politikerbegegnungen zu den Bürgermeisterwahlen in Nord-Ostbrandenburg und bietet Online-Diskussionen über ihr Wähler-Forum an.

Für Katrin Hartmann ist die Diskussion darüber, wie in Zukunft Politik gemacht wird, auch deshalb noch einmal intensiver geworden: „Wir hatten stets Probleme mit Hassrede in der Kommentarspalte unserer Seite und auf Facebook. Unser Team ist nicht groß genug, um all das schnellstmöglich zu erfassen.“ Dennoch stellt sie fest, dass besonders jetzt in der Zeit um die Landtagswahl eine ganz neue Entwicklung stattfindet. „Die Forenteilnehmer moderieren sich gegenseitig.“ Es seien auch viele Gegenkräfte im Netz unterwegs, die rechte Hetze entkräften würden, aufdecken und durch vernünftige Argumente versachlichen. Nichtsdestotrotz, das machen beide deutlich, nehme die Unzufriedenheit an der Oder immer stärker zu: „Gerade auf den Dörfern herrscht großes Misstrauen gegenüber der Politik, die sehr oft Veränderungen versprochen hat, aber selten lieferte.“ Erst jetzt sei ein Wandel erkennbar. So waren beispielsweise zur Landtagswahl erstmals auch die wichtigsten Führungsfiguren der Parteien auf Bundesebene in der Region wie Hubertus Heil von der SPD oder Robert Habeck von den Grünen. Das sei vor dem Aufstieg der AfD seltener der Fall gewesen.

Trotz der hohen Wahlergebnisse der AfD in den Landkreisen an der Oder blicken Dietrich, Hartmann und Liesegang optimistisch in die Zukunft. „Frankfurt beginnt zu boomen“, davon sind die Drei überzeugt. Vor allem die europaweit renommierte Europa-Universität Viadrina in Frankfurt, an deren Spitze von 1999 bis 2008 die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan stand, sei wie ein „Katalysator“ für die Stadt. Dieser starke europäische Fokus habe gerade in der Grenzregion eine ganz entscheidende Bedeutung. Bei der MOZ soll sich dieser europäische Blickwinkel in der Berichterstattung niederschlagen.

Für den Chef der Frankfurter Lokalredaktion, Heinz Kannenberg, der vor der Wiedervereinigung auch selbst Chefredakteur beim „Tag“, dem Vorgängerblatt der MOZ war, spielt Polen eine wichtige Rolle. Hier sieht der Redakteur, der seit Jahrzehnten in Frankfurt Zeitung macht, erhebliches Zukunftspotential: „Das friedvolle und interkulturelle Zusammenleben in der deutsch-polnischen Doppelstadt Frankfurt-Slubice ist eines der größten Wunder der Nachwendezeit.“ Auf der brandenburgischen Seite der Oder war Polen nach der Wende lange ein unbekanntes Land. „Die Leute fuhren über die Grenze, um günstig zu tanken oder Zigaretten zu kaufen. Dass Polen touristisch sehr viel bietet und kulturell reich ist, hat sich erst im Laufe der Jahre herumgesprochen.“ Lange, sagt Kannenberg, hätten hartnäckige Vorurteile auf beide Seiten der Grenze das Zusammenleben schwergemacht. Polen seien als Autodiebe diffamiert worden. Deutsche als arrogante und herrschsüchtige Westler.

In einer Leserbefragung, die wenige Jahre nach der Jahrtausendwende unter den Abonnenten der MOZ durchgeführt wurde, fragte die Zeitung nach den Themenwünschen ihrer Leser. Eine umfassendere Berichterstattung aus Polen und stärkere Service-Tipps, wie Ausflugsmöglichkeiten im Nachbarland, waren dabei unter den häufigsten Antworten. „Diese Umfrage hat uns gezeigt, wie groß die Neugierde auf Polen in Brandenburg ist“, sagt Kannenberg. Die Thematisierung polnischer Politik, lokaler Fragestellungen und des Kulturlebens in der angrenzenden Woiwodschaft (ein polnischer Verwaltungsbezirk) Lebus spiele nun eine wichtige Rolle und sei nicht mehr nur schmückendes Beiwerk. Auch deshalb habe die MOZ entschieden, an jedem ersten Donnerstag im Monat eine deutsch-polnische Partnerschaftsseite zu gestalten. Hier werden die Themen der Grenzregion verhandelt, Kulturtipps auf der jeweils anderen Seite vorgestellt, oder es kommen deutsch-polnische Vereinigungen und Initiativen zu Wort. Um auch in der Partnerstadt effektiv recherchieren zu können, hat die Redaktion Zuwachs von mehreren jungen polnisch-sprachigen Redakteuren bekommen. Polnische Sprachkompetenz, sagt Kannenberg, sei in dieser multinationalen Europa-Region von besonderer Bedeutung.

Trotz der erfolgreichen Strategie gibt es bisher kaum Medienkooperationen zwischen den Regionalzeitungen westlich und östlich der Oder. Größtes Medium in der Region Lebus ist die „Gazeta Lubuska“, die in Zielona Góra erscheint und damit eine noch viel größere Region abdeckt als die MOZ. „Journalismus ist in Polen eher zentralistisch organisiert“, erklärt Kannenberg. Er sieht darin die Hauptursache für das fehlende Interesse an einer Kooperation. Doch Chefredakteur Liesegang sieht hier großes Potential.

Um kurz vor 17 Uhr ist bei der MOZ Redaktionsschluss. Im Newsroom und in der Chefredaktion wird es noch einmal hektisch. Viele Texte von Reportern, die an diesem Tag in Brandenburg unterwegs waren und aus ihren Redaktionsbüros in Oranienburg, Strausberg oder Eberswalde liefern, kommen in letzter Minute.

Für die ostdeutsche Medienlandschaft ist die „Märkische Oderzeitung“ ein wichtiger Bestandteil. In einer Gegend, die wohl zu jenen gehört, die nach der Wiedervereinigung die größte Transformation durchmachen musste und gerade das europäische Zusammenleben ganz neu definiert, operieren ihre Redakteure und Reporter zwischen dem Bewusstsein für die Region und der Abbildung des großen Ganzen innerhalb Brandenburgs. Gleichzeitig müssen Liesegang und seine Redaktion um einen Journalismus kämpfen, der die Wahrheit findet, aber auch optimistisch in die Zukunft schaut.

In der Serie „Lokalmatador“ stellen wir Lokalzeitungen vor.

Quelle: F.A.Z.
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