TV-Serie „Yellowstone“

Für eine letzte Handvoll Dollar

Von Oliver Jungen
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 10:09
Teilt nicht gern: Kevin Costner als John Dutton
Darf man mögen, was Trump-Wähler mögen? Kevin Costner strotzt in der Neo-Western-Serie „Yellowstone“ nur so vor protorepublikanischer Männlichkeit.

Einmal, schon ziemlich tief in der ersten Staffel der hinreißend herbstgolden gefilmten Paramount-Serie „Yellowstone“, ohne dass nach dem starken Auftakt bis dahin sonderlich viel passiert wäre, tanzt Kevin Costner mit einem Bären. Wobei der Bär vor allem buddelt und sein Tanzpartner mit der Flinte wedelt. John Dutton, so Costners protorepublikanischer Charakter, stinkreicher Besitzer einer der größten Ranches von Montana (samt eigenem Helikopter und Privatarmee), hatte vom Pick-up aus eine Gruppe Asiaten auf seiner Weide entdeckt. Auge in Auge mit einem Bären machten die Touristen dumme Fotos. Dutton meinte es also nur gut, als er ihnen befahl, sich zackig zu verkrümeln. Weil die Vorwitzigen zögerten, griff er – zu ihrem Schutz – zum Argument des Landfriedensbruchs: Alles zwischen den Bergen zur Rechten und Linken gehöre nämlich ihm. Es sei unziemlich, so die freche Antwort, wenn ein Einzelner derart viel besitze, statt zu teilen. Da platzt dem Cowboy die Hutschnur. Satte Schüsse in die Luft lassen die Asiaten kreischend flüchten, während Dutton knurrt: „This is America. We don’t share land here.“ Auch nicht mit Bären übrigens; den pelzigen Tänzer fressen bald die Wölfe (nachdem er eine Kugel fraß).

Ist das schon Antikommunismus? Oder nur eine Verneigung vor amerikanischen Patriarchen der guten alten Technicolor-Zeit? So viel Clint Eastwood steckte selbst in Costner bislang eher selten. Mürrisch und breitbeinig verteidigt dieser Held das von den Vätern Ererbte. Es ist aber auch ein Kreuz mit diesen – surrealerweise – hier herumstromernden Asiaten. Nur wenig später rutschen zwei von ihnen einen Hang hinab. Beim Rettungsversuch durch Duttons bärenstarken Vorarbeiter (Cole Hauser), den der Alte wie einen Sohn liebt (sogar ein bisschen mehr) und der auf den sprechenden Namen Rip hört, stürzen beide in den Tod. Es sieht nach Vorsatz aus: das nächste Problem.

Hier kämpfen wieder Cowboys gegen Indianer

Dabei spielen die Asiaten nicht einmal eine Nebenrolle, das tut allenfalls die hinterlistige Presse. Die wahren Feinde der ausschließlich in Cowboy-Sätzen kommunizierenden Dutton-Familie, zu der mittels Brandzeichen aufgenommene, bis in den Tod loyale (Ex-)Kriminelle zählen, sind erstens die Moderne – in Gestalt von Investmentkapital, das sich zu Siedlungsprojekten oder Ölbohrfirmen verdichtet – und zweitens, wie sich das für einen Western gehört, Indianer. Letzteres ist im 21. Jahrhundert denn doch erstaunlich. Serienerfinder Taylor Sheridan (Hauptautor und Regisseur) präsentiert uns tatsächlich einen gierigen, leicht schmierigen Stammes-Chief und Spielhallenbesitzer namens Rainwater (Gil Birmingham), der das von ihm regierte Reservat mit viel Verschlagenheit auf das gesamte Yellowstone-Gelände ausdehnen möchte, um so zurückzuholen, was seinem Volk einst genommen worden sei. Immerhin, ließe sich sagen, sind die Indigenen hier einmal keine Opfer.

Vor Selbstjustiz schrecken auch die Duttons nicht zurück. So kämpfen am Rande des Yellowstone-Nationalparks noch einmal Cowboys gegen Indianer. Hinzu kommen politische und wirtschaftliche Intrigen auf beiden Seiten. Der Texaner Sheridan, ehemals Darsteller in „Sons of Anarchy“, bevor er als Drehbuchautor und Regisseur mit Genrefilmen reüssierte, hat seinen trotz traditioneller Pferde- und Schießeisen-Action äußerst langsam erzählten Western zwar äußerlich in die Moderne versetzt und mit Soap-Elementen angereichert, doch anders als all die postmodern gebrochenen Varianten funktioniert er ganz nach klassischem Prinzip. Alles dreht sich um Ehre, Familie und Tradition. Wir sehen Männer, die Gefühle und Schmerz allenfalls ihren Pferden zeigen; Dutton schläft im Stall, wenn es ihm – die Frau tot, der Krebs in den Knochen – richtig dreckig geht. Frauen sind idealerweise wie Männer, nur in sexy; Johns emotional versehrte Tochter Beth, maskulin derb gespielt von Kelly Reilly, ertränkt ihren Kummer in Feuerwasser und Bösartigkeit. Wie halunkenhaft und kaltherzig sich die Duttons aber auch benehmen, die Sympathielenkung weist in die Richtung der Antihelden.

Endlosen Zwist gibt es zwischen Beth und ihrem als Anwalt wie als Weichei verachteten Bruder Jamie (Wes Bentley). Bruder Kayce (Luke Grimes), ein ehemaliger Elitesoldat, der mit indianischer Ehefrau (Kelsey Asbille) und Sohn (Brecken Merrill) unerklärlich ärmlich im Reservat lebt, ist Johns Wunsch-Erbe, braucht aber eine ganze Staffel, um den Weg zurück zu finden. Ein dritter Bruder stirbt noch im Piloten, eine Tragödie, die über der gesamten Serie schwebt. Viel passiert dann nicht mehr. Es wirkt, als führe Sheridan seine (selbst mimisch) eindimensionalen, stoischen Charaktere mit wenig bedeutsamen Szenen immer wieder neu ein, habe aber den übergreifenden Plot, in dem sie zu Handlungsträgern würden, schlichtweg vergessen. Stattdessen reitet man zahlreiche wilde Hengste zu. Als narrative Notlösung dient dynastisches Klein-Klein im „Dallas“Stil, nur ohne viele Worte.

Es stimmt schon, „Yellowstone“, seit 2018 eine der erfolgreichsten Serien in den Vereinigten Staaten und offenbar besonders beliebt in republikanischen Hochburgen (derzeit entsteht die vierte Staffel), ist konservatives, melodramatisches Pokerface-Fernsehen für Menschen, die „High Noon“ für den Gipfel alles Cineastischen, den Männlichkeitsapostel Jordan B. Peterson für einen Philosophen und das Leben für einen einzigen Kampf halten – hier archetypisch ausgefochten gegen das Alte („Ich bin die Vergangenheit“, droht Chief Rainwater) und das Neue („Mein Ziel ist das Gegenteil von Wandel“, bekennt Jamie). Es ist ein letztes und bereits korruptes Aufbäumen des amerikanischen Mythos von der absoluten Freiheit, ein reiner Reflex, und damit als Western so glaubhaft: Was soll denn bitte Komplexität bei diesem Genre? Genießen lässt sich die mit viel Geld inszenierte Serie aber nicht zuletzt optisch: ein langer Ritt durch die traumhafte Landschaft des amerikanischen Nordwestens. Dazu Pferde, Kühe, Bisons, Bären, Wölfe. Da halten nur wenige Naturdokus mit.

Yellowstone, dienstags, 21.10 Uhr, Sony AXN

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot