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Gamescom

In der digitalen Kirche

Von Oliver Jungen
 - 15:10

Die Vorberichte zur diesjährigen Gamescom waren durchwachsen, bisweilen hämisch. Der Umsatz der Computerspielbranche geht zurück, weil der neue Trend, Online- und Browser-Spiele, weniger abwirft, als bei den aufwendigen Großproduktionen wegfällt; dann haben noch einige Schwergewichte wie Nintendo, Sega und Microsoft ihre Teilnahme abgesagt: Der Stern schien zu sinken. Doch wer sich dieser Tage in die Nähe der Kölner Messehallen begibt, der merkt, dass die Gamescom ganz anders funktioniert.

Eine Messe ist es durchaus, aber im emphatischen Sinne. Für die Kräfte, die hier freigesetzt werden, hat allein die Theologie ein Raster parat. Dreigestuft ist die Hierarchie: Es gibt die Götter - anthropomorphe Geister wie eh und je -, die Religionsgelehrten sowie die Gläubigen, die in rauhen Mengen herrgottsfrüh den Tempelkomplex umringen. Kurz, es handelt sich um einen fröhlichen Polytheismus, eine Religion im vollen Saft. Nichts von Niedergang, nur weil irgendwo ein Umsatz bröckelt, im Gegenteil: Die Gemeinde wächst. Das alles muss man zugestehen, auch wenn es nicht die eigene Religion ist, ja, selbst wenn einem die Sims, die Warcraft-Monster und all die ununterscheidbaren Kampfsoldaten in ihren sinnlosen Wüstenmissionen fremder sind als die ulkigsten Götter im Hinduismus.

Die Atmosphäre erinnert an ein Techno-Festival. In den abgedunkelten Hallen dröhnt es ohrenbetäubend, und alles ist ein einziges Rätsel: Warum zum Beispiel steht eine kreischende Menge vor der Roccat-Bühne und bejubelt frenetisch Halbsätze wie: „Die Roccat Gaming Mouse“? Alles hier ist offenbar Verkündigung, mehr noch: Epiphanie. Wer sieht, wie das größtenteils jugendliche oder jungerwachsene (übrigens entgegen der angeblichen Geschlechterparität doch ziemlich männliche) Publikum aufgeregt schnatternd durch die Gänge strömt oder fünf Stunden lang fromm ansteht, um im uneinsehbaren Sanctum Sanctorum die neuesten Fortsetzungen teuer produzierter Großspiele anspielen zu können, den weht eine seltsame Wehmut an: Was gäbe man darum, noch einmal jung und naiv zu sein, davon überzeugt, die Lebenszeit sei nahezu unbegrenzt.

Immer noch mehr Umsatz als Hollywood

Jede Generation hat das Recht, ihre Jugend zu verschwenden. Diese hier tut es in Tanzboxen („My Body Coach 3“), im piratenverseuchten Dschungel („Far Cry3“) oder in voller Kampfmontur zwischen umgeknickten Windrädern („Call of Duty: Black Ops 2“). Freilich, der ein oder andere Enddreißiger drückt auch auf den Controllern herum, aber eine Gesellschaft, in der niemand hängen bleibt, wäre wohl gar nicht erstrebenswert. Die Frage ist eher, ob eine digital sozialisierte Generation nicht allzu brav wird. Das Abreagieren ist schließlich kathartisch aufgehoben und zugleich radikalkonsumistisch kontaminiert. Es gibt sogar jede Menge Graffiti Games: Kann es gutgehen, das Aufruhrpotential von Jugendlichen vollständig abzugreifen?

Um Fragen wie diese geht es beim Gamescom-Kongress traditionellerweise nicht, sondern immer nur um die beiden Generalthemen der beiden Veranstalter, Politik und Softwarebranche: Wird die Jugend ausreichend vor Gewalt und Sucht geschützt? Wird die Zukunftsbranche Unterhaltungssoftware ausreichend von der Politik gehätschelt? Dass in diesem Jahr die zweite Frage, die Branchenvertreterperspektive, klar im Vordergrund steht, hat nicht nur mit der eingangs erwähnten Eintrübung der Konjunktur auf hohem Niveau (immer noch mehr Umsatz als Hollywood) zu tun, sondern auch mit Ermüdung auf Seiten der Defensive.

So erkannte die unter anderem für Medien zuständige nordrhein-westfälische Ministerin Angelica Schwall-Düren, obgleich sie einen Großteil ihres Vortrags mit den ewig wolkigen Lieblingsvokabeln aller Medienpolitiker bestritt - „Medienkompetenz“ und „Jugendmedienschutz“ -, ganz wie Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei der Messeeröffnung an, dass Computerspiele das Leitmedium der jungen Generation darstellten. Sie versuchte auch eine moralisch einwandfreie Legitimation: „Games selber können auch positive Effekte auf unsere Alltagsgestaltung haben.“ Die Aussage sollte trotz ihrer abenteuerlichen Schlichtheit nicht unterschätzt werden, denn dahinter steht ein Sinneswandel der Politik, die nicht länger an ihrem Vom-Egoshooter-zum-Amokläufer-Märchen festhält.

Computerspiele als Kulturgüter

So bestand die erste Tagungssektion denn auch darin, sich gegenseitig zu versichern, dass Computerspiele - und zwar auch gewalttätige - Kulturgüter sind. Murad Erdemir (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, USK) zählte sie zur Kunst, Cheflobbyist Maximilian Schenk (Bundesverband interaktive Unterhaltungssoftware e.V., BIU) gar zur Hochkultur, was Peter Tauber (CDU) und Alexander Vogt (SPD) locker abnickten. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat wollte aus dem Kunststatus spitzfindig eine inhaltliche Verantwortung der Hersteller ableiten: Künstlerische Innovation müsse künftig im Vordergrund stehen statt des zwanzigsten Abklatschs eines erfolgreichen Spiels. Das führte natürlich auf keinen grünen Zweig, denn Abklatsche gibt es in allen Kulturbereichen.

Doch auch der Wirtschaft geht es nicht einfach um Anerkennung. Wo man nun einmal Kulturträger ist, will man an die Fördertöpfe. Neidisch gehen die Blicke in Richtung des subventionierten Films, der laut Schenk in Deutschland bis zu hundertmal mehr als die Gameswirtschaft gefördert werde. Die gesamte nächste Sektion war denn auch die übliche Klagerunde, in der die satt verdienende Industrie über Vernachlässigung jammerte. Wer Branchenvertreter allein nach ihren Wünschen fragt, darf sich nicht wundern, wenn es vermessen wird: Odile Limpach, die nach eigener Aussage mit ihrem Studio Blue Byte in Deutschland zwar ordentlich wächst, aber in China oder Singapur noch stärker wachsen könne, hätte hierzulande gern asiatische Rahmenbedingungen.

Und doch dürfte nicht ganz falsch sein, was zwei industrienah argumentierende Akademiker in die Diskussion einbrachten: Die Professoren Jörg Müller-Lietzkow (Paderborn) und Reto Wettach (Potsdam) regten an, zumindest ein Kompetenzzentrum für Gamedesign an einer öffentlichen deutschen Universität zu gründen, um in dieser Zukunftstechnologie den Anschluss nicht zu verlieren. Allein dieses Appells wegen hat sich der Kongress denn doch gelohnt.

Quelle: F.A.Z.
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