Der „Tatort“ aus Stuttgart

Gibt es da Kameras?

Von Axel Weidemann
01.01.2022
, 13:49
Eisern: Kim Tramell (Ursina Lardi) will in der Vernehmung durch Sebastian Bootz (Felix Klare) auf keinen Fall Schwäche zeigen.
Video
Kann das deutsche Fernsehen einen Krimi nach dem Vorbild des Thrillers „Basic Instinct“ glaubhaft nach Schwaben verlegen? Ja, der Stuttgarter „Tatort“ hat den „Videobeweis“.
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Ein gutes Zeichen! Denn das bringen nicht mehr viele Filme der „Tatort“-Reihe zustande, dass man plötzlich wieder so etwas wie ein ernstes Interesse am Geschehen entwickelt, geradezu den Ehrgeiz, die Figuren zu durchschauen – und sich noch nach einer Stunde fragt: Was wird hier gespielt? Es ist ein Krimi. Einer, der sein Handwerkszeug sicher auf Umstände und Zeitgenössisches anzuwenden weiß, ohne allein darauf zu bauen. Auch das Thema Weihnachtsfeier wird nicht überreizt. Schon beim Wort allein dürfte sich ja bei jedem dritten Deutschen der Beckenboden zusammenziehen – vor lauter unangenehmer Erinnerung.

Doch hier passieren die Aufdringlichkeiten, Ausweich- und Ablenkungsmanöver unaufdringlich: Die Aktuarin Kim Tramell (Ursina Lardi) singt – da haben viele Kollegen den Absprung bereits geschafft – noch etwas Karaoke, bekommt vom Kollegen Idris (Ulas Kilic) einen Kuss und trinkt gen Ende mit Chef Jansen (Oliver Wnuk) doch noch einen Schluck Gin, den sie zuvor glaubhaft abgelehnt hatte, weil sie dann für „nichts mehr garantieren“ könne.

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Bosheiten blühen hier wie schwarze Blumen

Und auch wenn die Dialoge mitunter auf solche Floskeln verfallen, machen sie nicht den Fehler, an ihnen festzuhalten. Ihre Funktion ist es, den Zuschauer in Sicherheit zu wiegen, abzulenken von den Fallen und falschen Fährten, die dieser „Tatort“ stellt und legt. Kollege Idris wird nicht nur am nächsten Morgen tot im Foyer der Metropolis Versicherungen gefunden, es findet sich auch sein Handy, auf dem die Kollegen der Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) ein Video entdecken, das die Folgen des Gins zu zeigen scheint: Tramell und Jansen, eng umschlungen. Pikant ist das, weil Umstrukturierungen im Bereich Lebensversicherungen geplant sind, die Kim Tramell und ihren Kollegen Idris in direkte Konkurrenz zueinander bringen.

An diesem Punkt zünden verlässlich die „patriarchalen Denkmuster“, die nicht nur in den Köpfen der Patriarchen hausen, aber zuverlässig dafür sorgen, das „eine wie Kim“, die „die Kontrolle ungern abgibt“ und selbst sagt, dass man manchmal eben nur „ein bisschen Spaß“ haben will, in der für sie vorgesehenen Schublade verschwindet. Sie sagt auch: „Es war Vergewaltigung.“ Ihr Chef: „Es kam zu einer Situation.“ Seine Frau, Anwältin: „Du brauchst einen, der dir glaubt.“

Zwar hat schon der weiße Rollkragenpullover Zeichen gesetzt, doch spätestens, als Tramell (!) den Eispickel auspackt und Lannert zur Vorsicht mahnt, macht sich das Vorbild „Basic Instinct“ bemerkbar. Rudi Gaul (Regie) und Stefan Sommer (Kamera) setzen das Verwirrspiel unaufgeregt und zugleich verspielt mit einem Hauch „Rashomon“ in Szene. Informationen, die egal sind, fallen hier einfach weg. Das Ensemble und die musikalische Gestaltung von Verena Marisa tragen dazu bei, eine zunehmend gespannte Atmosphäre zu schaffen, in der die Bosheiten wie schwarze Blumen blühen. Partei ergreift dieser Tatort nicht, und dennoch zeigt er, wie Selbstermächtigung, die nie zwingend mit Gerechtigkeit zu tun hat, aussehen kann. Er interessiert sich nicht dafür, wie es sein sollte, sondern dafür, wie es ist.

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Der Tatort: Videobeweis läuft am Samstag, 20.15 Uhr im Ersten.

Trailer
Tatort: Videobeweis
Video: ARD, Bild: SWR/Benoît Linder

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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