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Gespräch mit Rana Sabbagh

Ich bin keine Frau, ich bin kein Mann, ich bin Journalistin

Von Michael Hanfeld und Axel Weidemann
 - 18:04

Sie leiten die Organisation „Arab Reporters for Investigative Journalism“, kurz Arij, in Amman, was machen Sie dort?

Wir trainieren Journalisten, die sich dafür entschieden haben, es in der arabischen Welt mit investigativem Journalismus zu probieren. Wir haben jüngst, gefördert durch Unicef, eine Art Handbuch für investigativen Journalismus herausgegeben, übersetzt in vierzehn Sprachen. Darin wird erklärt, was investigativer Journalismus ist. Wie man eine Geschichte findet, wie man eine Arbeitshypothese konstruiert und wie man mit Quellen umgeht. Zu uns kommen viele junge Journalisten. Manchmal sind es Freie, manchmal werden sie von ihren Medienhäusern geschickt. Deren Leiter müssen die Einwilligung geben, dass wir die Journalisten trainieren und fördern, und auch das Geld geben. Ein Coach betreut die Journalisten auf dem gesamten Weg.

Das Gebiet, in dem Sie mit Arij operieren, ist allerdings nicht ganz ungefährlich für Journalisten.

Stimmt. Wir versuchen immer das Risiko für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten und geben jedem Lehrjournalisten einen Anwalt an die Hand, der die Geschichte noch einmal prüft. Am Ende bekommen die Medienhäuser eine komplett selbstrecherchierte und wasserdichte Geschichte. Aber in der Realität ist das natürlich wahnsinnig schwer. Es gibt viel Hin und Her.

Wo hakt es am schlimmsten?

Das fängt schon mit den jungen Journalisten an. Viele sind Produkte eines gescheiterten Bildungssystems, in dem kritisches Denken unterbunden wird. Sie können nur auswendig Gelerntes aufsagen, sie sind wie Papageien. Es gibt keine Kultur des kritischen Denkens. Die will auch keiner, denn dann müssten auch der König von Jordanien und die anderen arabischen Herrscher zu viele unbequeme Fragen beantworten.

Man kann sich kaum vorstellen, dass Journalisten im Augenblick, etwa im Jemen, überhaupt arbeiten können.

Die Sicherheit unserer Journalisten steht vor allem anderen. Wir sagen ihnen: Keine Geschichte ist es wert, sich zu opfern. Weil dann niemand mehr da ist, der diese oder ähnliche Geschichten erzählt. In vielen Situationen haben wir Leute vor Ort, die dem Journalisten auf ein Signal hin zur Hilfe kommen. Das geht leider nicht immer gut. Ein Fotograf ist bei einer Recherche vor einiger Zeit von Mitgliedern der Terrororganisation IS gefoltert und getötet worden. Unter der Folter hatte er preisgegeben, mit welchen beiden Journalisten er zusammenarbeitete. Die beiden haben wir dann möglichst schnell außer Landes gebracht. Das war ein Drama, einer der beiden verlor am selben Tag seine Mutter und seine Tochter bei einem Bombenangriff.

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Wenn von den Regierungen, Königshäusern und Regimen keine Hilfe zu erwarten ist, wer schützt sie dann?

Wir arbeiten mit großen Medienhäusern zusammen. Wir entwickeln Ideen und geben sie weiter. Wir machen Recherche vor Ort, und deren Leute übernehmen dann die Konfrontation mit den Beteiligten. Wir arbeiten über Ländergrenzen hinweg. Wir arbeiten mit der „Süddeutschen Zeitung“, Correctiv, der Deutschen Welle, der BBC und der englischen Al Dschazira – nicht der arabischen, das käme nicht in Frage.

Wie reagiert die arabische Welt darauf?

In Saudi-Arabien glaubt man, Arij sei eine westliche Zionisten-Verschwörung gegen die arabische Welt, auch, weil wir von Schweden, Norwegen und Dänemark gefördert werden. In Ägypten glaubt man, wir seien eine Tarnorganisation westlicher Geheimdienste. Da muss ich immer lachen: Warum sollten die uns brauchen? Die Informationen, die wir sammeln, liegen auf der Straße. Schwierig ist es, arabische Partner zu finden. Seit im Jemen Krieg herrscht, sind die Golfstaaten völlig uneins. Saudi-Arabien steht zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten gegen Qatar. Qatar hat die arabische Al Dschazira, Saudi-Arabien hat Al Arabija, und die Emirate haben Sky-News. Diese drei Fernsehsender haben Millionenbudgets, und jeder erzählt die Version der Geschichte, die dem jeweiligen Land passt, und attackiert die anderen. Es ist eine Schande. Würden wir denen eine Geschichte geben, würde sie immer zugunsten des jeweiligen Landes manipuliert und instrumentalisiert. Also müssen wir selbst bald zu einer Nachrichtenplattform werden.

Wie arbeiten Sie angesichts dessen?

Oft können unsere Journalisten ihre hart recherchierten Artikel nicht unter ihrem Namen veröffentlichen. Die ärgern sich dann immer, wenn ausgerechnet diese Geschichten mit Preisen ausgezeichnet werden. Und ich muss ihnen sagen, dass sie das zu ertragen haben. Aber es kann einen schon depressiv machen. Schlimmer ist es nur, wenn ich sehe, das der Journalismus für viele nur eine Art Durchgangsstation ist, um einen hohen Posten in der Regierung zu ergattern. Die tanzen dann freiwillig nach der Pfeife des Regimes.

War das für Sie nie eine Versuchung?

König Hussein hat mir mehrfach angeboten, im Palast als Presse-Attaché zu arbeiten. Ich habe dem König gesagt: Ich respektiere dich, aber ich will nicht im politischen System drinstecken, ich bin eine Journalistin. Ich bin unabhängig und von meinen Eltern frei erzogen worden. Ich bin heute in einer besseren Position als die meisten Menschen in den arabischen Ländern. Die Bevölkerung ist arm. Die Menschen brauchen Essen auf dem Tisch, Arbeit, Ausbildung für die Kinder.

Und politische Rechte, Demokratie?

Für mich ist Demokratie ein sehr westliches Konzept. Sie ist in Europa das Produkt eines jahrhundertelangen Kampfes. In der arabischen Welt sage ich: Lass uns nicht über Demokratie sprechen, sondern über Gleichberechtigung und Transparenz, über Rechtsstaatlichkeit, unabhängige Justiz, Medien und Parlament. Man hat mich kürzlich für zwei Stunden im Gefängnis festgehalten. Ich kam frei, weil ich Leute kenne, die mich rausgeholt haben. Ich habe mich gefühlt wie ein Stück Dreck. Warum wurde ich festgehalten? Weil ich einer Richterin bei einer Anhörung gesagt hatte, dass ich die willkürliche Wartezeit nicht akzeptiere. Ein anderes Mal wurde ich um Mitternacht am Flughafen festgesetzt. Nachts um drei habe ich meinen Anwalt erreicht, und er hat mich freibekommen. So geht es Tausenden von Menschen. Sie sind staatlicher Willkür ausgesetzt und können sich nicht wehren. Wir leben in einem offenen Zoo, in einem Freiluftgefängnis. Wenn man nicht dem richtigen Stamm angehört, hilft einem niemand. Als Individuen haben wir keine Rechte. Und dann fragt man, warum Menschen mit dem IS sympathisieren – weil sie keine Rechte haben, sie spüren nur den Schuh auf dem Kopf. Sie haben nichts zu verlieren.

Sie wurden bei der „Jordan Times“ die erste weibliche Chefredakteurin einer Zeitung im arabischen Raum. Wie ist Ihnen das gelungen?

Meine Mutter, eine Deutsche, hat nie einen Unterschied zwischen meinen Brüdern und mir gemacht. Für sie waren wir nicht Tochter oder Sohn, sondern Menschen. Ich hatte nie Angst vor Männern und bin auch nie davon ausgegangen, dass Männer per se besser sind als ich. Ich habe mich allerdings oft neutral angezogen, nie meinen Körper betont und meine Haare zusammengebunden, denn ich wollte nicht, dass sie mich als Frau sehen. Ich wollte, dass sie mich für das wahrnehmen, was ich kann. Ich bin nicht immer schadlos durchgekommen. Ich bin sexuell belästigt worden, ein Minister wollte mich küssen, in zwei Fällen ist mir Schlimmeres widerfahren. Oft konnte ich mich aus Situationen mit etwas Witz herausreden. Und trotzdem können dir viele Männer in der arabischen Welt nicht in die Augen sehen, wenn sie mit dir reden. Wenn ich es trotzdem tue, heißt es gleich, ich würde flirten.

Und bei der Zeitung?

Drei Jahre lang habe ich die „Jordan Times“, wie ich sage, „gereutert“. Bei der Agentur Reuters hatte ich zuvor gearbeitet. Als ich zum ersten Mal dort war, 1984, war das eine pluralistische Zeitung, die Mitarbeiter kamen aus vielen Ländern. Damals stand Jordanien unter Kriegsrecht, da hieß es: die Klappe halten. Ich habe für Reuters gearbeitet, über den ersten und den zweiten Irak-Krieg berichtet, über die Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern. Meine Idee war, dass der Journalismus neutral berichtet – über die Regierung und die Opposition. Aber mit dieser Haltung wurde ich sofort der Opposition zugerechnet. Der damalige Premierminister war der korrupteste von allen und wollte, dass wir nur positiv berichten. Auch der Palast war mit der Zeitung nicht zufrieden. Und dann gab es Demonstrationen im Süden Jordaniens, bei denen ein Junge ums Leben kam. Die Behörden sagten, er sei von einem Hausdach gestürzt. Unser Reporter kam mit der Darstellung zurück, dass der Junge gefoltert und zu Tode geprügelt worden sei. Wir haben beide Versionen der Todesumstände benannt. In einem Kommentar schrieb ich: Lasst uns die Wahrheit erfahren. Danach haben wir Recherchen über Folter im Polizeigewahrsam unternommen. Doch allein schon, weil ich den Begriff „Folter“ erwähnt hatte, rief mich der Vorstandsvorsitzende in sein Büro und setzte mich ab. Warum? Die Regierung will es so, sagte er. In diesem Augenblick erinnerte ich mich daran, dass die Regierung im Laufe der Jahre 66 Prozent des Kapitals der „Jordan Times“ übernommen hatte.

Von einem auf den anderen Augenblick war Ihre journalistische Karriere vorbei.

Internationale Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch erkundigten sich nach mir, die Redaktion machte einen Sitzstreik und schickte dem König ein Fax. Mein Mann aber sagte mir: Entweder bist du jetzt das Opfer der Presseunterdrückung, und ich und meine dreihundertfünfzig Mitarbeiter sind arbeitslos oder – du verhältst dich ruhig, damit wir leben können. Ich habe geschwiegen, zehn Kilo abgenommen, meine Stimme verloren und bin in eine Depression gefallen. Unter der leide ich bis heute. Dabei bin ich nur für Gerechtigkeit eingetreten. Später habe ich Meinungsstücke für die Zeitung „Al Ghad“ geschrieben, bis ich herausfand, dass der Herausgeber meine Texte vor der Publikation dem Geheimdienst schickte. Ich sagte ihm: Du kannst dir mit meinen Texten von mir aus die Schuhe putzen, aber du kannst sie nicht dem Geheimdienst geben. Ich wurde behandelt, als sei ich eine Terroristin. Ich bin aber eine Journalistin und eine patriotische Jordanierin. Ich liebe mein Land, und ich liebe meine Arbeit. Ich habe viel Respekt erfahren von Menschen, die wissen, dass ich nicht korrupt bin und keine Agenda habe. Nur die Herrschenden ertragen es nicht, dass jemand kritische Fragen hat. Für mich war auch immer ein Problem, dass die Männer mich nur als Frau sehen. Ich will Gleichberechtigung, ich habe bis fünf Uhr morgens am Rinnstein gesessen, um ein Statement von Jassir Arafat zu bekommen. Zu Beginn des Irak-Krieges war ich jeden Tag an der Grenze und habe mit geflüchteten Menschen gesprochen. Ich bin ein Profi, ich bin keine Frau, ich bin kein Mann, ich bin Journalistin.

Raten Sie jungen Leuten, Journalist zu werden?

Wer Journalist sein will, muss das als Mission begreifen. Ernsthafter Journalismus ist eine Mission fürs ganze Leben. Sie bedeutet: Du musst dem Gemeinwohl dienen, Machtmissbrauch aufdecken und deine Recherchen dokumentieren, auch um zu zeigen, wie man Missstände beenden kann. Du musst nahe bei den Menschen sein, über ihre Nöte schreiben und ihnen eine Stimme geben. Du musst fair sein und alle Seiten anhören, du musst Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen. Das ist das, was wir bei den Arab Reporters for Investigative Journalism machen. Manchmal denke ich, wie gesagt, dass wir in der arabischen Welt in einem einzigen Freiluftgefängnis leben. Die Menschen essen, schlafen, sie denken nicht. Die Regierungen im arabischen Raum können sich aber nicht sicher fühlen. Es wird, wie beim „Arabischen Frühling“, einen Aufstand geben, wenn die Menschen ihre Furcht überwunden haben. Und der Grund werden die Armut und die Arbeitslosigkeit sein. Der Raif Badawi Award ist für mich und ist für alle bei Arij eine große Ermutigung. Das sind mehr als fünfhundert Journalisten, die aus Sicherheitsgründen oft ungenannt bleiben, auch wenn ihre Recherchen noch so wichtig waren. Wir fühlen uns darin Raif Badawi verbunden. Auch er ist das Opfer eines autokratischen Regimes, das keine anderen Stimmen hören will.

Rana Sabbagh und der Raif Badawi Ward

Rana Sabbagh hat 2005 die Organisation „Arab Reporters for Investigative Journalism“ (ARIJ) in Amman gegründet. 2003 war sie an der Gründung der Zeitung „Al Ghad“ beteiligt, von 1999 bis 2002 war sie als Chefredakteurin der „Jordan Times“ die erste Frau an der Spitze einer Zeitung im arabischen Raum. Zuvor hatte sie von 1987 bis 1997 für die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Am Mittwoch erhielt sie auf der Frankfurter Buchmesse den seit 2015 von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit vergebenen Raif Badawi Award. Der Preis geht an Journalisten, die sich in der muslimischen Welt für Freiheitsrechte einsetzen. Er hält die Erinnerung an den saudischen Blogger Raif Badawi wach, der 2013 wegen angeblicher Religionsbeleidigung zu tausend Peitschenhieben, zehn Jahren Haft und einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde. (F.A.Z.)

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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