Tatort-Kritik

Sie hält alle in Schach, auch sich selbst

Von Axel Weidemann
28.03.2016
, 18:01
Eine schwangere Eisprinzessin mit dem Charme einer Panzerfaust –ob man mit Heike Makatsch wohl noch mehr vorhat?
Die ARD gönnt Heike Makatsch im „Tatort“ einen einmaligen Auftritt. Sie spielt eine Kommissarin, die sich knallhart gibt und alle vor den Kopf stößt. Soll das eine Fortsetzung finden?
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Ellen Berlinger ist so, wie sich ihr Kollege Nick Tschiller aus Hamburg gern gibt. Kess, kalt, hart und unfreundlich, dass es knackt. Eine Eiskönigin mit graublauen Augen. Eine Panzerfaust braucht sie nicht, um sich durchzusetzen. Sie fällt einfach so mit der Tür ins Haus. Mit einem giftigen Lächeln und erhobenem Zeigefinger vor den Lippen bedeutet sie ihrem Kollegen Hensel, der Quasselstrippe von der Spurensicherung, zu schweigen. Es ist ihr erster Tag in Freiburg, die letzten fünfzehn Jahre hat sie für das Bundeskriminalamt in London gearbeitet. Ellen Berlinger tritt auf, als wäre sie nie fort gewesen.

Bei der Arbeit macht diese Hauptkommissarin einen ganz und gar unerschütterlichen Eindruck. Vielleicht ist es aber auch die Coolness der werdenden Mutter. Die schwangere Polizistin nimmt den Leichnam eines ermordeten Mitarbeiters des Job-Centers in Augenschein, sie delegiert das eine oder andere und befragt die Kollegen des Opfers. Sie grüßt nicht, sie sagt nicht bitte, sie sagt nicht danke, sie gibt niemandem die Hand. Ellen Berlinger ist nicht nur eine Einzelkämpferin, sie ist abweisend und scheint mit Gefühlsblindheit geschlagen zu sein.

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Zynische kleine Monster beim Bio-Kiffen

Aber auch sie hat selbstverständlich eine schwache, emotionale Seite. Zu Beginn des Films sehen wir, wie sie durch einen Garten schleicht und in ein Haus späht. In diesem leben ihre Mutter Edelgard (Angela Winkler) und ihre sechzehnjährige Tochter Niina (Emilia Bernsdorf). Ellen Berlinger hat die beiden vor fünfzehn Jahren umstandslos zurückgelassen. Jetzt würde sie gerne heimkehren und wieder Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen. Doch dem steht einiges im Wege, vor allem sie selbst.

Zunächst geht es jedoch um den Fall. Der Tote hat einen Kabelbinder um den Hals. Dass dem Ersticken eine erotische Erregungskurve vorausging, erklärt der Kriminaltechniker Frank Hensel (Christian Kuchenbuch), dessen Kurzarmhemdsärmel über der Tätowierung auf dem Oberarm spannt, denkbar unverblümt. Vom Job-Center führt die Spur zu Cornelia Mai (Julika Jenkins) und ihrer Tochter Melinda (Rosmarie Röse), denen die Wohnung gekündigt werden soll, weil das Job-Center die Miete nicht überwiesen hat. Eine Kleinfamilie ohne Bleibe – wenn das kein Motiv ist.

Stichwortgeber, Deppen oder Verrückte: Männer (von links nach rechts: Holger Kunkel, Max Tommes, Christian Kuchenbuch) kommen in diesem Tatort ebenso schlecht weg wie eine Jugendclique.
Stichwortgeber, Deppen oder Verrückte: Männer (von links nach rechts: Holger Kunkel, Max Tommes, Christian Kuchenbuch) kommen in diesem Tatort ebenso schlecht weg wie eine Jugendclique. Bild: dpa

Melinda ist die nächste starke Frauenfigur in diesem „Tatort“, in dem Männer stets nur als Stichwortgeber, Deppen oder Verrückte auftauchen. Das Mädchen ist lose mit der Clique ihrer Mitschülerin Harriet Wiesler (Anna-Lena Klenke) bekannt. Die experimentiert mit einem Ohnmachtsspiel, das sie „Pass-Out-Game“ oder „Bio-Kiffen“ nennt. Dabei lassen die Jugendlichen sich würgen oder die Luft aus den Lungen drücken, bis sie zusammensacken. Die Folge soll ein Rausch sein. Werden die Männer in diesem Film als Kasper ausgewiesen, so sind diese Jugendlichen zynische kleine Monster.

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Ob man mit Makatsch wohl noch mehr vorhat?

Das Drehbuch von Thomas Wendrich stellt massenhaft Figuren vor und widmet sich Nebenschauplätzen wie der Jugendclique in aller Ausführlichkeit. So wird der Kreis der Verdächtigen erweitert, die Handlung aber rückt in den Hintergrund, und die Verknüpfung der Erzählstränge gerät äußerst spröde und umständlich. Die Regisseurin Katrin Gebbe nennt das einen „elliptischen Erzählstil“, auf den das Drehbuch hin angelegt gewesen sei. Wir würden nicht von Ellipsen reden, sondern sagen: Der Film eiert herum und verzettelt sich. Daran ändert auch die Musik von Johannes Lehniger nichts, die für ein stetiges Moment der Unruhe sorgt.

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Dafür lässt die Regisseurin Katrin Gebbe ihrer Hauptdarstellerin Heike Makatsch allen Raum, die einsame Wölfin zu geben. Sie spielt eine Frau, die im Job knallhart und professionell ist, die scheinbar perfekt funktioniert, keine Schwächen zeigt, der aber genau das allmählich zur Last fällt. Dass diese Hauptkommissarin auch noch schwanger sein muss, ist eigentlich etwas zu viel des Guten, hat aber vielleicht besonderen Hintersinn: Die Exposition der Figur mit all ihren Besonderheiten und Schwierigkeiten – mit der Coolness im Job, der Familie, die sie zurückließ, und dem Kind, das sie bekommt – könnte darauf hindeuten, dass der Südwestrundfunk mit Heike Makatsch im „Tatort“ mehr vorhat als dieses eine Gastspiel, um das im Vorhinein ein ziemliches Gewese veranstaltet wurde.

Doch sollte sich der Sender im Fall der Fälle um eine bündige Inszenierung und um ein Buch bemühen, das nicht derart zerfasert. Und auch wenn sich die „Tatort“-Zuschauer in diesem Format so gut wie alles gefallen lassen, sollte die ARD insgesamt im Blick behalten, dass diese Krimireihe nicht zum Star-Vehikel wird, zu dem der „Tatort“ mit Til Schweiger in Hamburg zu werden droht, dessen letzte Episode bekanntlich unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit im Kino lief. Abgesehen davon, geht in Freiburg ja demnächst schon ein anderes, vielversprechendes Team an den Start - mit Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner und Harald Schmidt als Kriminaloberrat im „Tatort Schwarzwald“. Oder sind diese Kriminalermittler nur aus dem Grund an „unterschiedlichen Orten der Region“ zugange, wie es in der Ankündigung hieß, weil es in Freiburg eine neue Kollegin gibt? Das wäre ganz schön viel Mord und Totschlag im Südwesten.

Der Tatort. Fünf Minuten Himmel läuft am Ostermontag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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