Moderner Western im Ersten

Wenn selbst die Fische schlafen gehen

Von Kai Spanke
21.04.2021
, 17:03
Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In „Heute stirbt hier Kainer“ reibt sich Martin Wuttke als lebensmüder Einsiedler zwischen Provinzscharmützeln auf.

Ulrich Kainer hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der nämlich, Typ cholerischer Italiener, betreibt ein Dorfrestaurant und verbreitet das Gerücht, bei dem frisch eingetroffenen Städter handle es sich um einen Mafia-Killer. Damit möchte er seinem ärgsten Konkurrenten Angst einjagen und ihn davon abhalten, sich als Event-Gastronom zu versuchen. Der Plan geht so gut auf, dass sich die Ereignisse überschlagen und jede Menge Leichen anfallen.

Weil wir uns im öffentlich-rechtlichen Fernsehen befinden, vagabundiert der Film „Heute stirbt hier Kainer“ von Beginn an zwischen ambitionierter Unterhaltung und Posse, Tragödie und Stereotypenverdichtung. Regisseurin Maria-Anna Westholzer, die mit Michael Proehl auch das Drehbuch verantwortet, hat sich für eine Fleißarbeit entschieden, in der alles zum interpretationsbedürftigen Zeichen wird.

Schon die Prämisse ist vertraut: Auf die niederschmetternde Diagnose folgt die bleigeschwängerte Handlung. Während es Walter White nach seinem Arztbesuch allerdings auf fünf Staffeln „Breaking Bad“ brachte, hat der ebenfalls sterbenskranke Kainer (Martin Wuttke) sein Pulver nach anderthalb Stunden verschossen. Dass der Showdown rund neun Minuten dauert und fünfundzwanzig Drehtage in Anspruch genommen hat, macht die Sache nicht besser, denn weniger wäre mehr gewesen. Zu den Kontrahenten, die am Ende alles kurz und klein ballern, gehören Kainer, ein durchgeknallter Kommissar (Justus von Dohnányi), ein stoischer Jäger (Christian Redl) und ein paar Nazis, deren Anführer sich am deutschen Literaturkanon abarbeitet.

Mit Richard Wagner aufs Land

Aber was ist schon Thomas Mann gegen Francis Ford Coppola? Einmal sagt Kainer, der offensichtlich eine problematische Vergangenheit hat: „Fische schlafen nicht. Nur die Menschen, die man im Wasser versenkt, die man zum Schlafen zu den Fischen schickt ...“ Damit ist schon mal auf „Der Pate“ angespielt, der den Satz „Luca Brasi sleeps with the fishes“ populär machte. Anstatt es hierbei zu belassen, läuft der Protagonist bald in Joggingmontur durch die Gegend und wirkt wie Paulie Gualtieri aus den „Sopranos“. Ein Dörfler zu seinen Kumpanen: „Ich sage euch, in diesen alten Mafia-Serien haben doch alle solche Trainingsanzüge an.“ Wenn dann noch die Titelmelodie aus dem „Paten“ in der Gaststube des Italieners (Michele Cuciuffo) läuft, dürfte auch dem letzten Zuschauer dämmern, dass es hier nicht um eine sinnvolle Kombination von Verweisen geht, sondern um die Plazierung kulturhistorischer Marker, die als Referenzschablonen zu reinem Zierrat werden.

Das gilt ebenso für das Genre des Films. Er trägt die Insignien eines modernen Westerns und wird vom Sender entsprechend beworben. Kainer ist dabei der „strong silent type“, wie ihn Gary Cooper einst verkörperte. Er grummelt sich durchs Geschehen und tut nur das, was getan werden muss. Nachdem er die Großstadt verlassen hat, um sich einen ruhigen Ort zum Sterben zu suchen, landet er auf dem Bauernhof von Marie (Britta Hammelstein), die ihrer Gitarre ein paar Töne entzupft und dazu Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“ summt. Anschließend darf Townes Van Zandt mit dem Song „Rake“ übernehmen, an anderer Stelle ist der „Ritt der Walküren“ an der Reihe. Wir haben verstanden: Coppola, die Zweite: In „Apocalypse Now“ ziehen die Amerikaner mit Wagner in den Vietnam-Krieg, im Ersten Deutschen Fernsehen untermalen dessen Fanfaren Provinzscharmützel.

Kainer ist laufend auf dem Sprung. Man sieht ihn oft von hinten, etwa wenn er mit seinem Koffer an Bahngleisen entlangspaziert und dabei an eine ikonische Aufnahme von Johnny Cash denken lässt. Neben solchen Anspielungen impft Maria-Anna Westholzer den Film mit Schrumpfmotiven klassischer Wildwest-Konstellationen. Während dort die Anwesenheit der Indianer schon reichte, um das Weltbild der Siedler zu beschädigen, ist hier ein masochistischer Afrikaner Mitglied der Nazi-Bande. Hat man im Amerika des neunzehnten Jahrhunderts um Plantagen gekämpft, exekutiert der Ermittler hier grasende Kühe. Strahlt das Duell normalerweise eine zeremonielle Würde aus, wird es hier erst anberaumt und dann abgeblasen. Kainer agiert bei all dem als Vermittlungsinstanz, in der sich die Fragen des Genres nach Stadt und Land, Recht und Unrecht bündeln. Als Allegorie mag man ihn interessant finden, als Figur erscheint er wie das personifizierte Schema F.

Heute stirbt hier Kainer läuft heute Abend um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot