Rechenzentrum in Flammen

Am Rhein brennt Europas Datenschatz

Von Niklas Maak
13.03.2021
, 14:20
Viel war nicht zu retten: Hunderte Feuerwehrleute kämpften am Mittwoch in Straßburg gegen die Flammen in Europas größtem Rechenzentrum.
Ein ikonisches Bild: Europas größtes Rechenzentrum geht in Flammen auf, viele Daten sind für immer verloren. Was bedeutet das für uns Internetnutzer?
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Zu den beruhigenden Vorstellungen des Internet-Zeitalters gehört die Idee, dass unsere Daten in einer „Cloud“, einer „Wolke“, gespeichert und so auf eine geradezu himmlische Weise gesichert sind. Dank der Cloud muss niemand mehr fürchten, dass mit seinem Laptop auch alle dort gespeicherten Dokumente gestohlen werden, und wem das Mobiltelefon beim Rezeptlesen in den Kochtopf fällt, der kann immer noch seine Fotos und SMS auf ein Ersatzgerät laden. Die Daten – das ist die Vorstellung, die die Propagandasprache der Internetbetreiber suggeriert – schweben dank Cloud-Technologie transzendiert zu ewigem Wissen im globalen Raum; ortlos, unangreifbar, unlöschbar.

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Natürlich ist die „Cloud“ bloß Metaphorik. Daten lagern in Rechenzentren, die mal „Data Center“, mal mit einem idyllisch-ruralen Unterton „Server Farm“ genannt werden, so, als würden dort statt Mais und Kartoffeln von fleißigen Elektrobauern Daten angebaut. Dass Rechenzentren, in denen ja immerhin einer der größten Schätze des Informationszeitalters – nämlich Milliardenwerte – lagern, in gesichtslosen riesigen Hallen außerhalb der Städte untergebracht werden, liegt nicht nur an Sicherheitsbedenken, sondern auch daran, dass man ihre Verortbarkeit ebenso wenig zum Thema machen will wie ihre Physikalität – und ihre Schmutzigkeit. Das Internet ist auch im Wortsinn eine dreckige Angelegenheit.

Rechenzentren verbrauchen trotz aller Bemühungen um baldige Klimaneutralität immer noch horrende Energiemengen. Wäre das Internet ein Land, käme es in den Disziplinen Stromverbrauch und Klimagasemission direkt nach den Vereinigten Staaten und China, und das von Spekulanten des Asset-Inflation-Zeitalters betriebene Bitcoin-Mining macht diese Bilanz nicht besser. Oft werden die Notstromaggregate vieler Rechenzentren mit Diesel betrieben. Man kann sagen, dass das scheinbar virtuelle, umweltfreundliche Internet in Wirklichkeit nach Abgasen riecht. Und dass es brennen kann.

Fünf Etagen mit Platz für 12.000 Server niedergebrannt

Zu einem verheerenden Brand kam es jetzt bei Europas größtem Cloud-Anbieter OVH. Aus noch immer nicht geklärten Gründen brannte am vergangenen Mittwoch in Straßburg am Rheinufer ein fünf Etagen hohes Rechenzentrum mit Platz für 12.000 Server vollkommen nieder, ein weiterer Bau wurde zur Hälfte zerstört. Der zerstörte Bau beherbergte auch die sensible „Hosted Private Cloud“, in der die Daten großer Unternehmen lagern. Der französischer Internetdienstleister, der mit mehr als 260.000 Servern in mehr als zwanzig Rechenzentren europäischer Marktführer im Hosting-Bereich ist, sah sich gezwungen, sämtliche vier Hallen herunterzufahren. Hunderte von Feuerwehrleuten kämpften gegen den Brand, 3,6 Millionen Websites gingen offline, darunter staatliche Portale, Banken, Newskanäle und die Regierungsseite data.gouv.fr.

Nun könnte man das als einen spektakulären Unfall ohne fatale Folgen abtun, wenn die Daten tatsächlich, wie es die Cloud-Rhetorik nahelegt, anderswo gespeichert und über andere Data Center weiterhin abrufbar wären. Das ist technisch auch möglich – aber offenbar hatten etliche Kunden aus Kostengründen auf derartige Sicherheitsnetze verzichtet, da sie bei OVHcloud kostenpflichtig dazugebucht werden müssen. Erhebliche Datenmengen sind für immer verschwunden; wie viele, wird noch ermittelt. Die ersten, die einen irreversiblen Totalverlust anzeigten, waren die Großkanzlei Leroi&Associés und der Computerspiel-Anbieter Facepunch, der alle in der Europäischen Union befindlichen Server für sein beliebtes Survival-Spiel „Rust“ nach eigenen Angaben vollständig verloren hat, weil es kein Backup für die serverseitigen Daten gibt.

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In „Rust“ müssen die Spieler sich durch eine dystopische Landschaft kämpfen, in der Gefahren aller Art hinter abgefackelten Ruinen lauern. Der Ort, an dem die Daten der Spieler lagerten, sah gestern exakt so aus wie die Welt im Spiel: ein Haufen rauchender Trümmer. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um es seltsam zu finden, dass es zu einem solch verheerenden Großbrand – der an sich in einem Bauwerk voller Kabel und heißlaufender Server immer einmal ausbrechen kann – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt kommt, an dem OVHcloud seine Pläne für einen Börsengang bekanntgegeben und eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro erhofft hatte.

Die von den Flammen zerstörte Fassade des Rechenzentrums von Cloud-Anbieter OVH. Kurz vor dem Brand machte das Unternehmen seinen Börsengang publik.
Die von den Flammen zerstörte Fassade des Rechenzentrums von Cloud-Anbieter OVH. Kurz vor dem Brand machte das Unternehmen seinen Börsengang publik. Bild: Reuters

In den Flammen ging aber mehr auf als nur die Hoffnung auf einen guten Börsenstart; auch das Bild der appleweißen „Cloud“ an sich verwandelte sich in eine ziemlich dunkle, menetekelhafte Rauchsäule. Der Unfall zeigt, dass es dringend eine öffentliche Diskussion darüber geben müsste, wo, von wem, unter welchen Bedingungen und wie sicher unsere Daten gespeichert werden. Viele Kunden und auch Politiker, das zeigt der Unfall, verstehen offenbar schon rein technisch überhaupt nicht, was in den Hallen der Cloud-Betreiber mit ihren Daten passiert – und was nicht. Die Tatsache, dass Daten der Treibstoff und der größte ökonomische Schatz des digitalen Informationszeitalters sind, steht in einem krassen Gegensatz zur Unbesorgtheit, mit der normale Bürger aus reiner Genervtheit und Bequemlichkeit heraus den „Alles akzeptieren“-Button drücken und Unternehmen wie auch staatliche Einrichtungen ihre Daten privaten Firmen anvertrauen, ohne sich genauer mit Fragen der Sicherung zu befassen. Dass Rechenzentren oft in anonymen Kistenarchitekturen untergebracht sind, in denen sich auch Paketauslieferungsdienste befinden könnten oder Lager für Diebesgut, ist auch deshalb kein Zufall: Viele wissen nicht, dass ihre Daten hier verwahrt werden, und sollen es gar nicht wissen.

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Die Rauchsäule im Herzen des Internet wirkt wie das Symbolbild eines Epochenbruchs – des schwierigen Übergangs von der Kultur des Verbrenners zum Elektrozeitalter, vom Fossilen um Immateriellen, vom rußigen Schmutz der Druckerschwärze und Auspuffrohre, von der dreckigen Wärme der Kamine und Zigaretten zum eisigen Leuchten der kalten, glatten Bildschirme.

Das Bild vom brennenden Internet am Rhein könnte ikonisch werden, weil es die Physikalität und die tatsächliche Verletzlichkeit der rhetorisch in den Stand einer unangreifbaren, virtuellen Naturgewalt erhobenen Datenspeicher-Technologie, des Internets überhaupt, vor Augen führt. Ist es möglich, dass die „Cloud“ in Flammen aufgeht wie einst Troja oder die Götterburg Walhall? Eher nicht, bloß ein kleiner Teil von ihr. Aber in einer Zeit, in der Daten das neue Gold sind und das Funktionieren des Staats vom Zugriff auf sie abhängt, sollte der Unfall einem dennoch zu denken geben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maak, Niklas
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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