FAZ.NET-Fernsehkritik

„Und, was ist jetzt mit den „Scheiß-Deutschen“?

Von Michael Hanfeld
10.01.2008
, 13:27
Hat seine Sache wieder mal gut gemacht: Moderator Frank Plasberg
Um Jugendkriminalität, Ausländerkriminalität und um eine Schweigespirale ging es in Frank Plasbergs Talk und Schlagabtausch „Hart aber fair“. Hessens Landeschef Roland Koch durfte sich als Punktsieger fühlen, die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries nicht.

Der Pädagoge sagte irgendwann, er finde die Debattenkultur „zum Kotzen“. Er meinte das Parteiengeholze zum Thema dieser Runde, dabei war das gar nicht so schlimm, wie es unter einer Überschrift wie „Jung, brutal und nicht von hier“ hätte sein können. Bei „Hart aber fair“ und Frank Plasberg geht es nämlich hart, aber fair, also höflich, sachbezogen und an Erkenntnis orientiert her, auch wenn es um Jugendkriminalität und Kriminalität unter Jugendlichen aus Einwanderer-Familien geht.

Das Thema an sich polarisiert und der Politiker, der es im Augenblick in der Debatte hält, der hessische Ministerpräsident Roland Koch, tut es auch. Doch deshalb, und da möchten wir dem Leiter der Jugendhilfestätte Raphaelshaus in Dormagen, Hans Scholten, widersprechen, ist die Debatte nicht „zum Kotzen“. Sie mag einem aus vielerlei Gründen übel aufstoßen, etwa weil sie jetzt vornehmlich aus Wahlkampfkalkül läuft, aber sie ist trotzdem notwendig und - überfällig.

Ist Ausländerkriminalität ein gutes Wahlkampfthema?

Wie notwendig oder überfällig, das war Plasbergs Eingangsfrage. Die der türkischstämmige Grünen-Politiker Özcan Mutlu partout nicht beantworten wollte. Dabei war die Aufgabe, die ihm der Moderator stellte, ganz einfach: Ist Ausländerkriminalität ein gutes oder ein schlechtes Wahlkampfthema? Weil Mutlu aus seiner Haut nicht hinaus konnte, wand er sich, wies die Frage zurück und sagte sein im Laufe der Sendung mehrmals zu hörendes Mantra auf: Roland Koch spaltet die Gesellschaft.

Mag ja sein, war aber nicht die Frage, die Plasberg dann selbst beantworten musste: Ausländerkriminalität ist ein gutes Wahlkampfthema, denn es ist eines, das die Menschen bewegt. Und zwar alle, in der einen oder anderen Art und Weise, ob sie Parteigänger von Roland Koch sind oder nicht. Das zeigt jede Umfrage, sei es eine repräsentative oder eine zufällige in der U-Bahn, wie bei Plasberg eingespielt, und jede Debatte tut es auch, sei es im Studio oder anschließend unter den Zuschauern im Chatroom von „Hart aber fair“. Viermal mehr Anrufe, drei Mal mehr Mails als sonst gingen ein. Als die Redaktion ihr Gästebuch gestern Abend um 23.42 Uhr schloss, fanden sich dort 372 Einträge.

„Wir müssen differenzieren“

Also führt der Vorwurf, dass wir jetzt nur über dieses Thema sprechen, weil Wahlkampf ist, nicht weit. Im Umkehrschluss gilt nämlich: Wäre nicht Wahlkampf, hätte sich für den brutalen Überfall in der Münchner U-Bahn niemand interessiert außer die „Bild“-Zeitung. Der Übergriff in Frankfurt-Heddernheim wäre nur in der Lokalpresse gelaufen. Und für die gleichartige Tat dreier junger Männer, auf die Plasberg zu Beginn der Sendung referierte, gilt nichts anderes. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die Plasberg darauf ansprach, schien - nach einer Schock-Sekunde - regelrecht erleichtert zu sein, dass einer der drei in dieser Meldung Genannten ein Deutscher war. Denn ihr Credo des Abends lautete: Wir müssen differenzieren. Und dafür haben wir Statistiken und das Jugendstrafrecht.

Dabei haben wir bei diesem Thema, daran musste Plasberg bei dieser Gelegenheit einfach erinnern, nicht einmal Redefreiheit. Denn der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch, dessen Abteilung sich um die rund fünfhundert jugendlichen Intensivtäter in der Hauptstadt kümmert, bekam von seinem Vorgesetzten einen Maulkorb verpasst und durfte in die Sendung nicht kommen. Die Justizministerin hat damit kein Problem: Der Richter ist Beamter, für ihn gilt das Dienstrecht, wenn er sich öffentlich äußern will, braucht er eine Genehmigung, basta. Dass ihm diese mit der Begründung verweigert wird, dass er eine abweichende Meinung vertritt, steht auf einem anderen Blatt.

Für Roland Koch lief es gut

Es dürften sich, als die Debatte an diesem Punkt angelangt war, auf dem Notizblatt von Roland Koch die Häkchen gehäuft haben. Es lief gut für ihn in der ersten Halbzeit, seine politischen Kontrahenten bewiesen nämlich, wie dröhnend bei diesem Thema die Schweigespirale bislang für Stille gesorgt hat. Und genau da setzt Koch an, nach dem Motto: linkes Tabu angreifen, Thema aufgreifen, Kriminelle verfolgen, Integration vorantreiben. Wie man Letzteres unternimmt, das freilich ist dann ein weiteres, weites Feld.

Zu früh freuen und in Sicherheit wiegen durfte sich Koch aber nicht. Denn als nächstes kam zur Sprache, was sein Bundesland Hessen in puncto Kriminalitätsbekämpfung denn so leistet. Und da ist die Bilanz eher mau. Nur in wenigen Ländern dauern Gerichtsverfahren gegen jugendliche Straftäter länger als in Hessen, bei manchen Delikten ist Kochs County sogar Schlusslicht. Auf diesen Vorhalt war der Wahlkämpfer allerdings vorbereitet: An der Ausstattung der Justiz in Hessen liege das nicht, sondern an der suboptimalen Selbstverwaltung der Richter.

Urteile fallen meistens milde aus

Zur Arbeit der Strafverfolger wusste der Kriminalbeamte Rolf Kaßauer, Berliner Vorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten, etwas zu sagen. Unter anderem, dass nicht nur bei den jugendlichen Intensivtätern der Anteil jener mit Migrationshintergrund bei achtzig Prozent liegt, dass die Urteile meistens milde ausfallen, nicht abschrecken und die Haftanstalten überfüllt sind. Keine Rede davon, dass „zeitnah und konsequent“ gehandelt werde.

Am Ende trafen sich der Kriminalbeamte und der Sozialpädagoge und dann auch die Politiker bei dem, wovon der als Einzelgast ins Studio geladene, ehemalige „Schläger“ Alaattin Kaymak sprach: Bei Vorbildern, an denen sich Jungs und junge Männer orientieren können. Von denen kann es wohl nie genug geben, wobei Plasberg und seine Crew - sieht man einmal von dem läppischen Filmchen ab, in dem sie Roland Koch rieten, in Hessen doch statt des Burka-Tragens in der Schule den Walfang zu verbieten - ihre Sache wieder einmal mehr oder weniger vorbildlich hinbekommen haben. Sie haben sich um empirische Grundlagen gekümmert, das Thema selbst am lebenden Objekt geprüft, indem sie zwei Schauspielschüler in der U-Bahn als Randalierer auftreten ließen, die Sache von vielen Seiten beleuchtet und jedem mindestens eine Frage gestellt, die für Verlegenheit sorgen konnte. Brigitte Zypries sollte sagen, was sie von der Einschätzung ihres Parteikollegen, des Berliner Innensenators Ehrhart Körting hält, dass vielen Richtern die Opfer „scheißegal“ seien („Ich kenne keinen Richter, dem die Opfer scheißegal sind“). Özcan Mutlu wurde besagte Frage nach dem guten oder schlechten Wahlkampfthema gestellt, Roland Koch die nach seiner eigenen Bilanz in Sachen innere Sicherheit, und der junge Alaattin Kaymak sollte erklären, was es denn mit dem Spruch junger Türken von den „Scheiss-Deutschen“ auf sich habe.

Dank an den Sozialpädagogen

Am Ende, wo sich bei Plasberg jeder in der Runde für einen anderen erklären, ihm zustimmen, danken oder bis zuletzt widersprechen muss, sagten alle artig, dass sie sich bei dem Sozialpädagogen bedankten. Roland Koch bedankte sich auch noch beim Moderator, und zwar dafür, dass er mit seiner Sendung das Thema aufgegriffen habe. Kochs politische Gegner dürften daraus ein vergiftetes Lob destillieren, von wegen: Da bedankt sich einer für die Wahlkampfhilfe. Doch es wäre an Brigitte Zypries und Özcan Mutlu gewesen, Koch, der sich als Sieger nach Punkten fühlen durfte, schlechter aussehen zu lassen. Frank Plasberg hat wie immer seinen Job gemacht. Anne Will könnte sich davon eine Scheibe abschneiden.

Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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