Filmbranche und Corona-Krise

Wer kann sich leisten, Dreharbeiten zu stoppen?

Von Axel Weidemann
21.03.2020
, 09:50
Klappe und keine Action: Mit Beginn der Eindämmungsmaßnahmen in der Corona-Krise steht die Filmbranche vor der Frage, wie geht es weiter.
München hat es untersagt, anderswo bleibt es ungewiss: Die Filmbranche steht vor der Frage, ob man es sich leisten kann, Dreharbeiten zu stoppen. Unklar ist das, weil die Behörden nicht überall für klare Verhältnisse sorgen.
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Weiterarbeiten oder abbrechen? Das ist für Filmschaffende die große Frage in Zeiten der Covid-19-Pandemie. Die Verantwortlichen stehen vor ein Dilemma: Solange von den zuständigen Behörden keine Anordnung ausgesprochen wird, dass nicht bloß im öffentlichen Raum, sondern auch auf dem Privatgelände der Studios Dreharbeiten zu stoppen sind, bleiben Produzenten an die von ihnen unterschriebenen Verträge gebunden und haften für Ausfälle. Solange Studio-Sets „genehmigte Arbeitsstellen“ sind, greifen keine Versicherungen und staatliche Schutzmaßnahmen für Mehrkosten durch Verzögerungen. Es geht nicht um kleine Beträge: Mit manchen Film- und Serienprojekten sind siebenstellige Summen verbunden.

Der Regisseur Lennart Ruff, der mit seinem Kollegen Markus Goller in Köln an einer Fernsehserie arbeitet, sagt, man habe Anfang der Woche zunächst eigenverantwortlich beschlossen, die Arbeit am Set bis 20. April ruhen zu lassen. Doch wirtschaftlich sei das nicht zu vertreten, obwohl es eigentlich unmöglich sei, eine Produktion unter den gegenwärtig verordneten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus am Laufen zu halten. „Wir sind ein regelrechtes Virus-Hub“, sagt Ruff. Goller und Ruff fordern klare Ansagen von den Behörden: Der Filmdreh gehöre auch auf Privatgelände sofort untersagt, damit man die Leute nach Hause schicken könne. In München ist man schon weiter als in Köln. Im Stadtgebiet der bayerischen Landeshauptstadt sind Dreharbeiten mittlerweile sowohl auf öffentlichem als auch auf privatem Gelände und in Innenräumen per Schreiben vom Kreisverwaltungsreferat untersagt worden.

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Ein Requisit geht durch fünf Hände

Für Ruff und Goller sieht es hingegen danach aus, dass die Arbeiten an ihrem Set am Montag wiederaufgenommen würden. Krisentreffen und Schulungen würden abgehalten, um den Dreh unter den gegebenen Bedingungen so gut es geht fortzuführen. Dreharbeiten aber seien ein „Vollkontaktsport“, sagt Ruff. Ein Requisit geht durch fünf Hände, bevor es beim Schauspieler ankomme; Schauspieler müssten sich umarmen; Maskenbildner nah an die Menschen heran. Doch jeder Tag, an dem nicht gedreht werde, „kostet richtig Geld“. Man plane nun das Worst-Case-Szenario: „Im Moment müssten wir an jeder Tür jemanden mit Desinfektionsspray stehen haben“, sagt Ruff. Jeder, der nicht spiele, trage Handschuhe. Es werde versucht, das Set in kleine Arbeitsgruppen zu unterteilen. Ballungssituationen ließen sich jedoch kaum vermeiden – und dann müssten alle wieder nach Hause zu ihren Familien. „Wir sind doch Geschichtenerzähler“, sagt Ruff, und würden erzählerisch oft moralische Fragen behandeln. „Gerade aber müssen wir uns komplett gegen diese Grundsätze verhalten. Wenn das so weitergeht, werden wir bald nicht mehr viele Geschichten zu erzählen haben.“

Markus Goller berichtet von einem Gespräch mit einem Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in Nordrhein-Westfalen am vergangenen Freitag. Abwarten, sei die Devise gewesen. Auf Gollers Frage, ob man darauf warten solle, dass sich am kommenden Drehtag womöglich noch mehr Menschen am Set ansteckten, habe es geheißen, man wisse noch nicht, wann eine entsprechende Verordnung in Kraft treten könne. Die Entscheidung könne jeden Moment fallen, doch sei sie letztlich Sache der Minister. Man sei sich der Problematik aber bewusst.

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„Die Verantwortung hierfür tragen alle“

Ein Sprecher der Staatskanzlei beantwortete die Frage danach, welche Behörde in diesem Fall weisungsbefugt ist und warum bisher noch keine Drehstop angeordnet wurde, so: „Für die Genehmigung von Dreharbeiten auf öffentlichem Straßenland (die sogenannte Sondernutzung öffentlichen Straßenlandes) sind die Kommunen zuständig – nicht das Land. Das gilt nicht für Drehs in Studios, denn diese finden in/auf privatem gewerblichen Gelände statt.“ Dafür gelte der „Erlass zu weiteren kontaktreduzierenden Maßnahmen“ des Gesundheitsministeriums Das bedeute zum Beispiel: „kein Publikum“. Die Erteilung der Drehgenehmigungen erfolge durch die kommunalen Ordnungsämter. „Diese sprechen keine Verbote von Dreharbeiten auf öffentlichem Straßenland aus, sondern sie genehmigen respektive genehmigen aktuell nicht.“

In dem genannten Erlass des Gesundheitsministeriums seien, heißt es weiter, die Kommunen angewiesen worden, „alles Notwendige im öffentlichen Raum zu veranlassen, um das Infektionsrisiko zu minimieren“. Dazu zähle auch, dass alle Veranstaltungen untersagt werden müssen. „Was hierunter fällt und was zudem ggf. konkret darüber hinaus zur Sicherstellung des aktuell erforderlichen Infektionsschutzes angeordnet werden muss, entscheiden die Kommunen vor Ort als zuständige Behörden nach dem Infektionsschutzgesetz.“ Dzu könne auch gehören, dass die Kommunen Dreharbeiten auf öffentlichem Straßenland nicht weiter genehmigen respektive die Genehmigungen widerrufen. „Bei der Entscheidung, ob Dreharbeiten stattfinden, sollten Gefahren für Leib und Leben und das Risiko der Verbreitung des Corona-Virus Berücksichtigung finden.“ Die Verantwortung hierfür tragen alle, auch die Filmschaffenden und die Produzenten.

Niels Maier, der ein mittelständisches Unternehmen für Filmausrüstung führt und als Oberbeleuchter an Sets arbeitet, kennt den Ernst der Lage, vertraut aber darauf, dass Rettungsmechanismen des Staates wie Kurzarbeitergeld greifen. Sieben von zehn Produktionen, an denen sein Unternehmen durch die Belieferung mit Gerätschaften beteiligt sei, seien bereits abgebrochen worden. „Drei hängen in der Luft“, sagt Maier. Er selbst war in Oberammergau an der Fertigstellung eines Bildbands zu den diesjährigen Passionsfestspielen beteiligt. Auch diese sind abgesagt. Tag für Tag bringen die Filmproduktionen nun Lkw-Ladungen von Ausrüstung zurück, für die vorerst kein Bedarf mehr besteht. Maier rechnet nicht damit, dass es bald weitergeht. „Wir haben uns auf einen kompletten Stillstand eingestellt“, sagt er. 35 Mitarbeiter beschäftigt sein Unternehmen an vier Standorten in Deutschland. Denen habe er versichert, dass es einen Plan gebe. „An zweiter Stelle muss ich mich darum kümmern, wie ich unsere Liquidität sichern kann, und mir Gedanken machen, was wir mit der kommenden Zeit anfangen“, sagt Maier.

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Das Entgegenkommen der öffentlich-rechtlichen Sender, die bei Firmen, die nicht zu ihnen gehören, fünfzig Prozent der Mehrkosten übernehmen wollen, fasste er zunächst positiv auf. Mittlerweile findet er: Es sei ein „Armutszeugnis“. „Wer soll denn die anderen fünfzig Prozent stemmen, wenn nicht die, die sich über ihr Budget von acht Milliarden im Jahr eh keine Gedanken machen müssen?“

Anmerkung: In diese Online-Fassung des Artikels haben wir eine Stellungnahme der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen eingefügt. Sie hat die Redaktion erst nach Andruck der Seiten erreicht, sodass sie in der Print-Ausgabe fehlt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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