Fernsehfilm „Spuren des Bösen“

Seine Wege sind Gedankengänge

Von Ursula Scheer
29.02.2016
, 17:18
Heino Ferch bekommt es als Psychologe Richard Brock mit einer üblen Sekte zu tun. Menschen mit vermeintlich hohen Idealen scheinen hier die niederträchtigsten Verbrechen zu begehen.

Nur dreimal geschieht etwas, das den Puls des Zuschauers für Sekunden in die Höhe treiben könnte: Ein Mann bedroht einen anderen mit einer Pistole, der läuft fort. Ein Mann wird zu Boden gerissen, es ist ein großer Schrecken, in einem Moment gefühlter Sicherheit. Wieder ein anderer wird in den eigenen vier Wänden überfallen, der maskierte Angreifer trägt einen Hammer in der Faust. Drei Schockmomente also durchstoßen den fünften Film um den Polizeipsychologen Richard Brock, die ganze weite restliche Strecke über erleben wir vor allem, wie es in dem abermals von Heino Ferch verkörperten Brock arbeitet – was naturgemäß ein unsichtbarer Vorgang ist.

Also sehen wir Brock gehen, den grauen Wollmantel gegen die Einsamkeit umgelegt. Wir sehen ihn von vorne, von hinten, von der Seite auf seinen Wegen, die doch eigentlich Gedankengänge sind, von einem Zugang zur Seele seines Gegenübers zum nächsten. Wir sehen ihn am Morgen nach einer Nacht mit zu viel Whisky und Hasch auf der Matratze in seiner immer noch nicht möbilierten Wohnung, in Verhörzimmern, unter Kommunarden, neben einer blutüberströmten Leiche und bei Kohlrouladen in seinem „Kaffee Urania“.

Immer ist es düster, mal eher grau, mal eher blau, während die Umrisse zweier Verbrechen sichtbar werden und eines Finales, das Recht und Gerechtigkeit unmöglich macht. Dass man trotz der ausgestellten Ereignisarmut und Bedächtigkeit, mit der sich das Geschehen entfaltet, immer weiter zuschauen mag, wäre ohne einen Schauspieler wie Heino Ferch und einen Kameramann wie David Slama schwer vorstellbar.

Die Kamera sitzt den Figuren im Nacken

Wie Slama aber unter der Regie von Andreas Prochaska die Hauptfigur immer neu rahmt, ihr folgt, sie ins Licht treten lässt oder aus diesem heraus, wie er Begegnungen aus der Distanz als symmetrische Konfrontationen einfängt oder Schuss um Gegenschuss den Charakteren im Nacken sitzt oder über einem düsteren, unpostkartenhaften Wien schwebt, schafft eine bestechende atmosphärische Dichte. Atmosphäre aber und präzises, minimalistisches Spiel, wie es Heino Ferch hier beispielhaft vorträgt, sind alles in den nur im Jahrestakt produzierten Folgen von „Spuren des Bösen“. So auch in der jüngsten Episode „Liebe“.

Eine Bluttat aus Eifersucht scheint am Beginn von Brocks Ermittlungen zu stehen. Einer seiner alten Schulkameraden (Hary Prinz) hat sich mit einer Waffe zu Hause verschanzt, alles deutet darauf hin, dass er seine Frau erstochen hat. Nur mit Brock will er reden, nur er wagt sich zu dem vermeintlichen Täter hinein, einem Ich, das nicht Herr im eigenen Haus ist, und weist ihm den Weg nach draußen. Innen und Außen, das sind die beiden Pole, zwischen denen der Drehbuchautor Martin Ambrosch Brock pendeln lässt, auf der Suche nach der Wahrheit. Sie führt zu einer Kommune, die sich „Eden“ nennt, aber in fabrikmäßig anmutenden Hallen wohnt. Drei Männer, zwei Frauen, die alles teilen wollen, Liebe, Leben, Geld. Wobei das Geld ursprünglich nur einem gehörte, dem Baumarkterben Konstantin (Christoph Luser). Von ihm war die Tote schwanger. Brock sieht ein Kainsmal auf seiner Stirn. Doch Konstantin hat ein Alibi.

Bis in die Nebenrollen hinein exzellent gespielt, tastet sich „Liebe“ zu einer Antwort auf die Frage vor, ob hier Menschen im Namen ihrer vermeintlich hohen Ideale die niederträchtigsten Verbrechen begangen haben. Der Weg zur Lösung folgt nicht der Logik. Am Ende ist dennoch alles schlüssig, selbst wenn es unbegreiflich bleibt.

Trailer
„Spuren des Bösen: Liebe“
© ZDF, ZDF

Spuren des Bösen. Liebe läuft an diesem Montag, 29. Februar, um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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