Im Fernsehen: „Der Turm“

Es spielt überall, nicht nur in Dresden

Von Andreas Platthaus
03.10.2012
, 14:59
Ein Triumph der Adaption: Christian Schwochow verfilmt den Roman „Der Turm“ von Uwe Tellkamp. Das Ergebnis ist eine jener seltenen Sternstunden des Fernsehens.

Es ist paradox: Ein aufwendiger Fernsehfilm läuft zur besten Sendezeit, und doch muss man Sorge haben, dass ihn nur wenige sehen. Gibt es also gute Gründe, an diesem Mittwochabend auf die Champions League zu verzichten und sich stattdessen den ersten Teil der Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ im Ersten anzusehen? Ja, es gibt Dutzende solcher Gründe, und sie alle zu nennen würde die Grenzen dieses Textes sprengen. Darum nur die wichtigsten, damit klarwird, womit man es bei der zweiteiligen Literaturverfilmung (die Fortsetzung folgt schon am Donnerstag) zu tun hat: mit einem der bemerkenswertesten Ereignisse im deutschen Fernsehen.

Der Turm“ erschien 2008, gewann den Deutschen Buchpreis und verkaufte sich seitdem mehr als eine halbe Million Mal. Das ist erstaunlich genug für ein Buch, das fast tausend Seiten hat und alles andere als leicht zugängliche Lektüre bietet. Tellkamp, der darin, stark autobiographisch grundiert, eine Dresdner Familiengeschichte aus den Jahren 1982 bis 1989 erzählt, hat sich nicht darauf beschränkt, die DDR in ihrer finalen Agonie minutiös aus der privaten Sicht von drei Protagonisten - des Chirurgen Richard Hoffmann, seines Sohnes, des Schülers und späteren Armeeangehörigen Christian Hoffmann, und seines Schwagers Meno Rohde, der als Verlagslektor arbeitet - zu beschreiben.

Der Schriftsteller hat darum herum ein Erzählnetz gewoben, das eine psychologische Phantastik bietet, die der DDR des Romans den Status eines untergehenden dunklen Märchenlands zuschreibt - im zweifach übertragenen Sinne: einmal im Stil einer an Hauffs Kunstmärchen geschulten Romantik und dann insoweit, als Fluss-, Wasser- und Flutmetaphern von Beginn des Romans an die quecksilbrig-giftige Beweglichkeit jener Zeit beschwören.

Ein Anfang mit Humor

Was macht nun die Verfilmung mit dieser Vorlage? Zunächst einmal macht sie alles anders. Wer morgen den ersten Teil versäumen sollte, verpasst ein geradezu burleskes Vergnügen, denn „Der Turm“ als Film setzt gleich hinter die auf proustsche Weise inszenierte Auffahrt von Christian Hoffmann mit der Standseilbahn zum Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch die unvergessliche Szene eines Weihnachtsbaumdiebstahls, die im Buch erst viel später erreicht wird.

Kein Familienfest also zum Auftakt, wie Tellkamp es zur Vorstellung seines Ensembles episch ausführt, stattdessen ein pointierter, fast satirischer Einstieg, der die Protagonisten gleichsam spielerisch und sehr witzig vorstellt. Und zugleich auch einen im Buch nur latenten Grundkonflikt explizit macht: den zwischen Staat und Religion. Die bürgerliche Familie Hoffmann findet im Film viel mehr Rückhalt in der Kirchgemeinde als im Buch. Dadurch aber wird auch der moralische Aspekt des Ehedramas, das sich zwischen Richard und seiner Frau Anne abspielt, weitaus schärfer konturiert als im Roman.

Mit sicherem Gespür für die optischen Mittel

Uwe Tellkamp hat im Gespräch mit dieser Zeitung den Drehbuchautor Thomas Kirchner für dessen Leistung hervorgehoben. Ihm gebührt tatsächlich noch vor dem Regisseur Christian Schwochow und den beiden Produzenten Nico Hofmann und Benjamin Benedict höchstes Lob. Wie er die tausend Seiten „Turm“ notgedrungen (trotz insgesamt drei Stunden Sendezeit) verknappt hat und trotzdem etliche Motive, die im Buch nur versteckt oder gar nicht ausgebreitet werden, in den Mittelpunkt rückt, das beweist ein profundes Verständnis des Unterschieds zwischen literarischer und filmischer Narration.

Ob es die ambivalente Liebesbeziehung zwischen Christian und seiner Mitschülerin Reina ist, der dienstliche wie private Absturz von Richard Hoffmann nach seinem Stasi-Sündenfall, die subtil sich steigernde Faszination von Meno Rohde für die von ihm betreute Schriftstellerin Judith Schevola - Kirchner hat ein Gespür für das, was durch Blicke, Gesten, Konstellationen, also optische Mittel, erzählt werden kann. Genauso wie Uwe Tellkamp ein Gespür hat für das, was man nur beschreiben kann. Seine irreale tropische Flusswelt bei Dresden, die in ihrer Opulenz ganz Kopfgeburt ist, wurde in der Verfilmung deshalb konsequent ausgelassen.

Wie auch jedes Dresdner Lokalkolorit, das man im Gegensatz zur Phantastik des Romans ganz leicht hätte filmisch darbieten können, aber auf Vor- und Abspann beschränkt hat, die jeweils das berühmte Elbpanorama bieten. Nur der Dresdner Hauptbahnhof bekommt als markanter Ereignisort am Schluss des zweiten Teils einen großen Auftritt: in einer Massenszene, die die dramatische Nacht zum 5. Oktober 1989 nachstellt, als 20.000 Menschen die Durchfahrt der Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen dazu nutzen wollten, ihre eigene Ausreise zu erzwingen. Es ist eine bewegende Sequenz, die sich in geschickt montierten Parallelhandlungen bis zum Aufeinanderprallen von Staatsgewalt und Bürgerprotest im und um den Bahnhof steigert. Die Bilder des Kameramanns Frank Lamm haben eine solche inszenatorische Qualität, dass man an Dokumentaraufnahmen glauben möchte.

Vom Mitläufer zum Verweigerer

Solche zeithistorischen Ereignisse sind Anker im großen Familienepos „Der Turm“, und die ARD hat gut daran getan, im Anschluss an den ersten Teil der Verfilmung noch eine eigens gedrehte Dokumentation ins Programm zu nehmen, in der Jan N. Lorenzen eine Dreiviertelstunde lang daran erinnert, vor welchem Hintergrund sich die Ereignisse des Romans abspielen. Dass darin bevorzugt die Schauspieler der „Turm“-Verfilmung zu Wort kommen, erweist sich als Stärke.

Denn sie haben aus eigener Erfahrung etwas zu erzählen. Nahezu ausnahmslos nämlich handelt es sich beim Ensemble um Schauspieler, die selbst im Sozialismus aufgewachsen sind: von Götz Schubert als Meno, der in Pirna geboren wurde, über Claudia Michelsen als Anna, die aus Dresden stammt, und die in Stralsund geborene Nadja Uhl, die Richard Hoffmanns Geliebte Josta spielt, bis zu der im russischen Kasan geborenen Valery Tscheplanova als Judith Schevola und dem Dresdner Jan Josef Liefers, der Richard Hoffmann spielt und im wahren Leben am 4. November 1989 als Künstler zu den Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz gesprochen hat.

Nur der erst 1985 geborene Sebastian Urzendowsky kann solche Erfahrungen nicht für sich in Anspruch nehmen. Doch gerade er verleiht der Hauptfigur Christian (die mit ihrem Autor Tellkamp etliche biographische Stationen teilt) nicht nur deshalb eine beeindruckende Präsenz, weil er die Entwicklung des jungen Mannes vom eher naiven Mitläufer in der Schule zum desillusionierten Verweigerer in der Armee durch subtile Änderungen in Gestus und Artikulation anschaulich macht, sondern es hat etwas geradezu Gespenstisches, wie sehr Urzendowsky, der im ersten Teil noch mit lockiger Frisur auftritt, nach dem Eintritt in die Armee, als man ihm die Haare schert, Uwe Tellkamp gleicht. Selbst die Augen scheinen dunkler, intensiver geworden zu sein.

Eine Korrektur im Sinne des Autors

Ähnlich beeindruckend ist die Entwicklung von Anne Hoffmann in Claudia Michelsens Interpretation. Im Roman noch eher Nebenfigur, schiebt sie sich im Film mehr und mehr in den Mittelpunkt: nicht mehr nur ruhender Pol wie im Buch, sondern eine Handelnde, die einzige wirklich Aktive im Familienverbund. Somit wird sie zum Kraftzentrum der Verfilmung, und der Ehebruch ihres Mannes bekommt über die moralische Verfehlung hinaus den Charakter eines existentiellen Vergehens.

So ist „Der Turm“ als Film auch die Geschichte der Höllenfahrt des Richard Hoffmann und des Aufstiegs der im Roman eher beiläufig abgehandelten Anne - ein privates Drama im großen politischen. Dass der Drehbuchautor Thomas Kirchner damit ein Defizit korrigiert, das Uwe Tellkamp mittlerweile selbst erkennt und in der gerade entstehenden Fortschreibung des „Turms“ korrigieren will, zeigt, wie genau der Film seine Vorlage verstanden hat, ohne sich in Epigonalem zu erschöpfen.

Der entscheidende Unterschied zwischen Roman und Verfilmung ist dieser: Das Buch „Der Turm“ ist ein Werk, das neben seinem Personal die Welt beschreibt, die es bevölkert - als eine befremdende Welt. Der Film „Der Turm“ setzt nun ganz auf die Akteure, und sie lassen die Welt, in der sie leben, vergessen, weil ihre Handlungsweisen Gültigkeit über die konkrete Situation der achtziger Jahre in der DDR hinaus besitzen. Das ist das größte Faszinosum des Zweiteilers: dass „Der Turm“ nun sichtbar wird nicht mehr nur als Epochenroman, sondern als Aussichtspunkt auf das, was wir Conditio humana nennen.

„Der Turm“ läuft in zwei Teilen am 3. und 4. Oktober jeweils um 20.15 Uhr im Ersten. Nach dem ersten Teil folgt am 3. Oktober um 21.45 Uhr eine Dokumentation zu den Hintergründen des Geschehens.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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