Mode-Magazin „032c“

Geniale Amateure

Von Sascha Ehlert
Aktualisiert am 13.01.2021
 - 21:10
Jörg Koch, Erfinder und Creative Director des Lifestyle-Magazins „032c“
„032c“ ist mittlerweile eine Lifestyle-Marke inklusive eines Modelabels, dessen Stücke von NBA-Spielern, Influencern und Popstars getragen werden. Angefangen hat alles mit dem gleichnamigen Magazin. Ein Gespräch mit dem Creative Director Jörg Koch

Warum gründet man ein Magazin wie „032c“ – und warum macht man es 20 Jahre später immer noch?

Als wir zu Beginn der Nullerjahre mit „032c“ anfingen, musste man in Berlin die Dinge noch nicht ernsthaft angehen. Zum einen, weil die Lebenshaltungskosten gering genug waren, aber auch aufgrund mangelnder Arbeitschancen. Ich verstand „032c“ zunächst als Fanzine, um die neue zeitgenössische Kultur, bestehend aus Mode, Kunst, Architektur und Politik, abzubilden. Für diese Art von Zeitschrift gab es in Deutschland nicht wirklich einen Markt. Alle, die damals versucht hatten, irgendwelche englischsprachigen Konzepte wie „The Face“ oder „I.D.“ ins Deutsche zu übersetzen, waren gefloppt. Der Moment, in dem ich feststellte: damit kann man ja Geld verdienen, der kam erst nach langer Zeit. Zwanzig Jahre klingen natürlich in einer Zeit, in der Leute alle zwei Jahre ihre Jobs wechseln, ätzend lang. Am Ende geht es mir aber ganz schlicht darum, etwas aufzubauen, was von Dauer ist. Klassisch deutscher Familienunternehmen-Vibe.

„032c“ ist mittlerweile eine Lifestyle-Marke inklusive eines von Maria Koch geleiteten Modelabels, dessen Stücke von NBA-Spielern, Influencern und Popstars getragen werden. Wirtschaftlich gesehen, ist das Modelabel stärker als die Zeitschrift und würde auch allein funktionieren. Warum druckt ihr dennoch weiter Zeitschriften?

Weil das hier einfach der beste Job ist, den es gibt. Was gibt es Schöneres, als „032c“ zu machen? Wir können jeden anfragen, den wir reizvoll finden, die meisten haben Interesse. Wir haben die nötigen Budgets, um das Magazin zu machen, was wir machen wollen. Das ist eine sehr angenehme Art zu arbeiten, die für mich eine kleine Utopie darstellt. Zudem ist das Magazin weiterhin der Motor, der alle unsere anderen Aktivitäten – seien es Beratungen, Ausstellungen oder unsere Mode – antreibt und ideologisch unterfüttert. Ich bin skeptisch, ob man rein digital eine Marke aufbauen kann. Denn wenn man den Strecker des Servers herauszieht, dann ist das alles futsch. Wohingegen dieses Magazin wie eine Art Flaschenpost funktioniert. Da taucht dann auf einmal ein drei Jahre altes Heft auf dem Coffee Table von irgendwelchen Leuten auf.

In Ihrer aktuellen Modekollektion beziehen Sie sich auf die Berliner Punkszene der Achtziger, auf die Künstlergruppe Die Tödliche Doris und den mit dieser verbundenen Selbstbeschreibung „Geniale Dilettanten“. Und auch in der Zeitschrift beharren Sie regelmäßig auf dem „Amateurtum“ als Arbeitsprinzip.

Das Amateurhafte ist meiner Meinung nach das Wichtigste an „032c“. Die Idee von do it yourself, einfach rauszugehen, etwas aus Leidenschaft zu tun und nicht darauf zu warten, dass jemand einem die Erlaubnis dafür gibt. Dass wir gesagt haben: Wir transformieren dieses Magazin jetzt zu einem Modelabel – und ja, wir wollen eigentlich das größte Modelabel werden, das aus Deutschland kommt –, das ist ja nichts, um das man gebeten wird oder bei dem einem irgendwer unter die Arme greift. Man macht es einfach.

„032c“ lebt stark von der Kombination aus Modestrecken und ausführlichen Dossiers mit Texten, mal zu Helmut Lang, mal zu James Baldwin. Wie entwickeln Sie diese Schwerpunkte?

Die Redaktion besteht momentan aus vier Leuten, die im engen Austausch miteinander sind. Zudem gibt es bei „032c“ große Kontinuitäten. Nicht nur, weil ich das Heft seit zwanzig Jahren mache, sondern auch, weil beispielsweise unsere Executive Editor Victoria Camblin mit Unterbrechungen seit 2006 für „032c“ arbeitet. Dadurch passieren viele Sachen, so glaube ich, durch Osmose. Eine Person sagt: „Ich finde das interessant, lass uns was machen.“ Und dann wird’s gemacht. Wir werden oft gefragt, wie nun der Rapper Playboi Carti und das Traditionshotel Waldhaus Sils zusammengehen – und ja, unsere redaktionelle Arbeit entsteht aus einem ziemlich erratischen Prozess. Aber grundsätzlich gibt es auch in den Themenkomplexen, für die wir uns interessieren, starke Kontinuitäten.

Versuchen Sie, mit dem halbjährlich erscheinenden Titel den Zeitgeist zu antizipieren?

Wir haben heute eine Leserschaft, die viel jünger ist als zu unseren Anfängen. Ich glaube, das ist deshalb so, weil wir nicht bewusst versuchen, den Zeitgeist abzubilden – obwohl uns die meisten Leute sicherlich als „zeitgeistig“ bezeichnen würden. Als wir beispielsweise das Dossier „A Museum for James Baldwin“ machten, waren wir damit eigentlich ein Jahr zu früh dran. Wir haben auch mal ein Dossier über William T. Vollmann gebracht – selbstverständlich verkauft das keine Hefte. Und es war hilfreich, dass Rihanna auf dem Cover war. Das ist eine unserer größten Errungenschaften: dass wir solche Dossiers bringen und trotzdem die tollsten Anzeigenkunden haben.

Glauben Sie, dass eine 20-Jährige aus Seoul, die sich das Magazin wegen einer Titelstory über ihren Lieblingsrapper kauft, wegen „032c“ William T. Vollmann für sich entdeckt?

Sobald sich ein Kid so ein Magazin kauft, hat es dieses Produkt vor sich, in dem all diese Ideen stecken. Und ja, ich glaube daran, dass irgendwelche von diesen Ideen auch hängenbleiben. „032c“ war und ist, egal wie international die Leserschaft ist, klar in Berlin verhaftet. Wieso sind Sie mit Ihrer ohnehin international besetzten Redaktion nie ins Ausland gegangen? Natürlich könnten wir das Magazin mittlerweile überall machen, weil das, wofür „032c“ steht, mittlerweile ausdefiniert ist. Aber Berlin Mitte der neunziger Jahre zu erleben, das war nun mal das prägende Moment, das zur Entstehung dieser Zeitschrift führte. Die Idee, diverse Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören, in einem Lifestyle-Magazin zusammenzubringen, ist aus dieser Stadt heraus entstanden. Berlin war damals das kulturelle Labor und hat viele Entwicklungen vorweggenommen. Und ich denke, gerade weil wir in Los Angeles genauso gelesen werden wie in Moskau, ist es wichtig, dass unsere Leser uns lokalisieren können. Am Ende ist „032c“, obwohl es englischsprachig ist, immer noch ein deutsches Magazin. Als wir anfingen, wollte ich herausfinden,wie man etwas produzieren kann, was aus Deutschland kommt, aber dennoch in keine nationalen Fallen tappt. Wie schafft man etwas, das offen ist, sich aber dennoch verorten lässt?

Im Zentrum der aktuellen Ausgabe steht ein Rückblick auf 20 Jahre „032c“ und die Welt, in der Sie leben und Magazine produzieren. Dabei werden auch immer wieder die gesellschaftlichen Kontexte, in denen Sie publizieren, durchleuchtet, auch das sich verändernde Bewusstsein für ökologische Fragen. Langsam, aber sicher wird immer mehr Protagonisten in der Modeindustrie bewusst, dass sie umdenken müssen – wie stehen Sie dazu?

Das Magazin wird durch die Luxusindustrie und ihre Anzeigen finanziert. Und Luxus bedeutet auf eine Art immer: Verschwendung. Verschwendung von Emotionen, Arbeit, Budgets und so weiter. Ich glaube nicht, dass ein Nullwachstum förderlich oder produktiv ist, aber natürlich ist es wichtig, wie man Dinge produziert, wie man Ressourcen managt und diese Prozesse so verbessert, dass sie Ressourcen-neutral funktionieren. Das gilt natürlich auch für „032c“.

Das vergangene Jahr war in besonderem Maße geprägt von Diskussionen über grundsätzliche Fragen, zum Beispiel der danach, wer in einer rassistischen Welt eigentlich für wen sprechen kann. Auf welche Art und Weise spiegeln sich gegenwärtige Diskurse in „032c“?

Wir haben womöglich einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Publikationen in Deutschland. Und zwar den, dass viele dieser Diskurse für uns schon länger eine Rolle spielen. Unsere Belegschaft ist sehr divers, besteht größtenteils aus Frauen und setzt sich aus Menschen aus verschiedenen Kontinenten zusammen. Es gab also bei „032c“ 2020 keinen Heureka-Moment. Das ist eher ein gradueller Übergang, den wir konstant weiter verstärken.

In der aktuellen Ausgabe reflektiert Virgil Abloh, der aktuelle Menswear-Designer von Louis Vuitton, wie junge schwarze Männer wie er in der Vergangenheit dargestellt wurden – und macht daraus ein Readymade. Auf der anderen Seite habt ihr eine Bildstrecke mit dem HipHop-Musiker Gunna abgedruckt, die auf Rap-Video-Klischees setzt: Stripperinnen, Autos, obszön große Klunker, stapelweise Geld. Wie verträgt sich diese stereotype Darstellung mit Ablohs Bedürfnis, festgefahrene Rollenbilder aufzubrechen?

Wir sind sehr gut darin, Widersprüche auszuhalten – und beziehen Energie daraus. Diese stereotype Darstellung im Falle von Gunna funktioniert für mich als Hyper-Klischee, die mit der Idee einer ultimativen rap story spielt. Andererseits haben wir in derselben Ausgabe ja auch ein Feature, das eine sehr andere Selbstdarstellung eines jungen schwarzen Mannes feiert. In ihr steht der queere Theaterautor Jeremy O. Harris im Mittelpunkt. Harris und Gunna sind Teil derselben Generation, aber möglicherweise sehr weit voneinander entfernt – oder eben einander vielleicht doch sehr nah. Ich fände es einen Fehler, scheinbare Widersprüche in unseren Leben auszublenden.

Ist es euch explizit wichtig, mit eurer Themenauswahl ein diverses Spektrum zu präsentieren?

Absolut. Glücklicherweise habe ich ein sehr waches Team, das mich auch mal bremst, wenn ich einen älteren weißen Mann zu viel vorschlage.

Quelle: F.A.S.
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