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Computerspiel „Trüberbrook“

Jede anständige Verschwörung beginnt in der Provinz

Von Claudia Reinhard
 - 20:55
Kriminell provinziell: Hans Tannhauser gerät in „Trüberbrook“, einem verschlafenen Nest in Deutschlands Süden, einer weltbewegenden Verschwörung auf die Spur.

Beverly! Ich bin angekommen! Ausgespuckt in der düsteren Leere Europas!“, sagt Hans Tannhauser in sein Aufnahmegerät, nachdem er von einem gelben VW Bulli in der Nähe des ehemaligen Luftkurortes Trüberbrook abgesetzt wurde. Ein Mausklick auf den Fahrplan an der verlassenen Haltestelle verrät: Der nächste Bus kommt in zwei Wochen. Der Amerikaner mit deutschen Wurzeln hat also gar keine andere Wahl, als sich in dem fiktiven Provinznest einzurichten, idyllisch gelegen an einem See, umringt von schneebedeckten Bergen.

Die Reise war der Gewinn eines ominösen Preisausschreibens, an dem der Physiker eigentlich nie teilgenommen hat. Antreten wollte er sie dann trotzdem, doch statt der erhofften Ruhe zur wissenschaftlichen Arbeit erwartet ihn in Trüberbrook ein großes Abenteuer. Schon in der ersten Nacht werden seine Forschungsunterlagen von einer Gestalt gestohlen, deren leuchtende Fußabdrücke Tannhauser zu einer Verschwörung führen, die die Zukunft des Planeten für immer verändern könnte.

„Es scheint, als seien Adventure Spiele eine fast verlorene Kunstform. Sie existieren in unseren Träumen, unseren Erinnerungen ... und in Deutschland.“ Zu diesem Schluss kam der Spieleentwickler-Pionier Tim Schafer im Begleitvideo zu seiner Crowdfunding-Kampagne für das Spiel Broken Age – und überzeugte die Investoren. Statt der angestrebten 400000 Dollar sammelte er von seinen Unterstützern auf der Plattform Kickstarter über drei Millionen ein und setzte damit neue Standards für die Finanzierung von Computerspielen. Wie viel von dem Geld aus Deutschland kam, verriet der Entwickler nie, den Ruf der Adventure-Nation hatte er aber mit seinem vielzitierten Satz gefestigt.

Die Spiele lebten von ihrem liebevollen 2D-Design

Als Tim Schafer Ende der achtziger Jahre seine Karriere begann, erlebte er die goldenen Zeiten des Adventure-Genres, also Spielen, bei denen die Geschichte im Vordergrund steht und durch das Lösen von Rätseln aufgearbeitet wird. Bei LucasArts, der Spielefirma von Star-Wars-Erfinder George Lucas, arbeitete er an Titeln, die bis heute absoluten Kultstatus innehaben: Day of the Tentacle (1993), Vollgas (1995) und der Monkey-Island-Reihe (1990–2000), dem bekanntesten Vertreter des Point-and-Click-Adventures überhaupt.

Die Spiele lebten von ihrem liebevollen 2D-Design, exzentrischen Charakteren, komischen Dialogen und absurden Rätseln – Kriterien, die Ende der neunziger Jahre aus dem Fokus gerieten, als vor allem Titel mit der sich stetig verbessernden 3D-Grafik die Spieler faszinierten. Zudem wurden Konsolen immer beliebter, und für die bot sich dieses Genre, das seinen Namen dem Mausklick verdankt, freilich nicht an. Keine Maus, kein Point-and-Click. Und während das Genre international seitdem noch kein wirkliches Comeback erlebt hat, entwickeln vor allem deutsche Studios seit gut zehn Jahren wieder erfolgreiche Adventures wie die „Deponia“- (Deadalic Entertainment), oder die „Book of Unwritten Tales“-Reihe (King Art).

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Dieser Tradition folgt nun „Trüberbrook“. Es kommt passenderweise als explizit deutsch daher und hat denn auch Anfang April den Deutschen Computerspielpreis als „bestes deutsches Spiel“ gewonnen. Die verschiedenen Kapitel werden im Suhrkamp Titelstil angezeigt, die Charaktere heißen Tannhauser, Gretchen und Barbarossa. Die Geschichte spielt in der westdeutschen Provinz von 1967, die Entwickler sprechen von einem „Heimatfilm-Motiv“.

Auch die Trüberbrook-Finanzierung kam teilweise über Kickstarter zustande. 80000 Euro setzten sich die Entwickler der bildundtonfabrik (btf) zum Ziel, 200000 bekamen sie. Wie dieses Geld investiert wurde, wird deutlich, sobald die erste Szene aufblendet – noch nie war ein deutsches Point-and-Click-Design so zauberhaft ausgestattet. In minutiöser Handarbeit haben die Macher alle Sets tatsächlich als Modell gebaut, im Studio statt im Computer, und erst anschließend digitalisiert. Der analoge Charme bleibt dabei erhalten, und die Sets erinnern in ihrer detailreichen Modellierung und der entrückten Aura an Stop-Motion-Filme wie Wes Andersons „Der fantastische Mr. Fox“ oder Henry Selicks „Coraline“ (beide 2009).

Was nicht funktioniert, kann kaum noch ausprobiert werden.

In Gestalt des schlaksigen Tannhauser klickt sich der Spieler unter anderem durch eine angestaubte Frühstückspension, das dorfeigene Sanatorium und eine Silbermine, deren Stilllegung nach der Übernahme durch eine internationale Kooperative viele Trüberbrooker ihren Job kostete. Die Künstler der btf haben Orte geschaffen, an denen man sich als Spieler gerne aufhält, wenn nötig auch länger: ein Umstand, der für den Spielspaß an Point-and-Click-Titeln schon immer essentiell war, weil die Lösung der Rätsel oft exzessives Ausprobieren erforderte.

Hier entfernt sich Trüberbrook allerdings von seinen Vorbildern, indem der Handlungsspielraum extrem verknappt wird. Konnte man in Spielen wie Monkey Island noch alle Gegenstände in der Tasche potentiell miteinander kombinieren und auf andere Objekte in der Welt anwenden, ist die Auswahl jetzt eingeschränkt. Was nicht funktioniert, kann kaum noch ausprobiert werden.

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Das spart Frust und Zeit, aber auch der triumphale Höhenpflug bleibt aus, wenn man zum Beispiel endlich herausgefunden hat, dass die Zusammenstellung von Käsespieß, Schnaps und Schilfrohr einen Betäubungspfeil ergibt, mit dem der entlaufene Fuchs vom Baum geschossen werden kann, für den uns sein Besitzer dann den Schlüssel für die kaputte Seilbahn überlässt. Wem das immer noch zu kniffelig ist, der kann sich mit einem Knopfdruck alle Gegenstände anzeigen lassen, mit denen Interaktion möglich ist – für Adventure-Veteranen natürlich ein Unding.

Neben den herausragenden Sets überzeugt Trüberbrook mit seiner Vertonung. Prominente Sprecher wie Nora Tschirner, Jan Böhmermann oder Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow liefern die Dialoge mit einer Nonchalance ab, die im Kontrast zum genretypischen grotesken Humor gut funktioniert. Dass die eigentliche Story dabei schon mal aus dem Fokus gerät, gehört im Point-and-Click-Adventure zum Konzept, doch nicht zuletzt durch die Vereinfachung lässt Trüberbrook den Spieler mit seiner Narration am Ende etwas enttäuscht zurück. Die Spielzeit ist mit etwa sechs Stunden schlicht zu kurz für die Komplexität, die im Thema steckt, die Rätsel können das nicht kompensieren, weil sie kaum Nachdenken erfordern. Schwieriger, als Runen, Hieroglyphen und lateinische Schrift in die korrekte chronologische Reihenfolge zu bringen, wird es nicht.

Die politische Situation im Jahr 1967 spielt keine Rolle

Das typisch deutsche Element, das die Macher betonen und der Titel vermuten lässt sucht man zudem vergeblich. Die politische Situation im Jahr 1967 spielt keine Rolle, die Charaktere fallen weitgehend schablonenhaft aus, und auch die Sets lassen kaum an deutsche Natur oder Einrichtung denken. Eine Wurstauslage im Fleischereifenster macht noch keine deutsche Provinz. Typisch deutsch ist bei Trüberbook in erster Linie die ausgestellte Liebe zum Adventure-Genre, mit minimalen Anpassungen könnte das Spiel aber genauso gut in zum Beispiel den USA spielen. Das ist an sich kein Problem, stört aber ein wenig aufgrund der fehlgeleiteten Erwartungshaltung durch das Marketing.

Den Preis für das „beste deutsche Spiel“ hat Trüberbrook trotzdem gewonnen und sich damit gegen Unforeseen Incidents (Backwoods Entertainment 2008), einen weiteren Genre-Vertreter, durchgesetzt, der wiederum zum besten deutschen Jugendspiel erkoren wurde. Immerhin gelingt es Trüberbrook sogar, den „Klick“ erfolgreich auf das Konsolenspiel zu übertragen. Dinge, die benutzt werden können, ziehen den Cursor sanft in ihre Mitte, wenn der Spieler mit dem Controller darüberfährt. Das macht das Zeigen und Klicken auch vom Sofa vor Playstation und Co. durchaus angenehm. In Trüberbrooks „düsterer Leere Europas“ leuchtet die Zukunft von Adventures strahlend hell.

Trüberbrook, für Windows, Mac und Linux, seit dem 17. April auch für Xbox One, PlayStaton 4 und Nintendo Switch. Es kostet etwa 30 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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