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Fake News

Falsche Nachrichten sind einfach sexy

Von Andrea Diener
 - 20:38

Der Begriff der „Fake News“ hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Längst beschreibt er nicht nur eine falsche Nachricht und Unwahrheit. Er wurde zum politischen Kampfbegriff für alles, was nicht ins eigene politische Bild passt. Er lässt sich nur schwer von absichtlich gestreuter Desinformation oder irreführendem Falschverstehen von Nachrichten trennen und ist deshalb so unscharf. Außerdem sind Fake News bislang erstaunlich schlecht erforscht, dabei ist es so einfach, sie zu generieren, zu verbreiten – und mit Anzeigenerlösen kann man damit sogar eine Menge Geld verdienen.

Eine der größten Studien zum Thema erschien nun im amerikanischen Magazin „Science“. Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) untersuchten etwa 126.000 falsche und zutreffende englischsprachige Nachrichten, die drei Millionen Nutzer in den Jahren 2006 und 2017 4,5 Millionen mal auf Twitter verbreiteten. Dazu wählten sie Artikel, bei denen sechs unabhängige Fact-Checking-Seiten eine hohe Übereinstimmung in der Einschätzung aufwiesen, ob sie wahr oder falsch sind. Das Ergebnis in Kürze: Falschnachrichten verbreiten sich schneller, werden mit einer siebzigprozentigen Wahrscheinlichkeit eher von Nutzern geteilt und werden breiter gestreut. Das ist zunächst keine Überraschung, denn das wurde schon oft beobachtet und in anderen Studien anhand einzelner Nachrichten nachvollzogen, wenn auch nicht in dieser Breite. Doch eine Frage blieb bislang unbeantwortet, nämlich die, woran das eigentlich liegt.

Die Stärke der Falschnachrichten ist die Mundpropaganda

Social Bots, gern als hauptsächliche Fake-News-Schleudern ausgemacht, spielen eher keine Rolle bei der Verbreitung von Falschnachrichten. Bots verbreiten richtige wie falsche Nachrichten gleichermaßen, so wiesen die MIT-Forscher nach. Die hohe Verbreitung des Flaschen – die Autoren sprechen stets von „False News“, nicht von Fakes – hat also mit den Menschen zu tun.

Falschnachrichten kennen Konjunkturkurven, die von äußeren Ereignissen beeinflusst werden. Die amerikanische Präsidentschaftswahl oder die russische Annektion der Krim sorgen für deutlich erkennbare Spitzen, dazu kommen politisch polarisierende Ereignisse wie der Terroranschlag in Paris. Naturkatastrophen hingegen sind zwar schrecklich, Falschnachrichten gibt es dazu jedoch kaum. Politische Fake News bilden mit großem Vorsprung die Hauptkategorie, urbane Legenden liegen auf dem zweiten Platz, gefolgt von Wirtschaft und Terrorismus. Aber auch wissenschaftliche Themen wie Impfung und Impfgegnerschaft oder Ernährung – gerade in diesem Augenblick streitet die deutsche Twitterszene wieder einmal über die angebliche Schädlichkeit von Kuhmilch – sorgen für eine große Verbreitung widerlegbarer Falschinformationen. All das sind Themen, die ein gewisses Erregungspotential mit sich bringen.

Fake oder False News verbreiten sich sofort schneller und weiter als echte Nachrichten, so die Forscher. Ungefähr tausend Nutzer erreicht eine zutreffende Nachricht. Eine Falschnachricht hat hingegen das Potential, tausend bis hunderttausend Nutzer zu erreichen, weil sie häufiger weitergeleitet wird. Die Stärke der Falschnachrichten ist also die Mundpropaganda. Und die Nutzer, die Falschnachrichten teilen, verwalten meist eher kleine Accounts mit wenigen Followern, die noch nicht allzu lange auf Twitter sind. Kaum einer dieser Nutzer hat das blaue Twitter-Häkchen, das verifizierte Accounts auszeichnet.

Angst, Überraschung und Abscheu

Trotz der strukturellen Nachteile durch wenig reichweitenstarke Accounts erreichen Falschnachrichten also schneller ein größeres Publikum als verifizierte Nachrichten der Tagespresse oder der großen Sender. Und da kommen die Gefühle ins Spiel, die sich an Geschichten knüpfen lassen und denen die Nutzer in den Kommentaren auch gerne lautstark Ausdruck verleihen. Verifizierte Nachrichten bedienen üblicherweise eine breite Gefühlsklaviatur von Freude, Erwartung, Traurigkeit bis hin zu Vertrauen. Die meisten Fake News hingegen rufen primär Angst, Überraschung und Abscheu hervor. Jene berühmte Gemütslage der Dauerempörung also, die Twitternutzer von politischen Auseinandersetzungen im Netzwerk leider allzu gut kennen und die den gemäßigteren Stimmen die Diskussionen in vielen Foren verleiden. Falschnachrichten bedienen also jenseits jeder Logik eine Gefühlslage, die einige Nutzer besonders anspricht. „Novelty“ sei eine weitere wichtige Kategorie, so die Forscher. Falschnachrichten sind eher neu und überraschend, ziehen Aufmerksamkeit auf sich und erzeugen starke Gefühle wie Ekel und Ablehnung.

Inzwischen scheint außerdem erwiesen, dass sich russische Trollfarmen in die amerikanische Präsidentschaftswahl des Jahres 2016 eingemischt haben. Diese Trollbots befinden sich zurzeit noch im Experimentierstadium und dürften kaum größeren Schaden angerichtet haben. Die Autoren der MIT-Studie fordern gleichwohl, an dieser Stelle verstärkt nachzuforschen, um den Schaden, den solche Interventionen doch einmal anrichten könnten, möglichst schnell eindämmen zu können: Die Fake-News-Schleudern würden immer ausgefeilter und könnten ganze Gesellschaften destabilisieren. Auch gesundheitlich, wie die Impfgegner zeigen, die sich vor allem auf sozialen Netzwerken mit „Informationen“ versorgen, diese weitergeben, sich gegenseitig darin bestärken, auf Impfungen zu verzichten. Das führt zu immer mehr Neuansteckungen mit Krankheiten wie den Masern, die schon gut unter Kontrolle waren.

Die Filterblase der Fake-News-Verbreiter

Was der amerikanischen Studie leider fehlt, ist eine genauere Analyse der Filterblasen, also der Kreise, in denen Informationen zirkulieren. Eine solche Untersuchung stellte der Datenjournalist Michael Kreil schon für die deutschsprachige Twitterlandschaft an, er präsentierte sie im vergangenen Dezember auf dem Chaos Communication Congress in Leipzig, einige seiner Ergebnisse kann man auch unter netzpolitik.org nachlesen. Kreil konnte für verbürgte Falschmeldungen im deutschsprachigen Raum keine große Verbreitung nachweisen. „Man stottert sich in die Fake News rein“, konstatierte er. Damit verbreiteten sich Falschmeldungen ganz ähnlich wie Internet-Meme, also Phänomene in Netz, die sich viral verbreiten.

Besonders aufschlussreich ist Kreils Analyse der politischen Filterblasen. Twitter lässt es zu, dass über eine API, eine Schnittstelle, Metadaten über die Nutzer ausgelesen werden können und ist nicht zuletzt deshalb ein so gutes Forschungsfeld. Die deutsche Twitterlandschaft lässt sich mittels dieser Daten graphisch darstellen: Während das demokratische Spektrum um die meisten Parteien eine große, locker verbundene Wolke bildet, scheint die Insel der AfD-Accounts und ihnen nahestehender Nutzer vergleichsweise isoliert. Es gibt von dort aus auch wenig Austausch mit Anhängern anderer Parteien.

Diese blaue AfD-Insel ist überraschend deckungsgleich mit den Accounts, die Fake News lancieren und weiterverbreiten. Das hat zur Folge, dass Fake News vor allem innerhalb einer hermetischen Blase verbreitet werden. Sie dringen erst dann nach außen und werden vom Rest der Welt wahrgenommen, wenn bereits eine Gegendarstellung kursiert. „Wenn es eine Filterblase gibt, dann die, dass wir Fake News nicht mitbekommen“, folgert Kreil.

Retweeten sich russische Bots gegenseitig?

Leider fehlt genau dieser Aspekt bei der Science-Studie: Gibt es auch im amerikanischen Raum Twitterblasen, die besonders anfällig für Falschnachrichten sind? Lässt sich das nach Parteien oder anderen Kriterien aufschlüsseln? Und dringen Fake oder False News je aus diesen Blasen heraus, oder retweeten sich hundert russische Bots gegenseitig? Eine qualitative Analyse täte da not.

Bislang ist die Wissenschaft nicht einmal soweit, verlässliche Kriterien zur Identifizierung von Social Bots entwickelt zu haben. Es gibt zwar Dienste, die versprechen, Bots zu identifizieren, doch die Definitionen sind mehr als wackelig: Accounts ohne Profilbild, mit wenigen Followern und einer hohen Posting-Frequenz scheinen da verdächtig. Sie gleichen jedoch jenen unerfahrenen Twitternutzern aus dem AfD-Umfeld, die mit wenig Sozialmedienkompetenz, aber hohem Sendungsbewusstsein und viel zu viel Zeit ziemlich monothematisch über „Merkel“, „Syrer“, „Islam“ twittern. Ihre Affinität zu Fake News ist hoch, ihre Reichweite außerhalb der Blase gleich null. Das ist einerseits beruhigend. Andererseits sind sie sehr laut und torpedieren jede Forendiskussion in kurzer Zeit, so dass die Restöffentlichkeit ihr eigenes Wort kaum noch versteht. Bei der extremen Linken ist das Phänomen freilich auch zu besichtigen.

Wie begegnet man diesen Phänomenen? Die amerikanischen Forscher plädieren einerseits für eine Zusammenarbeit von Wissenschaft, Medien und privaten Unternehmen wie Google, Facebook und Twitter. Diese Unternehmen hätten eine ethische und soziale Verantwortung, sich an der Forschung zu beteiligen. Es müsse außerdem an den Algorithmen gearbeitet werden, mit denen sich die Menschen Zugang zu Informationen beschaffen, denn sie tun das in zunehmendem Maße über soziale Medien. Und nicht zuletzt sind die Schulen in der Verantwortung, Schülern schon früh so viel Medienkompetenz mit auf den Weg zu geben, dass sie falsche von richtigen, echten Nachrichten unterscheiden können.

Quelle: F.A.Z.
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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