Schwarzwald-Krimi im ZDF

Dreimal schwarzer Kater

Von Oliver Jungen
04.01.2021
, 10:45
Ganz kleines Hexeneinmaleins: Das ZDF vergruselt in „Waldgericht“ mit Jessica Schwarz den Wald, und alle Erdgeister dürfen protestieren.

Wann ging bloß der Zauber flöten? Wann ist dem Land Fausts und der Gebrüder Grimm das Gespür für das Märchenhafte abhandengekommen? Ins Straucheln gerät man hierzulande schon bei der Neuverfilmung altbekannter Sagen, wie uns zu Weihnachten wieder demonstriert wurde. Neues zu ersinnen aber scheitert meist noch kläglicher, weil man Mythos heute gern mit „Mystery“ übersetzt und als Freibrief für wirren Hokuspokus versteht. Wenn man im ZDF-Zweiteiler „Waldgericht“ Jeanette Hain als kolkrabengermanische Beschwörerin der Erdgeister auf einer Burgruine inmitten schwarzfelliger Haustiere Schadenszauber anrichten sieht, wobei sie Runen schnitzt, chinesische Weisheiten brabbelt („Gedenke der Quelle“) und Rilke (falsch) zitiert – samt Zeigefinger-Hinweis, dass es sich um Rilke handelt –, dann wünscht man sich beinahe jene Jeanette Hain zurück, die eine gute Woche zuvor in verwechselbarer Garderobe als im Forst hausende „Hüterin der Luftgeister“ das entzauberte ARD-Märchen „Der starke Hans“ durchflatterte.

An eine der besten jüngeren Annäherungen an den Mystery-Krimi mit Regionalaroma, die Serie „Weinberg“, erinnert in „Waldgericht“ nur der Einstieg: Hing dort eine Weinkönigin tot über den Reben, steckt hier ein Obstbauer als Vogelscheuche kopfüber in seinem Apfelwiesenberg. Dann wird es immer alberner. Dabei ist die ZDF-Produktion vorzüglich gefilmt. Regisseur Marcus O. Rosenmüller und Kameramann Stefan Spreer halten sich dicht ans Geschehen. Dynamisiert wird das in den Waldszenen durch eine Handkamera im „Blair Witch Project“-Stil; jedes Handy würde klarere Bilder liefern. Erst mit der schwarzen Hexe hebt sich der Blick, schiebt sich hinter der Ruine, die als mittelalterlicher Richtplatz mit magischen Kräften firmiert, der mythenreiche Schwarzwald ins Bild. Visuell stimmt es hier auch sonst, sosehr die Szenen in einer Gerberei an ein Freilichtmuseum denken lassen.

Klebrige Erdklumpenschwere

Es ist das Buch von Anna Tebbe (ein Pseudonym der Produzentin und Autorin Annette Reeker), das dem Film seine klebrige Erdklumpenschwere verleiht. Es versammelt auf engem Raum so viele Motive, Klischees, unglaubwürdige Figuren und Legenden-Hinweise – gern durch einen drögen Archivar, den David Zimmerschied in Halbbrillen-Verkleidung mimt –, dass sie einander auch noch gegenseitig die Wirkung nehmen. Überwölbt wird die Melange von Verwandlungskitsch: deshalb ja Rilke. Ein verschüchterter Vierzehnjähriger (Arved Friese), der Sohn von Kommissar Konrad Diener (Max von Thun), eben noch auf Schritt und Tritt gemobbt, reift über Nacht im Wald – hex hex – zum Alpha-Jugendlichen. Ein in Deutschland aufgewachsener, vom (eingangs in den Boden gerammten) Bio-Obstbauern ausgepeitschter, kindlich abergläubischer Flüchtling – die einzige Rolle für einen Nichtweißen (Bless Amada), und dann eine solche! – besiegt, berührt von der schwarzen Fee, seine Angst, nur um freudig der Abschiebung entgegenzusehen: „Ich weiß jetzt, wo ich hingehöre. Ich denke wie ein Deutscher, aber fühle wie ein Afrikaner. Und ich will endlich begreifen, wo meine Wurzeln sind.“ Da kippt Psychokitsch aus Unbeholfenheit in Zynismus.

Am besten ist das Buch noch da, wo es am allerklassischsten wirkt: bei der Krimihandlung. Es erwischt nach dem Sklavenhalter vom Apfelhof noch einen Gerber, der in der eigenen Lauge ersäuft, und einen Feuerwehrmann, der lebendig verbrennt. Allesamt keine liebenswerten Gesellen. So steht die Frage im Raum: Wurden sie verflucht? Oder gar – gedenke des Titels – „gerichtet“? Letzteres glaubt Kommissarin Maris Bächle (Jessica Schwarz), die als Kind nicht nur einige Jahre im Wald lebte, wie wir aus dem Reihenauftakt vor mehr als anderthalb Jahren wissen (auch damals stand mit Tebbe und Rosenmüller das Team der Nele-Neuhaus-Verfilmungen dahinter), sondern auch – das zeigen gefühlige Rückblenden – ihre eigene Historie mit dem kuriosen Waldweiblein hat. Ihr (Wahl-)Vater (Peter Prager) ist ebenfalls wieder mit von der Partie; er zupft sich auf der E-Gitarre zurück in seine Jugend als Dorfrocker.

Auch diesmal nämlich gibt es ein sich Schicht für Schicht entbergendes Geheimnis – ein zurückliegendes Verbrechen, das Auswirkungen in der Gegenwart hat. Anders als im vorangegangenen Zweiteiler, der vor allem mit der in Rückblenden erzählten Binnenhandlung aus dem Jahr 1945 punktete, wird der Rachekrimiradius hier trotz allen Spiegelscherben-Abrakadabras kaum über das Übliche hinaus ausgedehnt.

Dass die Kernhandlung aus den Augen gerät, liegt an den Nebensträngen und blassen Seitenfiguren – darunter Dieners Frau, eine Rechtsmedizinerin (Rike Schmid), und ihr für Dialekt-Kolorit zuständiger Vorgesetzter (Robert Schupp) –, aber auch an dem mutlos wirkenden Unterfangen, alles mit den Mythen des Schwarzwalds zu verquicken, nur um das Sagenhafte als falsche Fährte zu entlarven. Was bleibt, ist ein Postkarten-Krimi mit touristischer Sagen-Führung bei Vollmond. Dass dunkle Mächte weniger zu fürchten sind als selbstherrliche Räuber, wusste freilich schon der starke Hans, aber dem war es ja auch nicht darum zu tun, dem teutonischen Mystery-Thriller-Genre neuen Lebensodem einzuhauchen. Die Erdgeister werden toben vor Wut in ihren Höhlen.

Waldgericht – Ein Schwarzwaldkrimi läuft an diesem Montag und Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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