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ARD-Film „Bingo im Kopf“

„Wir zaubern Sonne in die Herzen!“

Von Oliver Jungen
Aktualisiert am 25.10.2019
 - 18:12
Er will raus aus dem Schnulzenfach: Pasquale Aleardi spielt den Sänger Mirko.
In der Komödie „Bingo im Kopf“ mimt Pasquale Aleardi einen Schnulzensänger in der Midlife-Krise. Das zielt derart dreist aufs Gemüt, dass man schon fast wieder mitschunkeln will.

Dass die Freitagsfilme im Ersten, laut Christine Strobl, der Geschäftsführerin der ARD Degeto, als Gute-Laune-Rutschbahn ins Wochenende gedacht, samt und sonders Schlagerschnulzen fürs Auge wären, soll gar nicht behauptet werden – hin und wieder hütet hier ja zum Beispiel der erfrischend schlageruntaugliche Axel Prahl Kühe.

Aber gewisse Parallelen der beiden Gattungen hinsichtlich Thematik, Stil und schamloser Rührungsbewirtschaftung wird kaum jemand abstreiten wollen. So gesehen, hat die (nicht ganz neue) Idee, einen Schlagerschnulzen-Charmebolzen zum Angelpunkt der Handlung zu machen, etwas Apartes, weil sich die freitägliche Romantikkomödie der ARD damit ein Stück weit der Selbstbeobachtung unterzieht.

Besonders apart ist es, dass das One-Hit-Wunder Mirko Mortauk elend an seiner One-Hit-Existenz verzweifelt und ganz generell von billigen Schmachtfetzen den Kanal voll hat. Jede Neuerfindung als Künstler aber lehnt sein Kaugummi-Manager (Henry Hübchen, trotz affiger Sonnenbrille wieder zum Knuddeln) mit just dem Freitags-Argument der ARD ab: „Wir zaubern Sonne in die Herzen!“

Gespielt wird der ausgebrannte Altstar, der bei tristen Stadtfesten in würdeloser Endlosschleife seinen Danceschlager „Bingo“ zum Besten gibt, von dem feschen und eigentlich recht begabten Pasquale Aleardi, der sich filmtechnisch von „Resident Evil“ bis zu „Kommissar Dupin“ durchgespielt hat, tatsächlich singen kann und im echten Leben entzückenden Soul-Funk produziert. Ob also der schauspielerisch wohl schlechteste Zusammenbruch des Jahres – der Anlass ist ein mit dem „Reh-Mix“ des Hits beauftragter Witzrapper – insgeheim eine Revanche für das gütlich unterkomplexe Drehbuch von Markus B. Altmeyer oder die frech unoriginell Dialogszenen vor sonnensattem Hintergrund vernähende Regie von Christian Theede darstellt, weiß wohl nur Aleardi selbst. Wenn er aber nicht gerade Burnout-Attacken mimt, kann man ihm gefahrlos zusehen. Im Gegensatz übrigens zu den Komparsen.

Was macht nun ein erloschener Stern in der Midlife-Crisis? Natürlich: Er zieht zurück zu Mama (Gundi Ellert), zumal das keine Miete kostet. Im idyllischen Dorf Sankt Maiwald, das dem berühmten Sohn einst sogar einen nun schwindenden Trampelpfad gewidmet hat, wohnt auch der Rest der zuvor kaum beachteten Familie: die seit Jahren um ihren Mann trauernde Schwester (Marie Leuenberger), die aus Leid (vorübergehend) verstummte Nichte (Aleen Jana Kötter), der von seiner eigenen Spießigkeit genervte Banker-Bruder (René Geisler) und der immer noch aufs Durchboxen schwörende Vater (Peter Prager). Außerdem gibt es ein Problem, das nur der Heimkehrer lösen kann. Der Kirchenchor hat seine Leiterin verloren, weshalb eine Katastrophe droht: das erneute Scheitern beim Chorwettstreit.

Das ist schon die ganze Fallhöhe. Es kommt dann alles wie immer, wobei die kitschige Vereinigung der versehrten Herzen, zu denen noch die Jugendliebe Rosa (Eva Herzig) zählt, diesmal über die Musik läuft und besonders therapeutisch ausfällt: „Steh auf, und lass dich fallen, um zu fliegen, brauchst du keinen Halt.“ So weit ist also einfach nur Freitag in der ARD: Manche Einstellungen sind ulkig (der Protagonist im paillettierten Schlagerdeppenkostüm), andere hübsch, ohne Tiefgang auch nur anzudeuten.

Fernsehtrailer
„Bingo im Kopf“

Allerdings verbeißt sich Mirko, der an keiner Gitarre vorbeigehen kann, ohne loszuschmalzen, in den abgegriffenen romantischen Topos vom Leid als Motor der Kunst. Bald nötigt er alle Beteiligten, ihren „Schmerz“ zu nutzen: „Sing darüber, wie es sich anfühlt, seit der ersten Klasse gemobbt zu werden.“ Das haut nicht nur, erwartbar, die Zuhörer beim Chorwettbewerb um (immerhin die seppelige Jury spielt nicht mit), sondern zielt ungeniert aufs Publikum. Die Rührseligkeitsverzückung ist so groß, dass sie etwas Übergriffiges bekommt. Auch weil man merkt, dass die ganze Handlung nur auf diesen einen ekstatischen Moment hinauswollte und sich rückwirkend in Nichts auflöst. Da spielt es dann gar keine Rolle mehr, dass man den Figuren keine Sekunde lang Schmerz, Ruhm oder Zuneigung abgenommen hat oder dass der ohnehin schon nachlässig gezimmerte Plot mit einer besonders morschen Retardation – einem herbeierfundenen Todesfall – endgültig ins Unterirdische versenkt wurde.

Lernen kann man hier natürlich trotzdem etwas. Vielleicht nicht unbedingt von den Zuschauern, aber – Stichwort Selbstanalyse – von einer Redaktion, die glaubt, man versonnenzaubere ein Publikum mit Happy-End-Schnulzen in Endlosschleife. In einer Art Gartentisch-Vision sieht unsere gerupfte Nachtigall das Problem nämlich glasklar vor sich: „Manchmal ist das Leben echt beschissen, oder? Vielleicht ist genau das der Ursprung der Kreativität. Leute, bei denen alles immer nur super läuft, haben vermutlich wenig zu erzählen.“ Bingo!

Bingo im Kopf läuft heute, Freitag 25. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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