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Patricia Schlesinger vom RBB

Wir tun, was wir können

Von Helmut Hartung
Aktualisiert am 25.03.2020
 - 20:40
„Unsere wichtigste Funktion ist in diesen Tagen definitiv, Orientierung zu bieten“: die Intendantin des Rundfunks Berlin Brandenburg, Patricia Schlesinger..
Ist die Corona-Krise eine Chance für den Journalismus? Und für die öffentlich-rechtlichen Sender? Die Intendantin des Rundfunks Berlin Brandenburg, Patricia Schlesinger, sieht ihr Haus gut aufgestellt.

Was ist für Sie in der aktuellen Situation die wichtigste Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Unsere wichtigste Funktion ist in diesen Tagen definitiv, Orientierung zu bieten. Das bedeutet, Hintergründe zu erläutern, Informationen zu prüfen und sie verständlich weiterzugeben. Darum geht es im Wesentlichen, und der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann das leisten: Dafür sind wir einst geschaffen worden – als wesentliche Institution für das Funktionieren unserer Demokratie.

Wird der rbb zum „Corona-TV“?

Nein, wir können und wollen nicht rund um die Uhr nur über das Virus, seine gesundheitlichen Auswirkungen und die damit verbundenen Konsequenzen für unser Leben berichten – auch wenn diese Berichterstattung zurzeit einen Großteil unseres aktuellen Programms ausmacht. Die Menschen suchen Familienprogramme, Kultur- und Bildungsangebote. Zudem bekommen sie zusätzliche Sendungen für Kinder und Schüler, die zu Hause sind. Auch diese Erwartungen und Bedürfnisse in hoher Qualität abzudecken ist gegenwärtig eine ganz wichtige Aufgabe für uns. Wir können damit Zusammenhalt stiften, quer durch alle Altersgruppen, gesellschaftliche Milieus und Religionen, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in dieser Krise für alle da, muss für alle da sein. Wir wollen gerade jetzt ein „guter Freund“ für unsere Zuschauerinnen, Hörer, Nutzer sein, jemand, den ich gern zu mir hole, wenn es schwierig wird, wenn ich Trost benötige, aber auch, wenn ich eine gute Zeit oder einen guten Abend haben, mich zerstreuen oder unterhalten möchte.

Ein sinnvolles Verhältnis zwischen Information und Unterhaltung.

Natürlich ist das Coronavirus gegenwärtig das beherrschende Thema in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig beschäftigen wir uns selbstverständlich auch mit anderen Themen. Dieter Nuhr steht für sein „Nuhr im Ersten“ nicht mehr vor Publikum im Säälchen, sondern sitzt allein zu Hause und schaltet zu seinen Gästen. Mit unserer Aktion „Der rbb macht’s“ schließen wir Lücken, die im gesellschaftlichen und kulturellen Leben entstehen, weil Kulturstätten wie Museen, Konzerthäuser, Theater und Kinos geschlossen sind. Wir haben am Sonntag einen ökumenischen Gottesdienst mit evangelischen, katholischen, jüdischen und muslimischen Mitwirkenden aus der Gedächtniskirche übertragen, Lutz Seiler liest bei rbbKultur im Radio seinen neuen Roman „Stern 111“ vor, seit Montag gibt es zweimal am Tag Sport zum Mitmachen, zusammen mit Vereinen. Gerade wenn das Publikum nicht mehr zu den Ausstellungen, Aufführungen oder Lesungen gehen kann, bringen wir diese großartigen Angebote zu den Menschen. Wenn es zu Hause eng wird, weil die Menschen kaum mehr vor die Tür gehen, können wir so wieder mehr Weite schaffen. Der Auftakt war am 12. März die Übertragung von „Carmen“ aus einem leeren Saal der Deutschen Staatsoper. Dieser Livestream hat im Netz weltweit 160000 Menschen erreicht – die Reaktionen der Zuschauer waren überwältigend. Wir haben ein Konzert der Berliner Philharmoniker gestreamt und ein „Extrakonzert“ unter anderem mit Lang Lang aus dem Konzerthaus Berlin. Weiteres ist in Vorbereitung.

Sie kümmern sich also um die Grundversorgung bei Hochkultur.

Wir denken auch an die jüngeren Zuschauer. Radioeins und Arte Concert unterstützen eine Aktion der Berliner Clubs: Täglich wird abends ein Video-stream live aus einem Berliner Club übertragen – das volle Programm mit DJ und Licht, nur ohne Tänzer. Neben solchen DJ-Sets, Live-Musik und Performances bietet die Plattform auch Gesprächsrunden, Vorträge und Filme rund um clubkulturelle Themen. So schaffen wir hoffentlich für alle Bevölkerungsgruppen eine Vielfalt von Angeboten. Dazu gehören zum Beispiel auch virtuelle Rundgänge durch Museen der Region. Der rbb nimmt die Nutzerinnen und Nutzer auf 360-Grad-Touren in das Potsdamer Barberini-Museum, das Alte Museum in Berlin und weitere Sammlungen mit.

Vergüten Sie die Übertragungen den Häusern auch wie üblich?

Wir vergüten Aufwände, aber wir sind weit von den komplizierten Lizenzvereinbarungen und auch Lizenzzahlungen entfernt, die solchen Übertragungen sonst vorausgehen müssten. Die Häuser treten als großzügige Partner auf, die das Interesse des Publikums in den Mittelpunkt stellen. Die gleiche Großzügigkeit zeigen Künstlerinnen und Künstler, bei unserem jüngsten Projekt mit dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt traten die Weltklasse-Musiker ohne Honorar auf.

Wie sehen Sie Ihre Verantwortung gegenüber Produzenten und Künstlern? Spielt der „Solidaritätsgedanke“, den Angela Merkel fordert, eine Rolle?

Das spielt für uns eine große Rolle. Wir sind in Gesprächen mit den jeweiligen Verbänden, um den Produktionsunternehmen und Künstlern zu helfen. Andererseits müssen wir mit dem Rundfunkbeitrag verantwortungsbewusst umgehen und genau abwägen, wofür wir dieses Geld ausgeben. Wir werden die bestehenden Verträge erfüllen. Die ARD und die Degeto sind zusätzlich bereit, 50 Prozent der noch verbleibenden Mehrkosten zu tragen, falls trotz Nutzung aller staatlichen und kommunalen Hilfen weiterhin finanzielle Ausfälle entstehen. Wir sind da in der Verantwortung.

Reicht das für kleinere Produzenten? Der Produzentenverband hat einen Notfallfonds gefordert, der sich etwa aus ungenutzten Kef-Mitteln speist. Was halten Sie davon?

Wir können zurzeit nur von Tag zu Tag reagieren. Die „ungenutzten Kef-Mittel“ hat der rbb nicht. Und das Geld, das wir derzeit nicht für Regelprogramm oder Events nutzen, fließt unmittelbar in aktuelle Berichterstattung oder Sonderprojekte. Die Produktionsfirmen stehen für viele auch kleinere Unternehmen, denen durch unsere Maßnahmen massive Ausfälle entstehen, das reicht vom Kantinenpächter bis zu den Lieferanten für Verbrauchsmittel. Ich sehe deutlich die Gefährdungen für die Kreativwirtschaft; sie werden inzwischen ja auch von staatlicher Seite erkannt. Die ARD hat bereits ihre Bereitschaft zur Unterstützung signalisiert. Wir tun, was wir können.

Welche Konsequenzen hat die Epidemie für die Arbeitsabläufe im rbb?

Bei uns arbeiten viele Mitarbeitende nicht im Sender, sondern zu Hause. Damit haben sich die Arbeitsabläufe deutlich verändert. Kurze Absprachen von Büro zu Büro oder über den Flur sind nicht mehr möglich, wir nutzen Telefon oder Videokonferenzen. Das funktioniert auch deshalb, weil wir Prioritäten setzen, sowohl bei den Sendungen als auch bei den Mitarbeitern. Die Mehrzahl der Kollegen aus der Verwaltung arbeitet inzwischen im Homeoffice.

Der Bayerische Rundfunk hat – weil viele Kollegen erkrankt sind – zwei Radioprogramme zusammenlegen müssen.

Wir müssen mit unseren personellen Ressourcen haushalten, denn wir wissen nicht, wie sich die Pandemie entwickelt. Um für solche Entwicklungen vorbereitet zu sein, haben wir „A“- und „B“-Teams gebildet, und wir haben die Standorte Berlin und Potsdam getrennt, obwohl sonst zahlreiche Mitarbeiter in beiden Städten arbeiten. Es existiert jetzt also ein Team für Potsdam und eines für Berlin, ebenso halten wir es mit unseren Studios. Falls die Infektionsfälle stark zunehmen, können wir an dem einen Ort noch sendefähig sein, falls der andere nicht mehr genutzt werden darf. Ähnliches gilt für die Technik. Es ist alles eingeschränkt, aber es funktioniert.

Im Netz verbreiten sich Falschinformationen über das Virus. Was setzen Öffentlich-Rechtliche dagegen?

Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Die Menschen können uns vertrauen und tun es auch. Deshalb erreicht gegenwärtig die „Tagesschau“ zum Beispiel Jahreshöchstwerte. Am vergangenen Sonntag sahen 18,8 Millionen Menschen diese Hauptnachrichtensendung. Im Normalfall erreicht die „Tagesschau“ an die zehn Millionen Zuschauer. Wir bemühen uns, durch Sachlichkeit und wissenschaftlich begründete Informationen der Hysterie im Netz Fakten entgegenzusetzen. Das leisten wir mit guten Journalistinnen und Journalisten und in Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen unserer Region. So, und das registrieren ja auch einige andere Medien, leisten die öffentlich-rechtlichen Sender insgesamt eine überzeugende Arbeit.

Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité, sagte kürzlich, der politische Journalismus müsse den Wissenschaftsjournalismus vortreten lassen – in allen Medien.

Ich verstehe das grundsätzliche Anliegen. Andererseits ist politischer, einordnender Journalismus mindestens ebenso gefragt wie Wissenschaftsjournalismus, weil die Politik herausgefordert ist und in kurzer Zeit Entscheidungen von großer Tragweite treffen muss. Das sollten Journalisten weiterhin hinterfragen und erläutern. Es gibt bei uns keine Vorschriften für die Berichterstattung oder deren Schwerpunkte. Ich weiß, dass unsere Journalistinnen und Journalisten die Lage und die Probleme professionell gewichten und ihre Arbeit danach ausrichten. In der Senderealität erleben wir ja genau die Verschiebung, die Herr Drosten erwartet, es kommen immer häufiger Wissenschaftler zu Wort. Das politische Leben wird in diesen Zeiten von der Coronavirus-Epidemie bestimmt.

Das Gespräch führte Helmut Hartung. Er ist Chefredakteur von medienpolitik.net.

Quelle: F.A.Z.
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