Das Videospiel „Ratchet & Clank“

Hasta la vista, Baby

Von Axel Weidemann
15.06.2021
, 06:11
Flauschige Ballerorgie: Das Videospiel „Ratchet & Clank: Rift Apart“ soll zeigen, was die fünfte Generation der Playstation zu leisten vermag und setzt dabei vor allem auf Knalleffekte.

Es wird wieder bunter im Videospiel-Universum. Die bärtigen Männer, die in den vergangenen Jahren in gefährlichen Welten wortkarg ihre harte Arbeit verrichteten („God of War“, „Red Dead Redemption“, „Death Stranding“) bekommen Gesellschaft. Gemeint sind nicht ihre weniger bärtigen, an Härte aber in nichts nachstehenden Kolleginnen („Hellblade: Senua’s Sacrifice“, „NieR: Automata“, „Returnal“), sondern Gestalten, die dazu dienen, auch jüngere Zielgruppen mit Toptiteln zu versorgen.

Der Third-Person-Shooter „Ratchet & Clank: Rift Apart“ ist so ein Fall – mit einem flauschigen Protagonisten und seinem kleinen Blechkumpel. Obwohl die Spiele der Reihe, die vor neunzehn Jahren mit „Ratchet & Clank“ begann, fast schon etwas für Veteranen ist. Nur geriet das bunte Durcheinander angesichts der harten Männer und Frauen in ihren existenzialistischen Weltuntergangsszenarien, mit denen sich viele Videospiel-Redakteure vermutlich stärker identifizieren konnten, ins Hintertreffen.

Die Helden der Serie sind der Lombax Ratchet und der Roboter Clank. Der erste ist ein aufrecht gehender Katzenartiger, der ein Händchen (mit Daumen) für Maschinen besitzt und deshalb selten ohne seinen Omni-Schlüssel aus dem Haus geht, ein verstellbarer Maulschlüssel der auch hervorragend auf die Zwölf passt. Clank wiederum sollte ursprünglich ein Kriegsroboter werden, hängt nun aber meist als multifunktionaler, sprechender Blechrucksack auf Ratchets Rücken und gibt die Stimme der Vernunft. Seinen Charme verdankt er spürbar der Vorarbeit der menschelnden Droiden aus „Star Wars“.

Gefallene Superhelden, dimensionsübergreifenden Irrungen

Das Duo hat seit seinem ersten Auftritt im Jahr 2002 bereits einige haarsträubende Abenteuer bewältigt, in denen neben einem bunten Reigen an Comic-Bösewichten, gefallenen Superhelden und dimensionsübergreifenden Irrungen und Wirrungen auch ein mit der Handkurbel betriebenes Lombax-Artefakt namens „Dimensionator“ eine Rolle spielt.

Und weil alle Namen dieser Reihe eine überdeutliche Sprache sprechen, dürfte rasch klar werden, wohin die Reise geht. Oder auch nicht, denn in „Ratchet & Clank: Rift Apart“ fällt der „Dimensionator“ gleich zu Beginn in die Hände des Bösewichts Dr. Nefarius, der diesen und das gesamte Universum versehentlich beschädigt. In etwa so, als werfe man eine komplexe Glasskulptur aus dem vierzigsten Stock: Die Dimensionen liegen in Scherben, fallen über- und ineinander. Daraus generiert dieser Teil Tempo und Charme. Ergänzt wird das Duo diesmal durch ihre weiblichen Gegenstücke aus anderen Dimensionen: Rivet, eine Lombax-Dame mit mechanischer Armprothese, und Kit, eine Roboterdame, deren innere Größe nicht nur ihren Feinden gefährlich werden kann.

Wer nun meint, den Überblick verloren zu haben, muss nicht fürchten, abgehängt zu werden. Das Spiel macht den Einstieg erzähltechnisch leicht und wirft den Spieler mitten ins Getümmel. Man könnte sogar behaupten: Die Geschichte von Ratchet & Clank ist herzlich egal. Aus Sicht von Sony geht es in erster Linie darum, zu zeigen, was die heiß begehrte fünfte Generation der Playstation technisch zu leisten imstande ist. Und dafür ist die Reihe aus dem Hause Insomniac, zumindest was Bildgewalt angeht, die richtige Wahl. So brutal es klingt, Waffen und wahnwitziges Geballer sind die Kernqualitäten des vermeintlich Kinderspiels – gekleidet in das harmlose Gewand einer Zeichentrickserie à la „Phineas und Ferb“, nur mit einem gehörigen Schuss Pixar. So tritt man den liebevoll designten Gegnern – Roboter-Piraten und krokodilartigen „Halsabschneidern“ – unter anderem mit einem „Formschnitt-Sprinkler“ (Gegner verwandeln sich in Hecken), einem „Querschläger“, einem „Vollstrecker“, „Bohrhunden“, einem „Partypilz“ oder dem „Negatron Collider“ entgegen. Abgeschaut ist das riesige Arsenal vom Genre der First-Person-Shooter, gleichzeitig zieht „Ratchet & Clank“ deren Waffennarretei gehörig durch den Kakao. Rambo und der Terminator gehen im Vergleich als Friedenstauben durch.

Problematischer ist der ganze versteckte Schnickschnack, den es nebenher zu finden und zu sammeln gilt, um mit noch mehr Schnickschnack belohnt zu werden. In jeder Welt lassen sich goldene Bolzen, Rüstungsteile und Spion-Roboter sammeln, die dafür sorgen, dass die belohnungsaffinen Spieler unverhältnismäßig viel Zeit aufwenden, um den soundsovielten Bolzen auf diesem oder jenem Planeten zu finden. Oft vergebens, denn nicht selten braucht es, um die Verstecke überhaupt zu erreichen, bestimmte Gegenstände, die erst viel später freigeschaltet werden. Da hat man als Spieler jedoch längst zwanzig Minuten vergeblich versucht, den Sammelgegenstand zu erreichen. Man könnte ja was verpassen. Die ausgeklügelte Spielerführung, die hier sonst nahtlos und mit atemberaubendem Tempo gelingt, versagt hier komplett.

In Kombination mit der lästigen Belohnungsjagd und redundanten Mechaniken sind das aber auch schon die größten Schwächen des bunten Treibens. „Ratchet & Clank: Rift Apart“ erfindet die Reihe nicht neu, bietet jedoch durch sein aufwendiges Weltendesign, das durch große Wimmelbild-Panoramen besticht und in Sachen Bewegungsfreiheit ganz unterschiedlichen Spielstilen entgegenkommt, auch für Nicht-Furries die Kurzweil eines guten Videospiels.

Ratchet & Clank: Rift Apart ist für die Playstation 5 erhältlich und kostet etwa 75 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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