Heino Ferch im Gespräch

„Das reißt einem die Seele raus“

Von Jörg Michael Seewald
10.01.2014
, 14:17
Heino Ferch spielt fürs ZDF den Psychologen Richard Brock. Der hat es mit den übelsten Fällen zu tun. Da ist eine zurückhaltende Spielkunst gefragt. Genau darauf versteht er sich.

In „Zauberberg“, der neuen Folge von „Spuren des Bösen“, geht es um ein entführtes Mädchen und um Erpressung. Dem von Ihnen gespielten Psychologen Richard Brock schauen wir in diesem Fall tiefer in die Seele als je zuvor.

Wenn Regisseur und Kameramann entsprechend dicht dran sind, schaue ich durch die Augen nach innen. Dann wirkt reduziertes Spiel vielleicht noch drastischer. Gerade bei so einer Geschichte muss ich gedanklich genau da sein, wo ich gerade bin. Im Augenblick des Spiels bin ich Brock. Ich kann gar nicht anders. Das kostet viel Kraft. Beim „Zauberberg“ gibt es zwei Szenen, in denen ich mich richtig zusammenreißen musste, in der Figur zu bleiben und nicht das eigene Gefühl als Vater zuzulassen, meine eigene Emotionalität.

Seit 1998 vergeht fast kein Jahr ohne Preis für Sie. Haben Sie eine Erklärung?

Na ja. 2013 war ich mehrfach nominiert und habe nichts bekommen. Aber das tritt natürlich alles in den Hintergrund, weil im November unser Sohn Gustav auf die Welt gekommen ist. Das ist der größte Preis, den man kriegen kann. Ich denke, wichtig war, sich treu zu bleiben, dass ich mich nicht schon vor zwanzig Jahren in eine Situation gebracht habe, Sachen zu machen, zu denen ich nur mit Magenschmerzen „ja“ gesagt hätte.

Haben Sie das bewusst so verfolgt?

Ich bin den klassischen Weg gegangen: Mit fünfzehn bin ich von der Reckstange auf die Bühne gestellt worden. Dann habe ich nach dem Abitur die Aufnahmeprüfung in Salzburg gemacht und ganz klassisch studiert. Ich spielte in Berlin Theater, und dann kamen erste Fernsehrollen. Es hat sich vieles ergeben. Ich hatte viel Glück, aber ich habe auch investiert und die Geduld, Durststrecken durchzustehen. Ich habe ein ganz gutes Händchen dafür gehabt, was nötig und was möglich ist. So hat sich das Stück für Stück sehr kontinuierlich aufgebaut. Ich war ja nicht der Shootingstar mit fünfundzwanzig.

Sie waren erst Turner, wurden dann Schauspieler. Was reizt Sie an dem Beruf?

Sechzig Sekunden vor Publikum zu turnen, dieses Nur-im-Moment-Leben, ist vergleichbar mit der Situation, wenn die Klappe geschlagen wird: in diesen Minuten an nichts anderes denken. Das ist wie Urlaub von sich selbst, wenn der Vorhang auf- und das Licht angeht. Das ist die Faszination.

Reicht Talent oder braucht es auch andere Qualitäten?

Ich hatte Regisseure, die gern mit mir arbeiteten. Ich glaube, eine soziale Kompatibilität gehört in großem Maß dazu. Man muss auch erkennen, wo man gemocht und was einem zugetraut wird. Ich hatte zum Beispiel in den Neunzigern eine Zeit, in der der Regisseur Uwe Janson mehrere Filme mit mir gemacht hat. Daraus entstand eine schöne Freundschaft. Man merkt, mit welchen Leuten man immer wieder zusammenarbeitet. Ich bin ein Mensch, der Lust zum Arbeiten braucht. Vor einem Jahrzehnt bin ich der Event-Mann von Sat.1 gewesen: „Der Tunnel“, „Die Luftbrücke“, „Das Wunder von Lengede“ und „Schliemann“. Das waren große Sachen, die Spaß gemacht und ein großes Publikum bewegt haben. Irgendwann habe ich mich da aber nicht mehr gesehen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich stelle mich nicht über die Formate und sage: Ich mache das prinzipiell nicht. Obwohl es sicher Rollen gibt, die ich nicht spielen möchte, zum Beispiel Kinderschänder.

Warum?

Wenn man selbst Kinder hat, dann kann man das nicht abrufen. Das reißt einem die Seele raus. Gott sei Dank muss ich das nicht spielen.

Die Geburt Ihres Sohnes Gustav hat Ihr Leben verändert?

Die Erweiterung der Familie mit Gustav bedeutet für mich, dass ich sie alle noch mehr vermisse, wenn ich wegmuss zu Dreharbeiten. Ich habe im vergangenen Jahr nur fünfzehn Tage in München gearbeitet, alles andere fand in Wien, Hamburg, Berlin und im Ausland statt. Diese Trennungen fallen schwer.

Sie haben über Durststrecken gesprochen. Wann waren die?

Die erste große emotionale Durststrecke kommt, wenn Sie auf der Schauspielschule sind, mit neunzehn oder zwanzig Jahren. Sie glauben, Sie können alles, und dann kommt der Punkt, dass Sie sich überlegen: Interessiert sich überhaupt jemand für mich, sind die, die mich aufgenommen haben, überhaupt repräsentativ? Da setzen die ersten Selbstzweifel ein. Der Professor hat damals gesagt: Leute, ihr müsst zu tausend Prozent an euch glauben, damit hundert Prozent passiert.

Kann es sein, dass Ihnen die turnerische Disziplin im Beruf hilft?

Absolut. Die Geduld des Turnerdaseins in meinen Jugendjahren, dass, wenn man auf die Schnauze fällt, sich weh tun kann und dann doch wieder hoch muss und das Ganze noch einmal probieren - das ist eine Disziplingeschichte, die in einem drin sitzt und sagt: keep calm and carry on.

Davon profitiert auch der „Spur des Bösen“-Regisseur Andreas Prochaska.

Er ist ein extrem guter Regisseur. Ich war jetzt nominiert für den Auslands- „Emmy“ als bester Schauspieler international in New York und er für die Kategorie „Bester Film“, und er hat ihn auch bekommen für „Das Wunder von Kärnten“. Er belastet die Figuren nicht mit Bewertungen. Mit Martin Ambrosch als Autor und dem Kameramann David Slama bilden wir ein Quartett, von dem ich nach dem zweiten Film sagte: Ich möchte, dass das so beisammenbleibt. Mit denen verstehe ich mich super. Der „Zauberberg“ ist nun ein Highlight einer Reduktion an Mitteln und einer ungeheuren Dichte.

Und schauspielerischer Klasse.

Ich habe versucht, die Genauigkeit noch einmal auf den Prüfstand zu stellen: Wie wenig ist nötig, um diese Geschichte schnörkellos, geradlinig, jenseits von Eitelkeiten zu erzählen, und zwar am Semmering, dieser Indian-Summer-Shining-Ecke Österreichs mit ihrer Kammerspieldichte? Das ist in dem dritten „Spuren-des-Bösen“-Film ein sehr schöner Höhepunkt geworden. Martin Ambrosch ist ein Autor, der sich sehr gut mit psychologischen Abnormitäten auskennt. Generell hieß es für mich: pur sein, gerade sein, offen sein, zuhören und reagieren, mit großem Vertrauen in dieses Trio.

Spuren des Bösen. Zauberberg läuft am kommenden Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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