Studie empfiehlt Transparenz

Facebook erforschen

Von Fridtjof Küchemann
Aktualisiert am 30.06.2020
 - 15:09
Sein Netzwerk sollte erforscht werden können: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im Oktober in Washington.
Bei Druck, Hass und Desinformation endlich Einhalt zu gebieten, gibt sich Facebook immer einsichtig – und bleibt unbehelligt in seinen Verbesserungsversuchen. Eine neue Studie empfiehlt Transparenzpflichten für soziale Netzwerke.

Auch die große Ankündigung Mark Zuckerbergs am vergangenen Freitag hatte den Verlust von Facebooks sechstgrößtem Werbekunden nicht mehr verhindern können. Am Sonntag hat Starbucks angekündigt, bis auf weiteres keine Werbung in sozialen Netzwerken mehr schalten zu wollen. Um einladende und integrative Online-Communities zu schaffen, müsse noch viel getan werden, stellt das Unternehmen fest, und um wirklich etwas zu verändern, müssten Wirtschaftsführer und politische Entscheidungsträger gemeinsam daran arbeiten. Nach Schätzungen von CNN hat Starbucks im vergangenen Jahr allein für Werbung bei Facebook 94,8 Millionen Dollar ausgegeben.

Mitte Juni hatte die Kampagne „Stop Hate for Profit“ Unternehmen dazu aufgerufen, im kommenden Monat keine Werbung bei Facebook zu schalten. Die Zahl der beteiligten Firmen ist groß, die Werbebudgets sind stattlich, der Börsenkurs von Facebook gab nach, und Mark Zuckerberg beeilte sich festzustellen, dass sein Unternehmen mittlerweile fast neunzig Prozent der Hassbotschaften entferne, bevor sie gemeldet würden. Zugleich verkündete er Verschärfungen in den Bestimmungen für Werbung und bei der Beobachtung möglicher Wahlmanipulation. So geht es seit Jahren, unabhängig davon, ob der Druck auf das Unternehmen, hate speech und fake news endlich Einhalt zu gebieten, aus der Politik oder aus der Wirtschaft kommt: Facebook nimmt die Vorwürfe ernst, bekennt sich zu seiner Verantwortung, schildert das Ausmaß der bislang erfolgten Anstrengungen und beteuert, sie noch zu verstärken.

Die Spirale dreht sich weiter. Dem großen Aufwand, den das Unternehmen zur Eindämmung von Hass und Gewalt betreibt, und den immer vielstimmiger formulierten politischen Erwartungen zum Trotz ist die Zahl der täglichen Facebook-Nutzer, die „No Hate for Profit“ zufolge mit Hassbotschaften in Kontakt kommen, hoch: Die Kampagne spricht von 42 Prozent. Statt unabhängige Prüfungen zuzulassen, wie die Kampagne sie fordert, habe Facebook hauseigene Forschung zu „begraben“ versucht. Dabei habe diese herausgefunden, dass 64 Prozent der Mitglieder extremistischer deutscher Gruppen auf Facebook diesen auf Empfehlungen hin beigetreten seien.

Über eine unabhängige Instanz

Zurzeit definiert Facebook nicht nur im Alleingang, was es als Hass und Rassismus im eigenen sozialen Netz einstufen und sanktionieren will. Das Unternehmen entscheidet, welche Maßnahmen es ergreift, und hat den alleinigen Zugriff auf die Daten, die erkennen lassen, ob diese Maßnahmen auch fruchten. Vor zwei Jahren hatte sich Facebook zwar mit einer Initiative namens Social Science One gebrüstet, die Forschern Zugriff auf nahezu eine Milliarde Gigabyte Rohdaten gewähren sollte, um den Einfluss sozialer Medien auf demokratische Prozesse zu untersuchen. Doch sowohl die Art der Daten als auch die Auswahl der Forscher, die einen Zugang beantragt hatten, liegt bei Facebook. Datenschutzbedenken des Unternehmens verzögerten es um fast zwei Jahre.

Datenschutzforscher der Universität Amsterdam haben jetzt im Auftrag der in Berlin ansässigen Initiative Algorithm Watch eine Untersuchung veröffentlicht, wie ein Forschungszugang zu den Daten von Facebook und anderen sozialen Netzwerken politisch zu gestalten wäre, um sowohl den Umgang des Unternehmens mit den eigenen Daten als auch die Einflussnahme von Werbekunden und Nutzern auf andere Nutzer oder Folgen politischer Regulation des Netzwerks untersuchen zu können. Anregungen haben Jef Ausloos, Paddy Leerssen und Pim ten Thij bei Regelungen für den Umgang mit Gesundheitsdaten und solchen zur Umweltbelastung von Unternehmen gefunden, also in Bereichen, in denen mit aus verschiedenen Gründen sehr sensiblen Daten gearbeitet werden muss.

Ihre Empfehlungen: Auf die Daten sollte nicht direkt an der Datenquelle zugegriffen werden können, sondern über eine unabhängige Einrichtung, die für datenschutzgemäße Ano- und Pseudonymisierung sorgt. Die Art von Daten, die zugänglich gemacht werden müssen, sollte ebenso klar definiert werden wie die Weise ihrer Erhebung. Die Daten müssen grundsätzlich innerhalb einer bestimmten Zeitspanne öffentlich zugänglich, ihr Gebrauch zu Forschungszwecken gefördert und ihre Verweigerung strafbewehrt sein.

Mit der Veröffentlichung zielt Algorithm Watch auf den „Digital Service Act“, der auf EU-Ebene beraten wird. Ursula von der Leyen hatte als ein Ziel ihrer EU-Kommissionspräsidentschaft bis zum Jahr 2024 benannt, „bessere Haftungs- und Sicherheitsvorschriften für digitale Plattformen“ zu schaffen.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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