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„Das Geheimnis der Freiheit“

Stahlharte Verbiegungen

Von Oliver Jungen
 - 18:18
Sie hatten etwas zu besprechen: Golo Mann (Edgar Selge, links) und Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf)

Berthold Beitz war gewarnt. Als Historiker sei er der Wahrheit verpflichtet, sagte Golo Mann dem Industriellen ins Gesicht, zumindest in der Version ihres ersten Zusammentreffens, die Sebastian Orlac erzählt. Freilich hatte Mann schon 1973 mit seiner Degussa-Rede gezeigt, dass er Bögen um Schuldverstrickungen zu schlagen wusste. So überredete Beitz den Historiker im Frühjahr 1974, eine Biographie über „den letzten Krupp“ zu verfassen, über Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, jenen verurteilten Kriegsverbrecher, der den „Judenretter“ – Hunderte Zwangsarbeiter waren in Polen durch Beitz’ Unabkömmlichkeitserklärungen vor der Deportation gerettet worden – im Jahr 1953 zum Generalbevollmächtigten ernannt hatte. Nach dem Tod seines Gönners übernahm Beitz 1968 den Vorsitz der das Familienvermögen verwaltenden Krupp-Stiftung, 1970 den des Aufsichtsrats.

Apart ist der Einfall Orlacs, Beitz (nach einem umwegigen Einstieg in den Film) die Sympathie Golo Manns, des ewigen Sohns, dadurch gewinnen zu lassen, dass er ihm gesteht, „noch nie etwas von Thomas Mann gelesen“ zu haben. Dass der sympathische Selfmade-Wirtschaftsboss dann nachschiebt, „ehrlich gesagt noch nie ein Buch gelesen“ zu haben, was von fern an Donald Trump erinnern mag, zeigt bereits, dass dieses Biopic auf den alten Geist-Macht-Gegensatz zielt, ohne den Figuren ihre Ambivalenzen nehmen zu wollen. Gegen die leicht plakative Regie des so erklärungs- wie ausstattungsverliebten Dror Zahavi ließe sich einwenden, dass Beitz auf Golo Mann wohl kaum deshalb gekommen ist, weil seine Frau dessen „Wallenstein“ als Ferienlektüre eingesteckt hatte. Sven-Eric Bechtolf als grandios energetischer Charismatiker-Manager und Edgar Selge als gestrandet wirkender, von Beitz’ widersprüchlichem Charakter angezogener, aber selbstbewusster Golo Mann, dem er so gar nicht ähnlich sieht, aber den er perfekt zu verkörpern weiß, lassen uns solche Petitessen jedoch sogleich vergessen. Das Duell zwischen dem wortreichen Schweiger und dem stillen Enthüller, die freilich einiges gemein haben, ist allein schon schauspielerisch ein Genuss.

Eine unpassende Aura

Orlacs Buch erzählt parallel, wie Beitz das angeschlagene Unternehmen durch die siebziger Jahre bringt – unter anderem mit einem großen Iran-Deal, was nach dem Sturz des Schahs zu Problemen führte – und wie sich der Historiker windet, die dröge Industriellenvita in den Griff zu bekommen. Dass wir ihn dabei im (letzten) Elternhaus in Kilchberg sehen, wenn auch nicht am Originalschauplatz, ist folgerichtig. Unaufdringlich bleiben die Hinweise auf Golo Manns Homosexualität. Trotzdem hätte der Homestory-Anteil noch kleiner ausfallen dürfen. Leider sind auch sonst Plattitüden, Fernsehfilm-Klischees und Redundanzen zu konstatieren, etwa depperte Konkurrenten, ein unmotivierter Auftritt Erich Honeckers (Axel Wandtke) oder das von der Handlung gänzlich gelöste Abbügeln des unter den Nationalsozialisten beliebten Malers Paul Mathias Padua (Hansjürgen Hürrig) durch Beitz, den Golo Manns Einfluss offenbar dazu bewogen haben soll, (eigene) Tabus zu brechen.

In einer der Standardszenen sehen wir den Autor inmitten zerknüllt herumliegender Buchanfänge an der Schreibmaschine sitzen, bis ihm Mutter Katia – hier von Erni Mangold als demente Ruine ihrer selbst gespielt – mit einem Hinweis auf den Vater die richtige Idee eingibt. Kaum origineller wirken die quälenden Traumgesichte, die Beitz heimsuchen und ihn, weil er „nur ein paar“ Menschen retten konnte, mit der Yad-Vashem-Auszeichnung zum „Gerechten unter den Völkern“ hadern lassen. Unerklärlich ist schließlich, warum das großbürgerliche Anwesen der Krupps nicht als Schauplatz fungiert. Hier erhält die Villa Hügel einen Einschlag ins westfälisch Barocke und Phantastische: Das gewaltige Schloss Nordkirchen als Außenkulisse verleiht dem Film eine unpassende „Downton Abbey“-Aura; die groteske Drachenburg in Königswinter muss wieder einmal für die Innenaufnahmen herhalten. Entschieden zu kurz kommen interne Spannungen in der Familie Krupp, obgleich der zum Erbverzicht gedrängte Jet-Set-Sohn des Patriarchen, Arndt von Bohlen und Halbach (Anian Zollner), einen eindrücklichen Auftritt hinlegt. Auch die wachsende Empfänglichkeit Golo Manns für Law-and-order-Ideen wurde nicht abgebildet. Zu komplex durfte es dann doch nicht werden. Eine gebrochene Figur ist Selges Charakter aber auch so, voller Hass auf Vater, Mutter und die eigene Schreibkrise.

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„Das Geheimnis der Freiheit“

In der Tat muss man zugestehen, dass sich der brave, teils kitschige Film in den besseren Momenten nicht nur über das zeitgeschichtlich Atmosphärische (Helmut Schmidt, Jürgen Ponto, Miniröcke und Koteletten), sondern auch über das Biographische erhebt und die Geschichte einer ungleichen Allianz und Beinahefreundschaft als anregend offenes, mit historischer Erfahrung gesättigtes Dialogdrama erzählt. Die Gespräche zwischen Beitz und Mann rühren an Grundfragen in Nachkriegsdeutschland: Wie nur je wieder frei werden von solcher Schuld? Wie nur weitermachen nach diesem Zusammenbruch? Wehrhaft werden, ist der eine Antwortversuch; den Dialog mit der eigenen Vergangenheit suchen, hält der Intellektuelle dem entgegen. Das geplante Buch selbst wird zwischen den konträren Auffassungen zerrieben. Mit einem Schlagabtausch über das Perikles zugeschriebene Zitat vom Mut als Geheimnis der Freiheit, das eigentlich von seinem Biographen Thukydides stammt und auf Kriegstauglichkeit abzielt, führt Dror Zahavi diese Ebene des Films elegant zum Abschluss.

Die Entrüstung Golo Manns bei Abbruch des Projekts – die abgelieferten Passagen waren nicht im Sinne des Auftraggebers – hat man hingegen dramaturgisch zugespitzt. Der echte Golo Mann, so deutet es sein Biograph Tilmann Lahme an, war bei aller Verwirrung wohl eher erleichtert. Es sei so gewesen, heißt es in einem Brief des Autors, den Lahme zitiert, „dass ich aus dem letzten Krupp, der nicht bös, aber eine ziemliche Null war, den Helden nicht machen konnte, den (Beitz), in eigentlich rührender Vasallentreue, in ihm sehen wollte“. Der Historiker war kolossal und lukrativ gescheitert, aber wichtiger scheint zu sein, dass selbst Machtmenschen 1981 nicht mehr mächtig genug waren, sich eine eigene Wahrheit leisten zu können. Nur Stille konnten sie noch kaufen.

Das Geheimnis der Freiheit läuft an diesem Mittwoch, 15. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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