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Insolvente „Abendzeitung“

Diese Zeitung gehört zu München

Von Jörg Michael Seewald
 - 13:30
Die Nachrichtenzentrale ist vom Feinsten. Hier würden die Redakteure der „Abendzeitung“ gerne weitermachen.

Wer dieser Tage die „Abendzeitung“ besucht, bekommt nicht den Eindruck einer Zeitung in Agonie. Jeder Hollywood-Produzent würde die modern anmutende Kulisse dankbar in einen Film einbauen. Von der Decke liefern mehrere Bildschirme ständig die Bilder der Nachrichtenwelt in ein Großraumbüro, an dessen Tischen in stiller Geschäftigkeit die Zeitung von morgen entsteht. Durch Glaswände kann jeder von außen dem Treiben der zugegeben nicht gerade zahlreichen Menschen beim Verfassen ihrer Texte oder beim Gestalten der Seiten zuschauen.

Von Juni an werden hier noch weniger Menschen arbeiten. Denn Ende Mai geht das Insolvenzgeld aus, und dem Insolvenzverwalter läuft die Zeit davon. Der Verlag spendiert aus eigener Tasche die Zahlungen für einen Extramonat. Noch immer ist die zweitgrößte Münchner Boulevardzeitung mit einer Auflage von etwa 100 000 Exemplaren nicht verkauft.

„Ein gut gemachtes Blatt mit hervorragenden Schreibern“

Nicht nur, dass die Verlegerfamilie Friedmann nicht schon in zahlreichen Interviews beklagt hätte, dass dieses Traditionsblatt des Boulevards totgeritten sei wie ein Pferd und jedes Jahr mehrstellige Millionensummen verschlang. Nun stellt sich auch noch heraus, dass jeder Käufer - egal ob es, wie zwischenzeitlich kolportiert, der ehemalige AZ-Geschäftsführer Ulrich Buser oder die konkurrierende Ippen-Gruppe wäre - nicht einmal die Namensrechte an der AZ erwerben könnte. Denn die liegen beim Nürnberger Verleger und Telefonbuch-Mogul Gunther Oschmann, der sie gemeinsam mit der Nürnberger AZ erwarb. Die starb 2012. Und Oschmann, so ist zu erfahren, sei nicht gewillt, das Namensrecht zu einem Vorzugspreis einem potentiellen Münchner AZ-Käufer abzutreten. Der Deal mit dem Namen könnte im Nachhinein das schlechte Geschäft mit der Nürnberger AZ mildern.

Also macht sich langsam Fatalismus breit in der Münchner AZ-Redaktion, die in Rufweite des Bayerischen Rundfunks liegt, dem gerade 260 000 Klassik-Welle-Hörer zu wenig sind, um ihnen weiter UKW-Frequenzen zur Verfügung zu stellen. So viel verkauft der ganze Münchner Boulevardmarkt an Zeitungen. Der Platzhirsch, die Münchner tz, sitzt auf der anderen Seite der Eisenbahnschienen, die in den Hauptbahnhof münden. Hier freut man sich über die clevere AZ-Kampagne, die den Wert einer Zeitung im Verhältnis zu einem Espresso vorrechnet. Die Erhöhung des Preises von sechzig Cent auf einen Euro unter der Woche und von achtzig Cent auf 1,20 Euro am Wochenende habe das Blatt nur zehn Prozent seiner Leser gekostet, heißt es bei der AZ. Was die tz freudig zum Anlass nahm, in halb so hohen Sprüngen (achtzig Cent, ein Euro) nachzuziehen. Dabei lautete die Maxime des früheren Chefredakteurs Herbert Riehl: „Solange ich etwas zu sagen habe, wird sie nie mehr als eine Mark kosten.“

Mit den Einzelverkaufspreisen decke man ohnehin nicht einmal die Druckkosten. Also müssen es die Anzeigenpreise bringen. Doch die werden heftiger denn je rabattiert, so dass bei der Ippen-Gruppe eigentlich Freude über den nahen Tod eines Konkurrenten herrschen müsste. Doch Ippen-Geschäftsführer Daniel Schöningh schlägt andere Töne an: „Die AZ ist ein gut gemachtes Blatt mit hervorragenden Schreibern und gehört zu München. Ihr Ende ist unvorstellbar, und es wäre nicht gut für die Münchner Zeitungslandschaft.“ Da liegt es nahe, dass die Ippen-Gruppe noch mitbietet, zumal Schöningh auch dem Insolvenzverwalter Axel Bierbach bescheinigt, „einen guten Job“ zu machen. Doch Schöningh bittet um Verständnis, dass „wir das weder kommentieren noch dementieren. Wir wollen die AZ weder beschädigen noch auf den Schild heben.“ Die Zeiten, als die AZ sich im freien Fall befunden habe, seien längst vorbei: „Unter neuer Leitung ist das ein ernstzunehmender Konkurrent.“

In München hat man Erfahrung mit arbeitslosen Journalisten

In Münchner Medienkreisen wird allerdings kolportiert, der Verleger Dirk Ippen habe sich einen Lebenstraum erfüllen und sich die AZ einverleiben wollen, doch Geschäftsleute aus seinem Umfeld hätten ihn bearbeitet, es nicht zu tun. Zu riskant sei das Boulevardgeschäft. Zumal auch in der Ippen-Gruppe die Dinge nicht alle rund laufen. Bei einer Betriebsversammlung des „Münchner Merkur“ sei unlängst das Wort „betriebsbedingte Kündigungen“ gefallen, heißt es, was Geschäftsführer Schöningh nicht bestätigen will. Es sei nur eine „Abteilungsversammlung“ des „Merkur“ gewesen, um nach den ersten Tagen der seit Januar amtierenden neuen Chefredakteurin Bettina Bäumlisberger eine Zwischenbilanz zu ziehen, sagt er. „Dabei ist nur gesagt worden, dass die Erträge zurückgehen und wir in Zukunft mit weniger Leuten den gleichen Arbeitsumfang leisten müssen.“ Aus der Redaktion des „Merkur“ ist zu hören, das Wort von der betriebsbedingten Kündigung sei sehr wohl gefallen. „Nicht direkt fürs nächste halbe Jahr, aber doch als verschwommene Aussicht am Horizont und so, dass hier jetzt Unruhe herrscht.“

Nun sind nicht mehr so viele Szenarien denkbar. Man nutzt den Juni, den die AZ-Besitzer über das im Mai auslaufende Insolvenzgeld hinaus ihrer Belegschaft spendiert haben, um kartellrechtliche Bedenken aus dem Weg zu räumen und mit der tz zu verhandeln, aus deren Belegschaft zu hören ist, dass man den viel besseren AZ-Online-Auftritt fürs eigene Haus brauchen könnte. Daniel Schöningh redet die Rechtefrage am AZ-Namen im Übrigen klein: „Die halte ich nicht für bedeutsam.“

Die AZ-Leser würden potentiellen Anzeigenkunden erhalten bleiben, „denn unserem Wissen nach werden die AZ-Leser nicht zur tz greifen, die verflüchtigen sich einfach, wenn die AZ verschwindet“. Ulrich Buser, der ehemalige Geschäftsführer, der angeblich über ein überzeugendes Konzept verfügt, lässt auf Nachfrage ausrichten, er wolle sich zum Thema AZ nicht äußern. Der Insolvenzverwalter lässt derweil wissen, dass mit einer Entscheidung im Mai nicht zu rechnen sei. Und dass sich weitere Interessenten ins Spiel gebracht hätten.

Für die verbliebenen Redakteure, die sich beinahe ohne freie Mitarbeiter und Fotoredaktion durchschlagen müssen, ist das so gut wie einerlei. Die wenigsten hoffen auf ein Wunder. Ihre Jobs hängen am seidenen Faden. „Wer schlau war, hat sich etwas zurückgelegt“, sagt jemand. Dabei machten die Personalkosten bei der AZ nicht einmal zehn Prozent der Gesamtkosten aus. Und die Druckkosten konnte der Insolvenzverwalter Axel Bierbach senken.

Das Münchner Arbeitsamt indes hat Erfahrung mit arbeitslos werdenden Journalisten. Die Räume von Gruner & Jahr im Münchner Osten, wo auch die SZ ihren Sitz hat, stehen schon gespenstisch leer. Die Reste der „Neon“- und „Nido“-Redaktionen folgen in diesen Tagen den Häuflein von PM und „Eltern“ nach Hamburg. Am 1. August werden acht Blätter der Funke-Gruppe (darunter „TV Piccolino“ und „die 2“), die an die Klambt-Gruppe in Baden-Baden gehen, aufgelöst. Wie es heißt, wechselt nur ein einziger Redakteur in den Südwesten, an mehr sei Klambt nicht interessiert gewesen.

Quelle: F.A.Z.
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