Kongress zu „Spiegel“-Fall

Vom Ende der Story

Von Oliver Jungen
19.03.2019
, 08:55
Im Gebäude des Deutschlandfunks wird über die Zukunft des Erzählens im Radio debattiert.
Wie sehr ist ein Sender gegenüber der Öffentlichkeit auf die Wirklichkeit verpflichtet? Hat der Fall des „Spiegel“-Fälschers Claas Relotius Konsequenzen? Der „Kölner Kongress“ befasst sich mit den Grenzen des Erzählens in den Medien.

Der Sitz des Deutschlandfunks im Kölner Süden könnte als bauliche Veranschaulichung einer Filterblase dienen: innen schick, modern und glaswandtransparent; von außen hingegen ein düsterer, abgehobener Klotz zwischen Autohaus, Ausfallstraße und der gewaltigen Ruine des ehemaligen Deutsche-Welle-Funkhauses, ein geradezu dystopischer Ort. Wer sich diesem Sender – bildlich gesprochen – von innen nähert, der erwartet und erhält ein Informations- und Kulturprogramm auf hohem Niveau; wer zufällig draußen vorbeigeht, wird sich aber kaum hineingezogen fühlen.

Damit eignet sich das Funkhaus bestens als Veranstaltungsort für den seit drei Jahren gemeinsam mit der Kunsthochschule für Medien (KHM) ausgerichteten Kölner Kongress, der den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vornehmlich das Radio, als erzählerische Instanz zu verorten versucht. Im Mittelpunkt des Interesses stand diesmal die Frage, wie sehr ein Sender gegenüber der Öffentlichkeit auf die Wirklichkeit verpflichtet ist. Oder anders gewendet: Wie viel Freiraum bleibt da noch für das Experimentieren mit reinem Sound und für die verspielte Inszenierung von Scheinrealität?

Hörsinn resensibilisieren

Als prominenten Eröffnungsredner hatte man den für seine eingängigen, notorisch richtigen Thesen über die neoliberale Verstümmelung des Menschen zum marktkonformen Quasiroboter bekannten Soziologen Richard Sennett eingeladen. Es wirkte dann aber doch leicht großväterlich, Jahrzehnte nach Friedrich A. Kittlers genialischen Einlassungen zu Lautsprechern, Heeresfunk und Signal-Rausch-Abstand mit einer dermaßen unterkomplexen These aufzuschlagen: Weil mit der Digitalisierung im Sinne der Silicon-Valley-Monopolkonzerne der Primat des Visuellen tyrannisch geworden sei, gelte es, den Hörsinn zu resensibilisieren. Und so ehrenwert es sein mag, mit Londoner Studenten „urban sounds“ aufzunehmen, lockt Sennett damit in Deutschlands Hochkultur-Radioszene wohl niemanden hinter dem Ofen hervor. Davon konnte er sich im Anschluss selbst überzeugen, als eine zur besten Sendezeit live übertragene, fünfzig Minuten lang hübsch summende und wabernde Komposition aus alten Radiokennungen von Michaela Melián aufgeführt wurde: Das in der Installation „Chant du Nix“ andächtig umhergehende Publikum folgte gewissermaßen dem Rauschen ins Innere einer Muschel.

Auch die Klangkünstlerin Christina Kubisch, bekannt für ihre „Electrical Walks“, bei denen präparierte Kopfhörer elektromagnetische Wellen in Töne wandeln, führte vor, wie sehr wir mittels Sound ganz neue Raum- und Wirklichkeitserfahrungen machen können. Und doch lasse sich eine Klanginstallation im Radio nicht abbilden, sondern nur als schlichte Stereo-Erfahrung nachempfinden, stellte der Hörspielmacher Paul Plamper heraus. Dass Realität im Radio immer eine inszenierte ist, leitete zu einem äußerst spannenden Panel über, das ausgehend vom Fall Claas Relotius darüber nachdachte, was in Features und Dokumentationen als „Fake“ zu gelten habe.

Verdammung des „Storytelling“

Schnell waren sich die Diskutanten einig, dass es erlaubt sein muss, Geräusche aus der Retorte zu ergänzen. Auch erfundene Rahmenhandlungen seien in Ordnung, solange dies ausgewiesen werde. Die Probleme sah man ganz woanders. So beklagte der Dokumentarfilmer Daniel Sponsel, dass Redaktionen heute wenig aufgeschlossen seien gegenüber unkalkulierbaren Produktionen. Stets müsse es um einzelne Protagonisten und ihren Konflikt gehen, um eine „Heldenreise“ und das „Schmiermittel der emotionalen Anbindung“. Von dort aus schraubte sich die Debatte zu einer wuchtigen Verdammung des „Storytelling“ hoch. Die an Journalistenschulen gelehrte elende Idee, das „Leute abgeholt“ und durch eine gefühlig simplifizierte Story gelotst werden müssten, habe den „Drang zur immer geileren Erzählung“ ausgelöst und damit zu den gefälschten Relotius-Reportagen geführt. Als deren Hauptkennzeichen machte der Publizist Tom Schimmeck pompösen Kitsch aus. Wenn der „Spiegel“-Skandal zu mehr redaktioneller Offenheit für komplexere Herangehensweisen führe – für assoziatives oder rhetorisches Erzählen etwa –, sei das jedoch äußerst begrüßenswert.

Wie aufwendig es sein kann, sich mit jenen Kreisen, die ohnehin alles in der „Systempresse“ für Fälschung halten, auseinanderzusetzen, zeigten die beiden Hörspielmacher Christian Schiffer (BR) und Walter Filz (SWR). Beide haben sich in Features mit Verschwörungstheorien befasst. Bei der Intention zeigten sich aber doch kleine Unterschiede. Filz versteht seine Serie „Akte 88“ über diverse Adolf Hitler angedichtete Nachleben als humorvolle „Illustration des Irrsinns“, um ihren Anhängern „ohne alle Didaktik eins auf die Mütze zu geben“. Schließlich nehme der Geschichtsrevisionismus in erschreckendem Maße zu. Schiffer hingegen geht davon aus, dass es Verschwörungsvermutungen immer schon gegeben habe. Es sei aber schon viel gewonnen, wenn man zur Lockerheit vor der Jahrtausendwende zurückfinde, als man sich naiv an den verrücktesten Theorien erfreuen konnte, weil das Spielerische im Vordergrund stand. Aus dem Krieg der Überzeugungen lässt sich demnach also gerade nicht durch Beharren auf der wahren Sichtweise ausbrechen, sondern durch das Ausstellen der Grenzen des Wissens und durch Lust an Fiktion.

In seinem Eintreten für ein künstlerisch anspruchsvolles Programm jenseits der Quotenausrichtung, das sich nicht durch Leichtverdaulichkeit und Emotionalität anbiedert, lässt sich der Kölner Kongress natürlich auch als kräftige Schützenhilfe für ein klassisch gehobenes Radioprogramm verstehen, wie es der Deutschlandfunk auf seinen drei Wellen zu großen Teilen noch anbietet. Dass Hörer „abgeholt“ und „mitgenommen“ werden sollen, ist wohl auch hier nicht mehr ganz fremd, aber es gilt, gegenüber der austauschbaren Konfektionierung den freien, überfordernden, mitunter gar dystopischen Experimentierraum so lange zu verteidigen wie irgend möglich.

Quelle: F.A.Z.
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