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Fernsehvorschau: Der Boxer Charly Graf

Du bist deutscher Meister

Von Michael Hanfeld
 - 17:10

Auf den Bildern erinnert er an Muhammad Ali. Und er boxte auch so - trotz des Schwergewichts scheinbar schwerelos, tänzelnd. „Wie eine Million Dollar“ habe er ausgesehen. Doch aus der glänzenden Karriere wurde nichts. Charly Graf stürzte ab, verkehrte im Rotlichtmilieu und landete im Knast. Dort traf er auf einen Berater, von dem man kaum Rückhalt für eine positive Umkehr der Biographie erwartet hätte: Peter-Jürgen Boock, RAF-Mitglied, an der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und des Bankiers Jürgen Ponto beteiligt.

Die Geschichte, die der mit Preisen längst bedachte NDR-Redakteur Eric Friedler (“Aghet“, „Der Sturz - Honeckers Ende“, „Das Schweigen der Quandts“) in seinem Film „Ein deutscher Boxer“ erzählt, ist aufwühlender, als es jede Fiktion sein könnte. Denn in der Erzählung über das Leben von Charles „Charly“ Graf, des deutschen Boxers schwarzer Hautfarbe, Sohn einer Hilfsarbeiterin und eines amerikanischen Soldaten, spiegelt sich die Geschichte eines Nachkriegsdeutschlands, in dem jemand wie er nur Außenseiter sein konnte. Mehr als das: ein Andersartiger, der nicht dazugehörte. Irgendwann, sagt Charly Graf, glaubte er selbst daran.

Wohin mit dem Balg?

“Mein Name ist Charles Graf“, setzt der Boxer an, „geboren 1951 in Mannheim. Die meisten sehen mich als Boxer mit einem beschränkten Horizont. Für mich sind die Siege, wenn ich sie in ihrer Haltung zerstöre.“ Sie - das sind diejenigen, auf die er außerhalb seines Viertels, der „Benz-Baracken“ in Mannheim, traf. Und die Siege - das ist der persönliche Triumph über den Rassismus, der den jungen Mann in eine Lage brachte, in der er glaubte, beweisen zu müssen“, „dass ich ein Mensch bin“.

Eine Reportageausschnitt, den wir im Film sehen, der den kleinen Charly auf dem Schoß seiner Mutter in den fünfziger Jahren zeigt, bezeugt, wovon Graf spricht: Da wird seine Mutter, die nicht weiß, wie ihr geschieht, gefragt, wohin mit dem Balg. Ob sie das Kind nicht weggeben wolle? Wovon sie denn überhaupt lebe? Einmal, sagt der Boxer, habe er seine Mutter gebeten, ihn mit einer Creme einzureiben, „dass ich genauso weiß werde wie die anderen“.

Das Ringurteil

Seine physische Präsenz war das Mittel, um dem Slum zu entkommen. Ein halbes Dutzend Kämpfe lang ging das gut, 1969 und 1970, dann folgte die Niederlage gegen den einstigen Europameister Ivan Prebeg. Graf hatte sich in den ersten Runden schlicht verausgabt. Er wurde verheizt. „Mein Ich“, sagt er, „war weg. Der ganze Mensch Charly Graf war ausgelöscht - für mich.“ Er geriet ins Milieu, saß wegen verschiedener Delikte zehn Jahre in Haft. Keiner rechnete mit einem Comeback.

Dass und wie dieses zustande kam, ist mehr als hollywoodreif. Boock brachte Graf nicht nur in Berührung mit der Literatur, er brachte ihn dazu, sich zu besinnen. „Man kann“, sagt Graf im Film, „niemanden resozialisieren, der nicht sozialisiert ist. Ich war ein hochgradig egoistischer, asozialer Mensch, was mir aber gar nicht bewusst war.“ Der neue Charly Graf nahm seinen Aufstieg selbst in die Hand, trainierte mit Beamten der Justizvollzugsanstalt, schließlich wurde er für einen Kampf annonciert. Der einstige Gefängnisleiter stellt es heute so dar, als sei es seine Initiative gewesen. Graf weiß es besser: Er habe den Mann bei dessen Eitelkeit gepackt und vor vollendete Tatsachen gestellt, so dass dieser nicht anders konnte, als ihn kämpfen zu lassen. Und so zog Charly Graf, eskortiert von der Polizei, in die Frankfurter Festhalle ein und - gewann. Im März 1985 wurde er im Kampf gegen Reiner Hartmann deutscher Boxmeister. Graf verteidigte seinen Titel, verlor aber im November 1985 gegen Thomas Classen. Das Ringurteil war höchst umstritten. Er habe in jeder Runde vorne gelegen, sagt Graf, doch habe er von Beginn an gewusst, dass er zum Verlierer erklärt werde.

Er hat den Kampf gewonnen

Wilfried Sauerland, Promoter des Gegners, findet dafür im Interview erstaunlicherweise keine Erklärung. Beeinflussung? Die habe es nicht gegeben. Thomas Classen, Sieger von damals, sieht es anders. Er habe, sagt er, sich den Kampf noch einmal angesehen: „Ich muss sagen: Charly Graf, du bist deutscher Meister.“ Und also überreicht er dem Unterlegenen siebenundzwanzig Jahre später, was dieser verdient hat - die Meisterplakette. In dieser großen Geste zeigt sich der Unterschied zwischen Boxer und Promoter.

Eric Friedler kommentiert in diesem kleinen, großen Film nichts. Was Charly Graf und andere sagen, spricht für sich. Heute hält Graf als Sozialarbeiter junge Leute von den Abwegen fern, die er selbst beschritt. Das sei, meint Peter-Jürgen Boock, „das Maximum dessen, was man aus seiner Biographie herausholen kann“. Kein Widerspruch. Dieser Boxer hat den Kampf gewonnen. Sein Sieg ist gar nicht zu beschreiben.

Ein deutscher Boxer, um 23.45 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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