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TV-Kritik „hart aber fair“

Die Palästinenser dürfen nicht mehr mitreden

Von Frank Lübberding
 - 05:31

Die Anerkennung von Realitäten ist so eine Sache. Mancher könnte etwa auf die Idee kommen, die Realität einer Nuklearmacht namens Iran genauso anzuerkennen, wie die Nuklearmacht Israel einst stillschweigend anerkannt worden ist. Andere hielten es dagegen für sinnvoll, ein Abkommen mit dem Iran als Realität anzuerkennen, um diese Nuklearmacht Iran wenigstens für die kommenden Jahre zu verhindern. Schließlich plädieren noch manche Zeitgenossen dafür, die Realität einer israelischen Hauptstadt namens Jerusalem anzuerkennen.

Gestern Abend etwa die Kommunikationsberaterin Melody Sucharewicz. So ist die „Anerkennung von Realitäten“ immer eine Frage der Perspektive. In Teheran wird das anders gesehen als in Jerusalem. In Washington anders als in Berlin. Gestern Abend war das aber ein zentrales Argument in der Sendung. Frank Plasberg nahm den 70. Jahrestag der Gründung Israels zum Anlass für die Frage: „Wie kann das noch sein: Judenhass in Deutschland?“

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Gazastreifen
Verletzte bei Protesten

Kommunikationsbemühungen einer „Sonderbotschafterin“

Dieser Tag wurde von zwei Ereignissen geprägt. Zum einen kam die israelische Regierung auf die bemerkenswerte Idee, als Höhepunkt der Feierlichkeiten zu diesem Jahrestag ausgerechnet die Neueröffnung der Botschaft der Vereinigten Staaten in Jerusalem zu betrachten. Diese Veranstaltung war keine sachliche „Anerkennung von Realitäten“, wie es Frau Sucharewicz insinuierte, sondern wurde von Premierminister Benjamin Netanjahu als Triumph Israels über seine Feinde inszeniert. Hier wurden keine Realitäten anerkannt, sondern Neue geschaffen.

Entsprechend argumentierte der frühere ZDF-Korrespondent in Kairo, Dietmar Ossenberg. Zum anderen schaffte die Hamas ihre Realität an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel. Tausende ihrer Anhänger sollten diese Grenze stürmen, keineswegs friedlich und gewaltfrei. Israels Militär reagierte auf diese Angriffe mit Tränengas und Schusswaffengebrauch. Die Folge waren mehr als fünfzig Tote und tausend Verletzte auf palästinensischer Seite. Jeder Staat der Welt müsste in einer vergleichbaren Lage genauso handeln, wenn er sich nicht selbst aufgeben wollte.

Die ARD reagierte mit einem „Brennpunkt“ nach der Tagesschau auf diese Entwicklung. Mit der Botschaftseröffnung und den selbstmörderischen Angriffen von Hamas-Aktivisten auf die Grenze als Thema. Für die in Gaza regierende Hamas sind solche Angriffe mittlerweile der einzige Weg, um eine Realität erst gar nicht anerkennen zu müssen. Nämlich ihre Unfähigkeit, ein funktionierendes Gemeinwesen aufzubauen.

Der Musiker Gil Ofarim machte in einer Bemerkung auf dieses Grundproblem aufmerksam. Es wäre „ein unfassbares finanzielles Geschäft für viele in der Region, Nein zu sagen.“ Es gibt tatsächlich auf der Seite der Palästinenser genügend Akteure, die am Status quo des permanenten Kriegszustandes ein fundamentales Interesse haben. Nur ist dieses Desinteresse am Frieden keineswegs nur unter Palästinensern zu finden. So beklagte Frau Sucharewicz die einseitige Berichterstattung in deutschen Medien über den Nahost-Konflikt. Die gibt es, wie nicht zuletzt der WDR und Arte bewiesen haben. Die Sender versuchten vor wenigen Monaten eine kritische Dokumentation über den Antisemitismus in Europa zu verhindern, die sich nicht nur auf die obligatorischen Neonazis beschränkte.

Aber Frau Sucharewicz These, allein die Palästinenser wären für das Scheitern aller Friedensbemühungen verantwortlich, entspricht dann doch eher den Kommunikationsbemühungen einer früheren „Sonderbotschafterin“ Israels. Dort betrachten wichtige politische Akteure die Westbank als integralen Bestandteil des historischen Israel. Eine Zweistaatenlösung bedeutete aber die weitgehende Aufgabe der israelischen Siedlungen im früheren Staatsgebiet Jordaniens. Das wäre schon immer nur gegen den massiven Widerstand der israelischen Rechten durchsetzbar gewesen. Der am 4. November 1995 in Tel Aviv ermordete Jitzchak Rabin fiel dann auch nicht einem palästinensischen Attentäter zum Opfer, sondern einem israelischen Rechtsextremisten. Allerdings haben es die Palästinenser mit solchen Aktionen wie an der Grenze geschafft, dass in Israel mittlerweile die Hoffnung auf einen politischen Ausgleich selbst unter politisch moderaten Kräften als utopisches Denken angesehen wird.

Politischen Unsinn erzählen nicht nur deutsche Fußballnationalspieler

Warum das so ist, beschrieb Ossenberg. Die weltpolitische Situation hat sich zugunsten Israels verändert. Netanjahu triumphierte gestern eben nicht ohne Grund. Wichtige arabische Staaten betrachten Israel mittlerweile als de facto Verbündeten in ihrem Kampf gegen den Iran. Die Palästinenser sind gewissermaßen lästig geworden, sie hätten „nicht mehr mitzureden“, so Ossenberg. So machte der frühere ZDF-Redakteur auch deutlich, was das Problem der Europäer ist. Sie halten an einen Friedensprozeß fest, der längst nicht mehr existiert. Dafür müssten die Palästinenser überhaupt erst wieder zu einem ernstzunehmenden politischen Akteur werden.

Frau Sucharewicz beschrieb deren zentrales Problem: das Fehlen einer „legitimen politischen Führung.“ Weder die Hamas, noch die PLO sind noch eine politische Herausforderung für Israel. Beide beschränken sich auf die Sicherung ihrer Pfründe, die nicht zuletzt vom europäischen Steuerzahler finanziert werden. Eine Herausforderung für Israel ist es auch nicht, wenn Jugendliche vor Grenzzäunen sinnlos in den Tod getrieben werden. Das Problem bleibt trotzdem „auf dem Tisch“, wie es Ossenberg formulierte. Es ist die Frage, wie Israel mit Millionen Arabern in seinem Herrschaftsbereich umzugehen gedenkt. So wie bisher, ist die Antwort Netanjahus. Die Palästinenser machen bisher keine Anstalten, an dieser komfortablen Lage des israelischen Premiers etwas zu ändern.

Nur was hat das alles mit Deutschland zu tun? Nichts, so die These Ossenbergs. Er hält die Europäer im Nahost-Konflikt für weitgehend irrelevant. Tatsächlich konnten die Israelis in einer feindlichen Umwelt nur als außenpolitische Realisten überleben. Mit deutschen Selbstfindungsdebatten gewinnen sie keine Kriege. An dieser Einsicht konnte auch Uwe-Karsten Heye nichts ändern. Für ihn war der Jahrestag der Gründung Israels ein “Tag der Freude“ und zugleich wegen der mehr als fünfzig Toten ein „Tag zum Trauern.“

Nur käme bei uns niemand auf die Idee, solche Toten im Südsudan oder im Kongo vergleichbar zu kommentieren. Dann gibt es auch keinen „Brennpunkt“ im Ersten. Israel genießt in Deutschland ein einzigartiges Privileg. Es wird von Deutschen wie Heye immer noch als Projektionsfläche für eine gute Politik betrachtet. Und eben nicht nur als Regionalmacht mit eigenen Interessen. Nur weil die Deutschen den industriell betriebenen Völkermord an den Juden praktizierten, muss Israel allerdings nicht die Logik der Realpolitik über Bord werfen. Das schützt Israel im Gegenzug allerdings auch nicht vor desaströsen politischen Fehlern. Politischen Unsinn erzählen halt manchmal nicht nur deutsche Fußballnationalspieler, sondern auch israelische Spitzenpolitiker.

Heyes Argumentation wurde allerdings noch absurder. Fast 75 Jahre nach der Kapitulation der Nazis machte er immer noch die fehlende Aufarbeitung der Nazivergangenheit für den Antisemitismus in Deutschland verantwortlich. Nun wäre es eine interessante Debatte, ob Hermann Lübbes These vom „kommunikativen Beschweigen“ die unmittelbare Nachkriegszeit richtig beschreibt. Oider eher Ralph Giordianos Vermutung einer „Zweiten Schuld“. Allerdings ist der Antisemitismus ein Kind der modernen Gesellschaften, und keine deutsche Singularität. Die Dreyfus-Affäre fand bekanntlich nicht im Deutschen Reich statt.

So hatte die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor völlig recht als sie den Antisemitismus arabischer Flüchtlinge als „Reimport aus Europa“ beschrieb. Dieser war in seiner rassistischen Interpretation eine europäische, nicht zuletzt deutsche Erfindung. Deshalb sind aber weder der aktuelle Antisemitismus, noch der Rechtsextremismus in modernen Gesellschaften mit der deutschen Vergangenheit zu erklären. Um heutzutage zum Antisemiten zu werden, braucht niemand mehr die unaufgearbeitete Familiengeschichte eines Urgroßvaters bei der Waffen-SS.

Aber eines ist tatsächlich ein Skandal. Wenn sich ein Deutscher wie Abi Ofarim in Deutschland nicht mehr zu Hause fühlen sollte. Brauchen wir wirklich den Hinweis auf ein einzigartiges Verbrechen, damit Juden unseren gemeinsamen Staat als ihre Heimat betrachten können? Das wäre eine Kapitulationserklärung vor unserer historischen Verantwortung. Insofern gab Melody Sucharewicz am Ende zwei wichtige Hinweise an unsere Adresse: „Das Judentum ist mehr als der Holocaust“ und Israel sollte´man nicht auf den Nahost-Konflikt reduzieren. Darüber lohnt sich das Nachdenken.

Und schließlich hatte Ofarim noch eine Erkenntnis, die sogar für die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan interessant sein könnte. „Netanjahu“, so Ofarim, „ist nicht Israel, sondern nur ein Politiker.“ Politikern kann man ein Trikot schenken, muss man aber nicht. So ist die Anerkennung von Realitäten manchmal eine einfache Sache. Wenn denn die Beteiligten wissen sollten, um welche es sich überhaupt handelt. Aber dafür sind Özil und Gündogan zweifellos tolle Fußballer, die uns in Russland hoffentlich zum Weltmeister machen. Soviel Patriotismus sollte man dann doch erwarten, selbst wenn es am Ende nicht zum Titel reichen sollte.

Quelle: FAZ.NET
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