FAZ.NET-Fernsehkritik

Bloß nicht Roland Koch wählen!

Von Michael Hanfeld
07.01.2008
, 12:35
Die neue Erkenntniszerstreuerin im Ersten: Anne Will
Bei Anne Will ist inzwischen alles möglich. Am Sonntagabend konnte man erleben, wie sich eine Talkshow, bei der es eigentlich um das Thema Jugendkriminalität und Kriminalität unter jugendlichen Zuwanderern gehen sollte, am Ende in Luft auflöste. In warme Wahlkampfluft.

Das war doch einmal eine richtige Farce, am Sonntagabend bei Anne Will im Ersten. Und wir dürfen sagen, wir sind dabei gewesen. Wir sind Zeuge einer Talkshow geworden, die sich am Ende, als die Moderatorin den vermeintlichen Erkenntnisgewinn in gar nicht genug Worte fassen konnte, in Luft auflöste. Weil sie das Thema der vorangegangenen Stunde - es ging um Jugendkriminalität und die Kriminalität unter jungen Zuwanderern - als vermeintlich allein dem Wahlkampf geschuldet entlarvte.

Dass nur ja Roland Koch mit diesem Thema und mit Hetzparolen nicht die Wahl in Hessen gewinnen möge, sagten vier der fünf Gäste von Anne Will. Der Fünfte, Günther Beckstein, der bayerische Ministerpräsident, war allein auf weiter Flur und am Ende nur noch ein Haufen Zaudern. Der Außenminister Frank-Walter Steinmeier hingegen, der ob seines Ministeramtes wahrscheinlich besonders prädestiniert ist, sich zu Themen innerer Sicherheit zu äußern, hatte ein Heimspiel und verriet, warum man in Hessen Andrea Ypsilanti wählen solle. Bei einem Wahlsieg der SPD würden nämlich in Hessen flugs 1200 Polizisten eingestellt. Von den U-Bahn-Schlägern in München sprach da schon lange keiner mehr.

Anne Will besteht schon längst nicht mehr auf Antworten

Bei Anne Will ist inzwischen alles möglich. Zwar wird nicht so wild gebrüllt wie zu Sabine Christiansens Zeiten, aber in puncto Erkenntniszerstreuung hat es ihre Nachfolgerin inzwischen doch recht weit gebracht. Sie besteht auch längst nicht mehr darauf, dass man ihre Fragen beantwortet. Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel konnte auf die Frage, ob man den jungen Mann, der mit einem zweiten einen Rentner in der Münchner U-Bahn brutal zusammengeschlagen hat, in die Türkei ausweisen solle, irgend etwas Unverbindliches von sich geben und vornehm eine „besonnene Diskussion“ erbitten, bevor überhaupt eine angefangen hatte. Zugleich setzte er die Debatte unter das Vorzeichen des Uneigentlichen, nach dem Motto: Wir reden hier über etwas, ohne dass es dafür überhaupt den Anlass gäbe - außer dem Wahlkampf in Hessen und in Niedersachsen.

Dabei ist das doch genau eine der Fragen, die sich stellen: Ist es eine Thema oder ist es keins? Ist es nur eins, weil es die Union hochspielt und die „Bild“-Zeitung es anheizt? Oder ist es nicht vielleicht seit langem schon eins, über das viele nur ungern reden, weil es so viel Ratlosigkeit auf allen Seiten offenbart? Und weil man in null komma nichts vor lauter Vorurteilen und Klischees den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht?

Viel Statistik, wenig Erkenntnis

Anne Will verlegte sich darauf, dass Thema an und für sich zerreden zu lassen, so dass man am Ende, als der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer seine Statistiken zitiert hatte, gar nicht mehr wusste, wie der Stand der Dinge bei der Jugendkriminalität ist. Insgesamt sinke sie seit zehn Jahren, sagte er. Dass die Zahl der Straftaten von so genannten Intensivtätern sinke, haben wir allerdings nicht gehört. Auch waren Pfeiffers Ausführungen zu den Hintergründen der Vielfach-Täter wenig präzise. Für ihn sind die sozialen Verhältnisse ausschlaggebend, dann noch die Familie; Religion, kultureller Hintergrund und ethnische Herkunft sind es nicht.

Hier wäre es - um wenigstens eine Grundlage für die Debatte zu haben - schon ganz gut gewesen, sich mit solchen Angaben zu befassen, wie sie der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch vor einiger Zeit ausgebreitet hat und die er am kommenden Mittwoch in der Talkshow „Hart aber fair“ von Frank Plasberg ausbreiten wollte. Leider wurde der Staatsanwalt von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen und hat einen Maulkorb verpasst bekommen (siehe auch: Berliner Staatsanwalt darf nicht zu Plasbergs Talkshow). Einer wie er hätte auch ganz gut zu Anne Will in die Runde gepasst. Reusch leitet bei der Berliner Staatsanwaltschaft die Abteilung, die sich mit jugendlichen Intensivtätern befasst. Achtzig Prozent der Täter, mit denen er es zu tun hat, haben einen Migrationshintergrund. Unter den Mehrfachtätern nennt er besonders solche arabischer Abstammung und solche, die aus Familienclans stammen, in denen Gewalt und Kriminalität bei jungen Männern mehr oder weniger Teil des normalen Erziehungsmodells seien.

Hier irrt Steinmeier

Was man mit einem solchen Befund anstellt, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht, ist die Frage. Etwa ob man die Untersuchungshaft bei jungen Tätern als abschreckende erzieherische Maßnahme einsetzen will oder nicht. Doch ist es nicht schlecht, sich eine solche Grundlage für die Diskussion überhaupt erst einmal zu schaffen. Doch schon die gab es bei Anne Will nicht, die beiden Politiker brachten sie nicht, nicht der Kriminologe Pfeiffer, nicht die Sozialpädagogin Petra Peterich und auch nicht der Gefängnisarzt und „Tatort“-Schauspieler Joe Bausch.

So losgelöst redeten sie da alle im luftleeren Raum herum, dass das Plädoyer eines Berliner Quartiermanagers auf dem Podium - außer bei Günther Beckstein - gar nicht gut ankam: Fadi Saad, der als Junge selbst auf der schiefen Bahn war, hatte sich für härtere Warnungen und härtere Strafen ausgesprochen. Der junge Kadir Ülker erzählte, dass er den Richter bei seiner ersten Verhandlung, die schon nach zwei Minuten vorbei gewesen sei, nur ausgelacht habe. Er hat sich inzwischen eines anderen besonnen und erkannt, dass es „sinnlos ist, nur Scheiße zu bauen“.

Was man darunter im einzelnen zu verstehen hat, um welche Delikte es hier geht, auch das kam bei Anne Wills Talkshow genauso wenig zur Sprache wie alle die Folgen, über die man sich in diesem Zusammenhang Gedanken machen kann. Am Ende wurde die Wahlempfehlung gegen den abwesenden Herrn Koch aus Wiesbaden ausgesprochen. „Geschichte wiederholt sich nicht“, sagte Herr Steinmeier zufrieden, der die kleine Muhabbet-Glaubwürdigkeitskrise aus den Tagen vor Weihnachten (siehe auch: Esther Schapira: Muhabbet weiß, was er sagt) wohl lässig auf einer Backe ausgesessen zu haben glaubt. Doch Steinmeier irrt: Gäbe es nur Talkshows wie diese, wiederholte sich Geschichte wieder und wieder.

Quelle: FAZ.NET
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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