Facebook als Datensammler

Für eine Handvoll Daten mehr

Von Joana Keil
10.08.2012
, 09:20
In Sergio Leones Klassikerwestern „The Good, the Bad, and the Ugly“ behielt Clint Eastwood in seiner Rolle den Durchblick bis zuletzt. Bei Facebook muss man im Showdown hingegen mehr als ein, zwei Figuren im Auge behalten.
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Nur Informatiker können wirklich verstehen, was Facebook mit den persönlichen Daten treibt. Gesichtserkennung, Zwangsadresse, Gruppenverhalten: die Intransparenz hat System.
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Ein Selbstversuch: einen Facebook-Account erstellen. Name, E-Mail-Adresse, Geburtsdatum und Geschlecht. Es folgt die Bestätigungs-Mail. Los geht es mit Schritt eins: Freunde finden. Der erste Versuch von Facebook, sich mit den anderen Netzwerken zu vernetzen, indem es die Kontakte des neuen Nutzers in anderen Programmen scannt und importiert. Schritt zwei: Heimatort und Ausbildung und Schritt drei: das Profilfoto. Diese Schritte kann man überspringen, doch um Facebook richtig nutzen zu können, muss man die Angaben tätigen.

All das haben Abermillionen von Nutzern längst hinter sich und werden von Facebook doch immer wieder mit neuen Einstellungen, die einen immer transparenter machen, überrascht. Beinahe täglich stellt sich die Frage: Was gibt es Neues? Woran muss ich jetzt schon wieder herumschrauben? Der neueste Dreh: Facebook zeigt an, wer sich was in einer Facebook-Gruppe angesehen hat. Und wie immer wird das von dem Sozialnetzwerk als tolle Sache verkauft: „Das Häkchen“, heißt es da, „unter den einzelnen Beiträgen zeigt, wie viele Gruppenmitglieder ihn gesehen haben. Auf diese Weise bleibst du auf dem aktuellen Stand der Gruppenaktivitäten.“ Jeder, ist zu lesen, „der den Gruppenbeitrag sehen kann, sieht das Häkchen“. Doch will ich das? Dass alle sehen, was ich mir angesehen habe?

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Das Datennetz wird immer dichter

Apropos ansehen: Die Gesichtserkennungsfunktion von Facebook ist schon lange ein heißdiskutiertes Thema, für Datenschützer ist sie ein Unding. Und auch die von Facebook vor einiger Zeit zwangsweise verordnete Nutzer-Mail-Adresse stößt auf Fragen. Wieso brauche ich die? Und warum muss ich mich anstrengen, um sie zu verbergen?

Tina Kulow, die Sprecherin von Facebook Deutschland, begegnet solchen Fragen freundlich, aber ganz in dem gewohnte Facebook-Tonfall: alles prima, alles transparent. Facebook, sagt sie auf Anfrage, informiere „umfassend und sehr ausführlich über Änderungen auf der Plattform. Zudem erhalten wir jeden Tag sehr viele Kommentare, die wir ernst nehmen, diskutieren und die in das Produkt einfließen.“ Doch stehen wirklich die Wünsche der Nutzer hinter all den Funktionen? Oder ist es nicht eher das Bemühen, Facebook als Werbeplattform aufzustellen?

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Die Gesichtserkennungsfunktion sorgt dafür, dass die markierten Bilder eines Nutzers mit anderen, unmarkierten Aufnahmen verglichen werden. Sollte eine Übereinstimmung mit dem Gesicht des Nutzers vorhanden sein, werden die Bilder den Freunden des Nutzers vorgeschlagen, die diese dann auf Vorschlag des Systems namentlich markieren können. Diese Informationen werden von einer großen Datenbank aufgenommen und verwertet. So kann die Datenbank beim Hochladen von neuen Bildern immer mehr Informationen und Markierungen miteinander vergleichen - das Datennetz wird immer dichter.

Gesichter zeigen und markieren

Auch wenn viele nicht wirklich wissen wie: Man kann die Funktion abschalten. „Sollten die Menschen auf Facebook Markierungsvorschläge nicht nutzen wollen, haben sie ganz einfach die Möglichkeit, diese Funktion in ihren Privatsphäre-Einstellungen auszuschalten“, sagt die Facebook-Sprecherin Tina Kulow. Die von dem System aufgenommenen Daten von voneinander vernetzten Bildern, die in Verbindung mit der Funktion gespeichert wurden, sollen nach der Entscheidung, die Gesichtserkennung zu deaktivieren, komplett gelöscht werden - sagt Facebook.

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Doch ist der Ausstieg aus der Gesichtserkennung mit Arbeit verbunden (das ist allerdings nichts gegen die E-Mail-Adresse). Bei der Neueröffnung eines Facebook-Accounts erscheint über der Pinnwand ein Kasten, der den Nutzer über die Gesichtserkennung informiert. Wobei - mit der Information ist das so eine Sache. Man muss sich die „Markierungsvorschläge für Fotos“ ansehen und die „Einstellungen“ bearbeiten. Dann muss man in den Einstellungen zu seiner Privatsphäre unter „Chronik und Markierungen“ deaktivieren, dass „Freunde“ Fotos mit dem eigenen Namen versehen können.

Werbenachrichten sind programmiert

Mit dem Namen markierte Bilder von jemandem können natürlich trotzdem noch bei Facebook auftauchen - wenn ein „Freund“ nämlich Bilder einstellt und sie mit Namen versieht. Darüber wird der betroffene Nutzer informiert und - kann den eigenen Namen bestätigen oder die Markierung zurückweisen. Dann erscheint der eigene Name nicht, das Bild jedoch bleibt bestehen. Namentlich benannt werden können natürlich auch alle, die nicht bei Facebook sind, aber von einem Nutzer fotografiert wurden, der das Bild eingestellt hat. Darauf muss den Abgelichteten dann schon jemand eigens aufmerksam machen, damit er etwas dagegen unternehmen kann. So leicht entkommt Facebook niemand.

Worüber man auch als Nutzer nicht offensichtlich informiert wird, ist die Nutzer-Mail-Adresse von Facebook. Jeder Aktive in Facebook bekommt eine eigene Nutzer-Mail zugeschrieben, die auch zur Identifikation dient. Sie setzt sich aus dem Namen des Nutzers und der Endung „@facebook.com“ zusammen. Für Facebook hat diese Zuschreibung zunächst stets Vorrang gegenüber der vom Nutzer selbst angegebenen Mail-Adresse. Sie ermöglicht Außenstehenden, wie zum Beispiel werbetreibenden Firmen, ohne bei Facebook vertreten zu sein, dem Nutzer Nachrichten zu senden. Diese werden unter „Sonstiges“ gespeichert oder direkt in den Nachrichteneingang geschleust.

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Jedem seine permanente E-Mail-Adresse

Auf diese Art und Weise kann man ungehindert Werbung verschicken, was Facebook neben anderen Verfahren eine Menge Geld einbringt. Bei der Neueröffnung eines Accounts wird einem das nicht verraten. Wenn man nicht darauf achtet, bemerkt man nicht, dass Facebook automatisch die eigene E-Mail-Adresse verbirgt und die Facebook.com-Adresse, die man vom System verpasst bekommen hat, sichtbar für andere macht. Das hat im Netz für Aufruhr gesorgt. Die Facebook.com-Mail-Adresse kann man auch nicht löschen, es sei denn, man löscht seinen Account. Doch wer darf sich schon sicher sein, was Facebook wann wirklich löscht? Man könnte es natürlich so machen wie der österreichische Student Max Schrems, der nach zweiundzwanzig E-Mails von Facebook endlich Auskunft über seine vorhandenen Daten bekam: Es war eine Datei, die ausgedruckt 1222 DIN-A4-Seiten füllte. Vieles davon dachte der Student gelöscht zu haben.

Und doch: Auch die von Facebook hergestellte E-Mail-Adresse kann man verbergen und die eigene Mail-Adresse als primäre wieder einstellen. Abschalten kann man die Facebook.com-Anschrift nicht. Sie ist „nicht löschbar“, bestätigt die Facebook-Sprecherin Tina Kulow, die Adresse „ist die Nutzer-ID, die mit dem öffentlichen Nutzernamen übereinstimmt“. Es stellt sich die Frage, warum der Nutzer darüber nicht ausreichend informiert wird. Kaum jemand weiß über diese Mail-Adresse Bescheid, geschweige denn, wozu sie gut ist.

Wer will, kommt an alle Daten

Die Facebook-Daten sind darüber hinaus im Internet auch außerhalb des Netzwerks verfügbar. Entwickler und Programmierer können durch das Einsehen von Anwendungsprogrammierungsschnittstellen (API) an Daten von Nutzern gelangen. Diese APIs sind mit Servern oder Ports verbunden, die Informationen aller Art speichern. Sie erlauben eine schematische Abfrage verschiedener Informationen.

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Jede Information, die man folglich als Nutzer freigegeben hat, lässt sich über diese APIs herausfinden. Hat zum Beispiel ein Freund oder eine Freundin auf die Pinnwand gepostet, so kann man über diese API erfahren, was in dem Eintrag zu lesen war und ob jemand darauf geantwortet hat oder nicht. Auch als Nutzer kann man über die Datenschutz-Seite von Facebook zu diesen Adressen gelangen. Fügt man sie im Explorer ein, erhält man die Information, die mit Hilfe des APIs angefragt wurde.

Wer einmal in Facebook drin ist, kommt offenbar nie wieder hinaus und verrät über sich im Zweifel mehr, als man denkt. Mal sehen, was sich das Netzwerk Nächstes einfallen lässt.

Quelle: F.A.Z.
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