Schirach-Filmprojekt „Feinde“

Viele Stunden schlechtes Fernsehen

Von Heike Hupertz
02.01.2021
, 11:59
Vorausgesetzt wird mal wieder ein naiv-moralischer „Urzustand“ der Nichtjuristen im Publikum: Warum das Schirach-Projekt „Feinde“ der ARD ein bestürzender Murks ist.

Es ist bitterkalt in Berlin, der Schnee fällt, der Wind pfeift ins Gemüt, und nur bei der mutmaßlich schwerreichen Familie von Bode herrscht am Morgen des Entführungstages eitel Sonnenschein. In der Grunewald-Villa frühstücken Vater (Harald Schrott), Mutter (Ursina Lardi) und die Kinder, während im Hintergrund die Haushälterin werkelt. Lisa (Alix Heyblom) schiebt Hund Tobi Wurst unter den Tisch und entschuldigt sich dafür bei der milde tadelnden Mutter. Eine beneidenswert intakte Familie, in der auf Mutter die Assistentin und auf den Vater gleich der Flieger wartet, die Tochter aber trotz Wachmannschaft im Pförtnerhaus munteren Schritts ganz allein zur Schule stapft.

An diesem Tag wird sie nur wenige hundert Meter vom Anwesen entfernt entführt. Der Täter knebelt sie, verschnürt sie mit Klebeband und bringt sie zu einem verlassenen Fabrikgelände. In einem fensterlosen gekachelten Raum scheint Lisas Gefangenschaft detailliert vorbereitet. Es gibt einen Kanonenofen, Wasser, Essen, Lagerstatt mit Kuscheltier. Der Vermummte reicht seiner Geisel sogar ein Nintendogerät. Dieser Verbrecher hat an alles gedacht. Fast – vom Wind bewegt, legt sich eine Plastikplane über den Ofenrohrauslass. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das zwölfjährige Kind mit den munteren Locken, den erstklassigen Manieren und dem Engelsgesicht an Kohlenmonoxidvergiftung stirbt.

Der Film „Ferdinand von Schirach: Feinde – Gegen die Zeit“ gibt sich Mühe, das Entführungsopfer als Unschuld einzuführen und Emotionalität herzustellen. Das Kalkül geht freilich nicht auf. Die von Bodes bleiben dem Publikum Unbekannte. Sie sind Funktionsträger in einem, so nennt es das Pressematerial, das sich vor Enthusiasmus kaum fassen kann, „gesellschaftlichen und moralischen Experiment“ und „einzigartigen Fernsehereignis auf mehreren Ebenen“.

Wen soll das beeindrucken?

Kurz nach der Ausstrahlung des Sterbehilfe-Nachhilfefilms „Gott“, in dem eine fiktive Sitzung des Ethikrats dekliniert wurde, die aussah wie ein Strafprozess, deren Gutachter argumentativ und rhetorisch schwach auf der Brust wirkten, zeigt die ARD mit dem neuen Schirach-Projekt „Feinde“ nun all jenen die Breitseite, die sich fragen, welche Verbindung das Recht und die Strafprozessordnung zur Gerechtigkeit haben solle und welche es tatsächlich unterhält. Wie schon in „Gott“ und auch in „Terror“ wird ein unterstelltes „natürliches“ Rechtsempfinden der Bevölkerung mit existentiellen Härten und dem Preis der Rechtssicherheit konfrontiert. Vorausgesetzt wird wieder ein naiv-moralischer „Urzustand“ der Nichtjuristen im Publikum. „Feinde“ will Zuschauer beeindrucken, die bislang weder mit dem Kant’schen Imperativ in seiner allgemeinsten, formalen Form („Verhalte dich so, dass deine Taten Grundlage der allgemeinen Gesetzgebung sein könnten“) noch dem Volksmundspruch „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ in Berührung gekommen sind. Die Zahl dürfte wohl verschwindend gering sein. Aber damit die Schirach-Fernsehfestspiele in gewünschter Weise funktionieren, muss die Handlung so gestrickt werden, dass dem avisierten „freien Nachdenken“ kein Raum gegeben wird. Wenn Bildungsfernsehen einen humanistischen Freiheits- und Meinungsbegriff mitdenkt, dann handelt es sich auch bei „Feinde“ nicht um Bildung, sondern um jurapopulistische Erziehung.

Hier geht das so: Der Film „Gegen die Zeit“, der mit der Familienszene Herzlichkeit gaukelt, stellt die Figur des leitenden Ermittlers Peter Nadler (Bjarne Mädel) vor. Er soll das Identifikationszentrum der Spielhandlung bilden. Nadler sieht nach Jahrzehnten Polizeiarbeit „das Böse“ überall. Gegenüber der Amoralität des Bösen muss die Regelhaftigkeit der Polizeiarbeit im Zweifelsfall versagen. Mit der Entführung der kleinen Lisa ist ein solcher Zweifelsfall gegeben. Nadler hat eine Frau und eine Tochter in Lisas Alter. Die Eltern versuchen, ihrem Kind Werte beizubringen, das wird in einer kurzen Szene, ebenfalls am Esstisch, deutlich. Mehr erfährt man nicht.

Dem Recht zu seinem Recht verhelfen

Nils Willbrandt (Regie und Buch) und Jan Ehlert (Buch) setzen von Schirachs Vorlage als verfilmten Gerichtsaktenvortrag um. Nadlers Intuition führt ihn und Kollegin Judith Lansky (Katharina Schlothauer) per Ausschlussverfahren zu Georg Kelz (Franz Hartwig). Der junge Wachmann arbeitete erst seit vier Monaten für die von Bodes, verfügt über Insiderkenntnisse. Besonders erschwerend wirkt für Nadler, dass Kelz versuche, „mehr zu scheinen, als er ist“. Während die Temperaturen immer eisiger werden, schweigt Kelz, und Nadler ringt mit der Differenz von Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden. Schließlich unterzieht er Kelz der Waterboarding-Folter. Der Misshandelte gibt Lisas Aufenthaltsort fast sofort preis. Zu spät, das Mädchen ist erstickt.

Zeitgleich zu diesem Film senden die Dritten und One den Fall in einem zweiten Film aus der Perspektive des Strafverteidigers von Georg Kelz. „Feinde – Das Geständnis“ stellt den Anwalt Konrad Biegler (Klaus Maria Brandauer) in den Mittelpunkt. Über Biegler erfährt man seltsamerweise mehr als über die Opferfamilie. Sein Arzt (Samuel Finzi) wie auch seine Frau Elly (Ulrike Kriener) machen sich Sorgen um den Kettenraucher, der mit Vorliebe cholesterinreiche Mahlzeiten zu sich nimmt und Bewegung ablehnt.

Biegler, von Schirachs Alter Ego, tritt nur an, um dem Recht zu seinem Recht zu verhelfen. Dass Rechtssicherheit und nicht Gerechtigkeit übergeordnetes Ziel der Rechtsprechung ist, ist eine Banalität, die fast jedem untergekommen sein dürfte, außer beharrlichen Lesern der Boulevardpresse, die aus der Diskrepanz beider Auflage generiert. Es kommt zum Prozess. Vor Gericht schweigt der Angeklagte Kelz, auch die Staatsanwältin (Neda Rahmanian) hat meist Sendepause. Die Richterin (Anne Ratte-Polle) dagegen will mehr über Nadlers Einstellung zum Foltern wissen. Biegler nimmt den Polizisten in ein hochnotpeinliches Kreuzverhör. Brandauer spielt das, wie zu erwarten, beeindruckend, mit einem Quentchen mephistophelischen Sophismus. Nadler, unter Druck, gesteht die Folter. Kelz wird freigesprochen. Sein Geständnis ist nicht verwertbar, es gibt Indizien, aber keine sonstigen belastbaren Beweise.

So weit, so konstruiert. Um die Pro-und-contra-Anmutung beider Spielfilme zu unterstreichen, ist der Nadler-Film in eiskaltes Blaugrau-Weiß getaucht, der Biegler-Film in bräunliche Ockertöne (Kamera Sebastian Edschmid). Auf der einen Seite das kaltblütige Verbrechen und seine grausame Aufklärung, auf der anderen eine warme Farbwirkung von Zigarre mit Cognac am offenen Feuer (in der Tat hat Biegler einen Kamin in seiner getäfelten Kanzlei). Auf der einen Seite Emotionsnot, auf der anderen distanziertes Rechthaben – wer da wohl gewinnt? Das Schirach-ARD-Projekt wird abgerundet durch eine Doku, die das Erste nach dem Nadler-Film zeigt (der Biegler-Film wird danach noch im Ersten wiederholt). Hier geht es um Opfer von Entführungen, den Fall Jakob von Metzler, der von Schirach als Inspiration diente, und es geht ausführlich um den „Weltbestseller“-Autor selbst. In der ARD-Mediathek steht ein dritter „Feinde“-Spielfilm, der in fünfundvierzig Minuten Zusammenschnitt den Inhalt für die Sehgewohnheiten der Generation Streaming verdichten soll.

Dass Folter unter allen Umständen verboten ist und warum das so ist (Nazis, Grundgesetz, Menschenrechtskonvention), erläutert die Richterin am Ende des Biegler-Films lang und breit. Das ist in solchem Schnelldurchlauf informativ, ohne Frage. Urteile ergehen im Namen des Volkes, und müssen begründet werden. Wenn aber in „Feinde“ stellenweise suggeriert wird, dass insbesondere Mütter und Väter die „Rettungsfolter“ für gerecht halten könnten, dann ist das unerträglich. In der Doku sind hundert ausgewählte Kinovorführungszuschauer zu sehen, Polizisten, Jurastudenten und Eltern, die stellvertretend abstimmen. Bezeichnenderweise wurden sie nicht gefragt, ob Folter in Ausnahmefällen gerecht sein könnte, sondern, ob der Freispruch von Georg Kelz – an dessen Alleintäterschaft Zweifel gesät werden – gerecht sei. Das Ergebnis ist voraussehbar. Viel Wind, viel Aufwand, unterkomplex konstruierte, forcierte Gegensätzlichkeit in den Filmen, Anwalt Biegler als Star der Moraldilemma-Chose, kein weiterer Blick auf das Opfer und seine Angehörigen, das ergibt in Summe viele Stunden schlechtes Fernsehen. Kein Vergleich zu dem ausgezeichneten Spielfilm „Der Fall Jakob von Metzler“ von 2012.

Feinde – gegen die Zeit, Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten; Feinde – Das Geständnis, Sonntag um 20.15 Uhr in den Dritten.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot