Antisemitismus im Netz

Hass als Bild-Kachel

Von Kim Maurus
01.12.2021
, 15:45
Konflikte werden auf Instagram und Tiktok häufig kurz dargestellt – manchmal stecken sogar antisemitische Narrative hinter den Inhalten.
Sich in den sozialen Medien zu positionieren ist alles – manchmal sogar antisemitisch. Ein Bericht der Amadeu-Antonio-Stiftung warnt davor, auf Instagram und Tiktok vorschnell Inhalte zu teilen.
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Wer noch glaubt, Instagram sei lediglich eine soziales Netzwerk für schöne Fotos und Tiktok eine Plattform für lustige Videos, der hat sich dort entweder noch nie oder schon länger nicht mehr umgesehen. Als der Nahost-Konflikt im Mai 2021 abermals eskalierte, gab es etwa auf Instagram zwei Diskussionsebenen zum Thema. Die eine setzte sich auf inhaltlicher Ebene mit den Geschehnissen auseinander, die andere speiste sich aus der Frage, ob man sich dazu als unbeteiligter Mensch überhaupt äußern solle.

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Öffentliche Personen gerieten mehr und mehr unter Zugzwang. Denn je mehr Follower Influencer auf Instagram und anderen sozialen Medien haben, desto größer wird der Erwartungsdruck ihrer Anhängerschaft, sich zu aktuellen Themen öffentlich positionieren. Im Fall des Nahost-Konfliktes griffen viele reichweitenstarke Nutzer wie etwa das Topmodel Bella Hadid vorschnell zu Erklärkacheln von fragwürdigen Accounts und posteten sie in ihre Story.

Ein Bericht der Amadeu-Antonio-Stiftung warnt nun davor, dass solche Erklärkacheln nicht selten antisemitische Narrative beinhalteten. Teils werde Antisemitismus in den sozialen Netzwerken bewusst codiert verbreitet, damit die Inhalte nicht gelöscht werden, heißt es in der Publikation „Antisemitismus in der Popkultur: Israelfeindschaft auf Instagram, Tiktok und in Gaming-Communitys“.

Antisemitismus getarnt als Staatskritik

Die Autoren zogen für ihre Untersuchung exemplarisch Postings auf Instagram und Tiktok heran sowie Bespiele aus der Gaming-Szene. Die Verfasser bezogen sich dabei im Speziellen auf israelbezogenen Antisemitismus, der häufig schwerer erkennbar sei, weil er als „scheinbar legitime Staatskritik“ geäußert werde. Die Eigenschaften der sozialen Medien zwängen Nutzer dazu, politische Inhalte möglichst kompakt wiederzugeben – was teils ganz bewusst für einseitige Darstellungen genutzt werde.

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Der Bericht zählt etwa den Instagram-Account „key48return“ auf, der einen Comic postete, in dem das Wort Israel in Anführungszeichen gesetzt wurde und das Land als „Apartheidstaat“ bezeichnet wird. Am Beispiel eines Tiktok-Videos erläutern die Autoren, wie teils unpolitische Virtual- Reality-Filter verfremdet werden, in diesem Fall anlässlich des Internationalen Tags des Museums im Mai 2021, um antisemitische Botschaften in die Feeds von unerreichten Nutzern zu spülen. Auch analysieren die Autoren ein Tiktok-Beitrag vom Kanal @trtdeutsch, der deutsche Account der türkischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft TRT.

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Darin wird einer Frau, die bei Luftangriffen der Hamas vor laufender Kamera eine Panikattacke erleidet, vorgeworfen, es sei inszeniert. Der Beitrag schlussfolgert, deutsche Medien machten Gebrauch von derlei Inszenierung, um das Leid der israelischen Bevölkerung herauszustellen. Beiträge wie diese, heißt es im Bericht, machten „die antisemitische Verschwörungsideologie der ‚von Juden kontrollierten‘ Medien anschlussfähig“. Auch in der Gaming-Szene wird der Nahost-Konflikt den Autoren zufolge als Anlass genommen, um Antisemitismus zu verbreiten, etwa über Formulierungen in Aufrufen von Spenden für Organisationen mit israelfeindlichen Positionen.

Um zu erkennen, ob es sich bei Inhalten um antisemitische Botschaften handelt, empfiehlt der Bericht unter anderem den „3D-Test“ des israelischen Politikers und Wissenschaftlers Natan Sharansky. Werden Juden als „das Böse schlechthin“ dargestellt (Dämonisierung)? Werden an Israel andere Maßstäbe angelegt als an andere Länder (Doppelstandards)? Wird dem Land das Existenzrecht abgesprochen (Delegitimierung)? Wichtig sei in jedem Fall: nie vorschnell Inhalte zu teilen und den „Positionsdruck“ durch Follower zu ertragen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maurus, Kim
Kim Maurus
Volontärin.
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