Interne Chats im Bundestag

Die AfD ist ein Trümmerhaufen

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
20.05.2022
, 14:30
Was wollen die da? Konstruktive Politik machen? Wohl kaum. Alice Weidel und Alexander Gauland im Bundestag.
Der ARD sind 40.000 Chat-Nachrichten der AfD-Bundestagsfraktion zugespielt worden. Was steht drin? Frauen-, Schwulenfeindliches, Rassistisches, Umsturzphantasien. Man sieht, was in der Partei los ist. Das ist ein Offenbarungseid.
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„Die Ratte Merkel an der Spitze! Diese Volksverräterin gehört lebenslang in den Knast!“ Wem würde man eine solche Äußerung zuordnen? Einem Bundestagsabgeordneten der AfD. Von einem solchen stammt sie. Es ist eine Nachricht von 40.000 aus der Chatgemeinschaft, welche die Bundestagsfraktion der AfD in der vergangenen Legislaturperiode unter dem Namen „Quasselgruppe“ gebildet hat.

Mindestens 76 von 92 Parlamentariern haben sich hier gemeldet. Sie setzen üble Beleidigungen ab, ergehen sich in Umsturzphantasien („Wir müssen wohl warten, bis das alte Regime wirtschaftlich ans Ende kommt und der Funke aus Österreich, Italien, Frankreich usw. überspringt. Das wird kommen und für die dann ebenfalls kommenden gnadenlosen Kämpfe müssen wir uns rüsten“).

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Die eigene Fraktion als „Chaosladen“

Sie äußern sich frauen-, schwulenfeindlich (etwa gegen Jens Spahn) und rassistisch. Sie beschäftigen sich vor allem aber mit sich selbst und ihrer Partei- und Fraktionsführung („Chaosladen“, „Schlafwagenvorstand“), die als vollkommen unfähig erscheint.

Der Firlefanz, den die AfD im Bundestag betreibt (Hammelsprung und durchzählen am späten Freitagnachmittag), um die anderen Fraktionen zu nerven („Quälstrategie“), wird bejubelt, aber ebenso kritisiert. Es brauche eine Strategie, mahnen besonnenere AfD-Abgeordnete, und immer wieder wird der Ruf nach einer gemeinsamen Linie und denjenigen laut, die diese formulieren. Doch da kommt nichts und da ist nichts – außer destruktiven Kommentaren. Jeder stänkert gegen jeden.

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Die Chats sind ein Dokument präpotenter Selbstüberschätzung, Selbstzerfleischung und Zerrüttung, ein Offenbarungseid. Rechercheuren von NDR und WDR sind die Chats zugespielt worden. In einem Podcast und dem Film „AfD-Leaks: Die geheimen Chats der Bundestagsfraktion“ (in der Mediathek und am Montag um 22.50 Uhr im Ersten) werden sie ausgebreitet.

Die AfD-Abgeordnete und Vertreterin des „gemäßigten“ Flügels, Joana Cotar, setzt sich im Film deutlich von den dokumentierten Ausfällen ab, der Rechtsaußen-Frontmann des „Flügels“ und ehemalige Abgeordnete Hansjörg Müller bekräftigt das nationalistische Pathos, das viele Chatbeiträge prägt und dessen Auswüchse dafür gesorgt haben, dass der Verfassungsschutz die Partei beobachtet. Sollte der Rechtsextremist Björn Höcke dort eine noch größere Rolle spielen als bisher, hätte der Verfassungsschutz noch mehr Grund, die antidemokratischen Tendenzen der AfD zu verfolgen.

Die Fraktionschefin Alice Weidel lächelt die in den Chatbeiträgen formulierten Anwürfe, die sich persönlich vor allem gegen sie richten, souverän weg. Wer bei der AfD in der ersten Reihe stehe, sagt sie, sei so etwas gewohnt. „Da müssen die sich überlegen, ob sie sich vielleicht ein anderes Hobby suchen, anstatt ihre Zeit zu vergeuden, permanent in Chats reinzuschreiben. Da würde ich mir mehr Einsatz in der parlamentarischen Arbeit wünschen“, sagt Weidel. Hätte sie von den Äußerungen, die ihr vorgelegt werden, Kenntnis gehabt, wäre sie dagegen vorgegangen. Doch Alice Weidel war nicht Mitglied der „Quasselgruppe“. Deren Name kann stellvertretend für die ganze AfD stehen. Diese Partei braucht niemand.

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Sendungen über die AfD-Leaks

Podcast: „Die Jagd. Die geheimen Chats der AfD-Bundestagsfraktion“ (Online ARD Audiothek und Spotify: Freitag, 20.5., ab 10 Uhr. Lineare Ausstrahlung WDR5 Tiefenblick: ab Samstag, 21.5.).

TV-Doku: „AfD-Leaks: Die geheimen Chats der Bundestagsfraktion“ (Online ARD Mediathek Freitag, 20.5., ab 10 Uhr). Lineare Ausstrahlung: Das Erste, Montag, 23.5., 22.50 Uhr).

STRG_F:„AfD-Leaks: So chattet die AfD.“ (Online Youtube/ARD Mediathek Dienstag 24.5.).

Quelle: FAZ.NET
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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